1. FC Kaiserslautern im DFB-Pokal:Gemeinheiten für den Erstligisten

1. FC Kaiserslautern im DFB-Pokal: Der FCK bejubelt das 1:0 durch Richmond Tachie (Mitte).

Der FCK bejubelt das 1:0 durch Richmond Tachie (Mitte).

(Foto: Revierfoto/Imago)

Zweitligist Kaiserslautern gewinnt vor brodelnder Kulisse hochverdient gegen frustrierte Kölner, die zwei Platzverweise kassieren und sich in einer "Scheißsituation" befinden, wie Trainer Steffen Baumgart feststellt.

Von Christoph Ruf, Kaiserslautern

Auf dem Betzenberg haben sie ein Ritual, das am Dienstagabend zehntausende Fans des 1. FC Kaiserslautern mit noch mehr Enthusiasmus inszenierten als nach banalen Zweitliga-Siegen. Unmittelbar nach Schlusspfiff wedelten die Anhänger der Pfälzer Fußballer also freundlich mit Papiertaschentüchern und sangen den Klassiker einer bekannten Musikgruppe aus Düsseldorf: "Es ist wohl besser jetzt zu geh'n, wir können keine Tränen seh'n. Schönen Gruß und auf Wiederseh'n."

Für die 5000 Kölner Fans muss das besonders gemein geklungen haben, denn die wenigsten dürften dabei ausschließlich an das gerade erlittene Aus in der zweiten Runde des DFB-Pokals gedacht haben. Dafür aber an einen Abschied aus der Bundesliga, der am Saisonende anstehen dürfte, wenn der 1. FC Köln weiter dermaßen überzeugend wie ein Absteiger auftritt, wie er das über eine Stunde in Lautern praktiziert hatte. Danach lag er 0:3 zurück. Zwar gelang es immerhin noch, aus einem 0:3 ein 2:3 zu machen, aber so richtig entschlossen wirkte selbst die Schlussphase nicht mehr, in der die frustrierten Kölner noch eine gelb-rote Karte für den bereits ausgewechselten Eric Martel und eine Rote für Florian Kainz kassierten.

Dieser Abend hatte nur einen Sieger verdient: Kaiserslautern, das auch am kommenden Samstag gegen Fürth wieder in einem ähnlichen Rahmen in der zweiten Liga spielen wird wie beim mit über 49 000 Zuschauern ausverkauften Pokalspiel. Auch zu den Liga-Heimspielen kommen im Schnitt fast 44 000 Zuschauer - damit wäre man im Mittelfeld der ersten Liga. Genau dorthin, finden zumindest die Fans, gehört der Verein von Fritz Walter, Horst Eckel und Hans-Peter Briegel auch. Doch seit 2006 hat der FCK 16 Jahre in der Zweit- und Drittklassigkeit verbracht - nur von 2010 bis 2012 war der Verein erstklassig.

"Wir sind insgesamt in einer Scheißsituation", sagt Kölns-Trainer Baumgart

In Dirk Schuster scheint man nun einen Trainer zu haben, der als unverstellter Typ optimal nach "Lautre" passt. Zumal sich der Fußball der Pfälzer unter ihm zuletzt wandelte: Die Spiele unter ihm waren in der vergangenen Saison zwar erfolgreich (Platz neun), lösten aber teils Schmerzen beim Zuschauen aus. Nun überzeugt der FCK immer öfter auch fußballerisch. Schuster will jetzt - nach neun Gegentoren in drei Spielen gegen Düsseldorf, Hamburg und Köln - zusätzlich die "unendliche Liebe zum Verteidigen" sehen, ohne "ein optisch besseres Fußballspiel" zu vernachlässigen. Gegen den FC hat das über weite Strecken ganz gut geklappt.

Dabei hatte Kölns Trainer Steffen Baumgart versucht, seine Spieler nach dem 0:6 in Leipzig mit einem regelrechten Wutausbruch auf der Spieltags-Pressekonferenz bei der Ehre zu packen - um dann mit ansehen zu müssen, wie sein Team den kompletten ersten Durchgang ohne Ideen und Feuer absolvierte. Davie Selke verkörpert solch ein Spiel vereinsübergreifend gerne mal, so auch vor dem 0:1 durch Richmond Tachie (19.), als er den Ball vertändelte. Das 0:2 fiel, echt blöder Zeitpunkt, direkt nach der Halbzeit durch Kenny Prince Redondo (47.), der zuvor die komplette linke Außenbahn für sich gehabt hatte. Und als der starke Spiellenker Marlon Ritter, der zuvor beide Tore eingeleitet hatte, per Freistoß das 3:0 schoss (65.), folgte das nur der Logik des Abends.

Der Drei-Tore-Rückstand dokumentierte die Kräfteverhältnisse gut, und das war aus Kölner Sicht umso bitterer, als es auch beim Zweitligisten an der ein oder anderen Stelle hakte. Am offensichtlichsten in der Offensive, wo Terrence Boyd immer noch nicht recht in Tritt ist und Tachie als zweite Spitze nicht durchgehend überzeugte. Doch dass dem Zweitligisten in Ragnar Ache ihr derzeit erfolgreichster Stürmer fehlt, fiel nicht mal sonderlich auf. "Wir sind insgesamt in einer Scheißsituation", sagte Baumgart nach dem Spiel: "Ich glaube aber nicht, dass die Jungs nicht wollten, das war schon ein anderes Gesicht als gegen Leipzig." Der Mut bei den Offensivaktionen habe aber gefehlt.

Zuletzt hatte der FCK zweimal hohe Führungen verspielt - diesmal reicht es bis zum Schlusspfiff

Immerhin besann sich der Gast dann im vor sich hin brodelnden Fritz-Walter-Stadion doch noch mal, und schoss zwei Tore durch Jan Thielmann (61.), der nach langer Verletzungspause eingewechselt worden war, und dem ebenfalls lange absenten Mark Uth (71.). Doch die Gelassenheit, mit der Lauterns Kapitän Jean Zimmer das Ganze einordnete, die konnte man nachvollziehen. Der fand es "klar, dass da noch etwas vom FC kommen würde" und beschrieb damit die letzte halbe Stunde gut. Köln war nun besser, auch besser als die Gastgeber, die wütend verteidigten. Aber eine gute Bundesligamannschaft hätte wohl mehr daraus gemacht, zumal angesichts des jüngsten Lauterer Traumas.

Schließlich hat der FCK zuletzt zwei Mal hohe Führungen gegen Düsseldorf (3:4) und den HSV (3:3) aus der Hand gegeben und aus zwei starken Ligaspielen nur einen Zähler geholt. "Den meisten ist hier ein großer Stein vom Herzen gefallen, als der Schiedsrichter abgepfiffen hat", sagte dann auch Marlon Ritter, der aber nicht sonderlich überrascht wirkte, dass ein Zweit- einen Erstligisten aus dem Wettbewerb geschmissen hatte. Warum auch? "Der FC hat gerade eine schwache Phase. Das wollten wir ausnutzen."

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