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DFB-Machtkampf:Nur Rainer Koch klammert noch

DFB-Präsident Fritz Keller (rechts) und sein Vize Rainer Koch beim Bundestag 2019.

(Foto: Daniel Roland/AFP)

Der radikale Schnitt an der DFB-Spitze rückt näher. Vize Koch scheint noch nicht zur Aufgabe bereit zu sein - hat aber neuen Ärger mit dem Profilager.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Der Machtkampf im Deutschen Fußball-Bund (DFB) läuft im Dauermodus. Nach Monaten voller heftiger Auseinandersetzungen, nach diversen Strafverfahren und immer mehr Fragwürdigkeiten rund um einen ominösen Beratervertrag, nach der Aufregung um eine Nazivergleich-Entgleisung und nach einem denkwürdigen Misstrauensvotum der Amateurvertreter gegen Topfunktionäre am Wochenende schält sich immer deutlicher heraus: Es wird bald zum harten Schnitt kommen an der DFB-Spitze - der Verband braucht wohl ein neues Führungsquartett.

Drei aus der aktuellen Führungscrew haben sich offenbar schon damit abgefunden, dass ihre Zeit an der Verbandsspitze zumindest mittelfristig vorbei ist. Aber einer trotzt weiter dem Gegenwind: Vizepräsident Rainer Koch, ewiger Strippenzieher und oberster Amateurvertreter.

Bei den anderen beschädigten Spitzenfunktionären sieht es nach Abschied aus. Präsident Fritz Keller muss nach einem Beschluss der Ethikkommission vors Sportgericht, weil er seinen Vize Koch mit dem früheren Nazi-Richter Roland Freisler verglichen hat; er wird sein Amt auf Dauer kaum halten können. "Ich übernehme selbstverständlich für meine Äußerung Verantwortung vor dem zuständigen Sportgericht", sagte Keller der Bild.

Von General Curtius und Schatzmeister Osnabrügge sind Rückzugssignale zu vernehmen

Eine Stellungnahme des Generalsekretärs Friedrich Curtius legt nahe, dass er zwar nicht zum sofortigen Rückzug, aber zu Gesprächen über eine Vertragsauflösung bereit ist. Curtius ist fest angestellt beim DFB, von daher dürfte entscheidend sein, auf welche Modalitäten man sich einigen kann. Schatzmeister Stephan Osnabrügge wiederum habe auf der Amateurkonferenz am Wochenende, so berichten Teilnehmer, klar dargetan, dass er ohnehin nur noch bis zum nächsten DFB-Bundestag im Herbst 2022 im Amt bleiben will.

Zwar erweckt manches Manöver den Anschein, dass es um Zeitgewinn geht. Aber klar ist schon: Es gibt Rückzugssignale. Nur nicht bei Koch, dem altgedienten Topfunktionär, der besonders tief in der Bredouille steckt. An ihn richten sich besonders viele Fragen rund um den mysteriösen 360 000-Euro-Vertrag mit dem Kommunikationsberater Kurt Diekmann, bei dem unklar ist, wofür das Geld floss. Schon, weil Koch Diekmann lange kennt und mit ihm bereits 2012 und 2016 Treffen zu heiklen Themen hatte. Am Wochenende sprachen die Vertreter der Landes- und Regionalverbände Koch zwar knapp das Vertrauen aus (21 Ja, 13 Nein, drei Enthaltungen) - doch es gehört zu den Kuriositäten, dass Koch dank seiner Ämterhäufung gleich vier Stimmen selbst zustanden. Dass es überhaupt eine geheime Abstimmung über ihn und die anderen Führungsleute gab, dass dabei so viele Amateure ihre Missbilligung ausdrückten und dass sie diese Resultate dann auch noch publiziert sehen wollten - das ist ein neuer, sehr bemerkenswerter Vorgang in der DFB-Welt.

Es ist auch als ein Wink an das Profilager zu verstehen: Seht her, wir könnten langsam wieder zusammenfinden. Bei den Profis ist Rainer Koch ohnehin seit Langem ungern gesehen; er gilt nicht wenigen als Spalter mit seinem zigfach vorgetragenen Mantra, die Profis wollten die Amateure ausbooten. Solange dieses Narrativ im Amateurlager wirkte, ließ sich stets die Einheit gegen einen großen, gemeinsamen Feind beschwören: die Deutsche Fußball Liga (DFL) unter deren Chef Christian Seifert.

Da ist es vielleicht kein Zufall, dass sich diese angebliche Feindkonstellation Amateure/DFL schon am Tag nach dem großen Amateurtreff öffentlich erneut Bahn brach. Aufregung schuf, zumindest verbandsintern, eine Medienstory, wonach DFL-Chef Seifert einen perfiden Anschlag plane: Er beabsichtige, sich nach seinem für 2022 avisierten Ausstieg mit einer Private-Equity-Firma zusammentun, um mit dieser die Kronjuwelen des DFB an sich zu reißen: Länderspiele, DFB-Pokal. Seifert fand diese Unterstellung nicht so witzig und weihte am Dienstag die Präsidiumskollegen nicht nur in die Medienanfrage ein, die ihm zu den angeblichen Plänen vorgelegt worden war, er verschickte auch einen Brief an eine größere Runde, in dem er Vize Koch zur Rede stellt.

Denn es soll angeblich Koch gewesen sein, der zuletzt Befürchtungen ins Feld geführt habe, die DFL wolle den DFB "strukturell zerschlagen" - so hatte es Seifert zumindest der Medienanfrage entnommen. Seifert fordert Koch nun zur Klarstellung auf. Der wies das in einem Antwortschreiben, in dem er seinerseits die DFL scharf attackierte, zurück. Er habe nie gesagt, dass die DFL den DFB zerschlagen wolle, das sei "nicht einmal ansatzweise so". Nebenbei wurde im Brief an Koch aber auch die fachliche Absurdität so einer Übernahmeidee abgehandelt. Sie wäre "dumm und unattraktiv", weil die Vermarktung der besten DFB-Rechte bekanntlich gar nicht durch diesen selbst erfolgt, sondern zentral durch Verbände wie die Uefa.

Dem Verband steht nun eine richtungsweisende Vorstandssitzung bevor

Damit rückt der Zielpunkt in Sichtweite: eine Sondersitzung des DFB-Vorstandes. Dieser ist eine Art erweitertes Präsidium und nach dem Bundestag das zweithöchste Gremium, hier sitzen die Mitglieder des Präsidiums und der Amateurkonferenz sowie zwölf Vertreter der Liga. Das Stimmverhältnis mit dem Profilager sieht so aus, dass das Spitzenquartett geschlossen zum Rückzug bewegt werden könnte.

Das würde den Verband auch davor bewahren, dass der Präsident ein Verfahren vor dem Sportgericht durchlaufen muss. Bizarrerweise ist Keller der erste große Fall, den die 2016 eingerichtete Ethikkammer behandelt. Die Keller-Causa dürfte sich bis Ende Mai ziehen, danach wäre auch noch eine Berufung vorm Bundesgericht möglich. Sollte aber der DFB-Vorstand zuvor schon gegen alle vier Spitzenleute votieren, gilt Kellers Rückzug als gesichert. Gemeinsam mit den anderen. Dann könnte aufgeräumt werden.

© SZ/cca/ebc
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