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Hertha BSC scheitert im DFB-Pokal:Maximal besorgniserregend

Eintracht Braunschweig v Hertha BSC - DFB Cup: First Round

Total bedient in Braunschweig: die Berliner Peter Pekarik (links) und Arne Maier.

(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Hertha BSC verliert ein wildes Pokalspiel 4:5 bei Zweitligist Braunschweig. Der selbsternannte "Big-City-Club" präsentiert sich kurz vor dem Ligastart in einem schlechten Zustand.

Von Thomas Hürner, Braunschweig

Als hätten sie es prophezeit, oder zumindest mit ihren Kehlen herbeigeschrien. "Solang sich diese Erde noch dreht", sangen die Braunschweiger Fans, "werden wir zu dir stehen, mit dir den Weg nach oben geeehn!" 500 von ihnen durften dabei sein, mit Abstand postiert auf der Haupttribüne im Eintracht-Stadion, so hatte es das örtliche Gesundheitsamt genehmigt. Und die meisten standen und sangen noch ihre Hymne, als der Kapitän Martin Kobylanski einen langen Anlauf nahm und aus 25 Metern einen Freistoß abfeuerte, der die Dramaturgie des Abends vorgeben sollte.

Braunschweig, der Zweitliga-Aufsteiger und krasse Außenseiter, führte schon in der ersten Minute gegen Hertha BSC, den selbsternannten "Big City Club" und klaren Favoriten. Braunschweig führte dann noch einige weitere Male, und als die turbulente Partie abgepfiffen war, stand es 5:4 für die Heimelf. Die erste Pokalsensation war also schon am Freitagabend vollbracht, der Bundesligist war raus.

"Gefühlt war jeder Schuss ein Treffer", klagte hinterher Berlins Trainer Bruno Labbadia, er wählte einen bedächtigen Ton angesichts der vorangegangenen Ereignisse. Während der Partie war Labbadia noch wutschnaubend durch seine Coaching Zone gesprungen, mal hatte er sich an seinen Spielern, mal am Schiedsrichtergespann um Tobias Stieler entladen.

Nach einer halben Stunde stand es bereits 2:2

Auf der Pressekonferenz mühte sich Labbadia dann um eine sachliche Analyse, von Fatalismus erstmal keine Spur. Klar, eine "große Enttäuschung" hätten Labbadia und seine Mannschaft schon erfahren, aber er wolle seinen Spielern auch "die guten Sachen aufzeigen". Für den Trainer waren das "sehr viel Energie" und eine ansprechende Leistung in der Offensive.

Wer vier Mal trifft, kann dahingehend wirklich Argumente anführen, vor allem da es vor der Partie drei torlose Niederlagen in Testspielen gegeben hatte. Andererseits hatte Hertha ja auch fünf Tore kassiert und war von der ersten Minute an durch die Partie getaumelt wie ein Boxer, dem vom ersten Punch noch ganz schwindlig ist. Und der dann immer weiter einstecken muss, weil sein Gegner deshalb viele kleine, aber in der Summe doch sehr wirkungsvolle Treffer macht. Braunschweig bediente sich dem anarchischen Moment, der jedem Pokalspiel innewohnt, wenn der Außenseiter früh mit dem Potenzial des Abends in Berührung kommt. Ein "wildes Spiel" hat der neue Eintracht-Trainer Daniel Meyer gesehen, es dürfte sich nicht um Zufall gehandelt, sondern zum Matchplan gehört haben.

Die Partie wirkte wie eine Endlosschleife aus jagen, gejagt werden, wieder aufrichten und von vorne beginnen. Nach einer halben Stunde stand es 2:2, neben Kobylanski hatten zu diesem Zeitpunkt die Hertha-Angreifer Dodi Lukebakio (23. Minute), Cunha (29.) und Maximilian Mittelstädt getroffen, letzterer allerdings ins eigene Tor (17.). Dann stand es auch mal 3:3, einem weiteren Treffer von Braunschweigs Kobylanski (44.) konterte Peter Pekarik (65.), ehe es wieder der herausragende Spielmacher Kobylanski war, der seine Mannschaft in Führung brachte (67.).

Eintracht-Stürmer Suleiman Abdullahi machte den fünften Braunschweiger Treffer (73.), doch vorbei war da noch lange nichts. Nach Lukebakios erneutem Anschlusstor (83.) war es die Heimelf, die bedenklich wankte, jeden Winkel des Platzes aber weiter mit tiefster Entschlossenheit verteidigte. Eintracht-Trainer Meyer attestierte seinem Team eine "Gier" auf diesen Überraschungserfolg, sie habe "nicht aufgehört an sich zu glauben".

Für Torwart Alexander Schwolow war es ein "Alptraum-Spiel"

Ein bisschen mit Ansage war das trotzdem, was die Zuschauer im Eintracht-Stadion zu sehen bekamen. Hertha hat eine Saisonvorbereitung wie ein Menetekel hinter sich: Trainiert werden konnte häufig nur in einer kleinen Gruppe, da zahlreiche Spieler entweder verletzt waren oder sich nach Länderspielreisen in häusliche Quarantäne begeben mussten, gegen Braunschweig fehlte deswegen etwa Mittelstürmer Krzysztof Piatek. Pandemiebedingt gibt es bei den eigentlich neureichen Berlinern nur schleppende Transfergeschäfte, zehn Weggängen stehen nur vier Zugänge gegenüber.

In der Summe ergibt das eine Mannschaft, die sich fast überall im defizitären Bereich bewegt. Das Braunschweig-Spiel lieferte dafür zahlreiche Indizien, und in diesem Tonfall verlief dann auch Labbadias zweiter Teil seiner Analyse: Zu viele individuelle Fehler, schwache Abstimmung, falsche Entscheidungen der Spieler, mangelnde Konsequenz - um nur einige Kritikpunkte anzuführen, die der Hertha-Coach als maßgebend für die Niederlage identifizierte. Und die eine Woche vor dem Ligastart gegen Bremen maximal besorgniserregend sind.

Für Torwart Alexander Schwolow, erst vor wenigen Wochen aus Freiburg nach Berlin gewechselt, war es ein "Alptraum-Spiel". Und nicht nur das: "Es war furchtbar, eine Katastrophe", sagte Schwolow, der durch seinen Startelfeinsatz immerhin die vorläufige Gewissheit haben dürfte, dass er vor Rune Jarstein als Nummer eins zwischen den Pfosten in die Bundesliga-Saison gehen darf. Ansonsten darf man gespannt sein, wer demnächst alles den Kern dieser Hertha-Mannschaft bilden soll, nachdem Stürmer Vedad Ibisevic sowie die beiden Mittelfeldspieler Per Skielbred und Marko Grujic den Verein verlassen haben. Vor allem im Zentrum müssen sich die Hierarchien erst noch herausbilden: Santiago Ascacíbar ist verletzt, Lucas Tousart wird sich noch akklimatisieren müssen. Auch wenn der 25 Millionen Euro teure Zugang aus Lyon "seine Sache vor der Abwehr bereits gut gemacht" habe, wie Labbadia befand.

Den Braunschweigern kam natürlich gelegen, dass sich ihr Gegner noch in einer frühen Findungsphase befand, aber das änderte freilich nichts an der Besonderheit dieses Sieges. Vor etwas mehr als einem Jahr stand der Traditionsklub noch kurz vor dem Abstieg in die Viertklassigkeit, für das Gründungsmitglied der Bundesliga hätte alles ganz schlimm kommen können. Jetzt konnten immerhin 500 Fans feiern, mit Verspätung den Aufstieg in die zweite Liga und natürlich das Pokalwunder gegen Berlin.

© SZ/ebc
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