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Nominierung für DFB-Kader:Das sind Löws Härtefälle

Wird man sie je wieder so sehen? Thomas Müller, Marco Reuss, Mats Hummels im Trikot der Nationalmannschaft.

(Foto: Imago (3))

Zum letzten Mal nominiert der scheidende Bundestrainer eine EM-Auswahl. Wen nimmt er mit? Und wem kann er ruhigen Gewissens einen Stammplatz in Aussicht stellen?

Von Jonas Beckenkamp, Carsten Scheele und Martin Schneider

Thomas Müller (FC Bayern)

Sport-Club Freiburg v FC Bayern Muenchen - Bundesliga
(Foto: Matthias Hangst/Getty Images)

Einer war ja immer überzeugt, dass Thomas Müller in die Nationalelf gehört: nämlich Thomas Müller. Er hat nach seinem DFB-Aus im Frühjahr 2019 deutlich vernehmbar gegrummelt, sich dann aber professionell auf seine Vereinsaufgaben konzentriert. Und er konnte genüsslich betrachten, wie die Zahl seiner Skeptiker mit jedem starken Auftritt geringer wurde. Wann genau er seinen Hauptskeptiker, Bundestrainer Löw, überzeugt hat, von seinem ursprünglich gefassten Beschluss abzurücken, ist nicht genau überliefert. Würde Löw den Münchner nach all den positiven Anzeichen nun doch nicht nominieren, wäre dies nur noch damit zu erklären, dass sich der scheidende Bundestrainer wirklich mit dem ganz, ganz großen Knall verabschieden möchte.

Mats Hummels (Borussia Dortmund)

RB Leipzig v Borussia Dortmund - DFB Cup Final 2021
(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Hat ein paar sehr, sehr gute Wochen hinter sich. Hat nicht nur den DFB-Pokal gewonnen und sich mit dem BVB für die Champions League qualifiziert, sondern hatte auch noch recht mit seiner Vorhersage, dass dies eintreten würde, wenn man Trainer Edin Terzic vertraut. Ist noch immer der gleiche Spieler wie bei seiner Ausmusterung: Stärken im Spielaufbau, Schwächen in der Endgeschwindigkeit, ausgestattet mit Führungsspielergenen. Letztere stellen Löw vor die Frage: Mitnehmen und spielen lassen? Oder würde sich ein Hummels auch im Dienst an der Sache auf die Bank setzen? Letzte Wasserstandsmeldungen vom Dienstagabend, etwa bei Sport1, deuteten darauf hin: Er ist dabei.

Marco Reus (Borussia Dortmund)

RB Leipzig - Borussia Dortmund
(Foto: Michael Sohn/dpa)

Für einen Mann mit seinem Können sind 44 Länderspiele geradezu lachhaft wenig. Er war halt oft nur fast dabei, wenn es in die großen Turniere ging. Oder er durfte nicht so recht wegen taktischer Zwänge oder weil wieder mal ein Arzt malade Muskeln bei ihm ausmachte. Und eigentlich wäre er für diese EM längst abgeschrieben gewesen, wenn er nicht plötzlich einen Hemdsärmelfrühling hingelegt hätte. Pokalsieger mit dem BVB, anerkannte Qualitäten auf höggschdem Niveau und eine beträchtliche Formstärke - das waren seine "Assets", wie es neudeutsch heißt. Verletzungsanfälligkeit, kritische Blicke aus dem Bayern-Block und die Konkurrenz in der Offensive sprachen gegen ihn. Kurz vor Löws Bekanntgabe am Mittwoch gab er dann selbst via Instagram bekannt: "Nach einer komplizierten, kräftezährenden und am Ende 'Gott sei Dank' erfolgreichen Saison habe ich gemeinsam mit dem Bundestrainer beschlossen, nicht mit zur EM zu fahren."

Jérôme Boateng (FC Bayern)

FC Bayern München - Paris Saint-Germain
(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Bei der EM wohl vereinslos, der FC Bayern lässt seinen Vertrag gerade auslaufen und einen neuen Klub hat er aktuell auch noch nicht. Abseits des Platzes mit Schlagzeilen, die man nicht über sich lesen will, auf dem Platz beim FC Bayern mit soliden bis starken Leistungen, der fast sichere Bald-Bundestrainer Hansi Flick hielt immer an ihm fest. Aktuell deutet aber nichts auf eine Rückkehr in die Nationalmannschaft hin, seine Nominierung wäre eine Überraschung, sein Sommerurlaub gilt als gesichert.

Julian Draxler (Paris Saint-Germain)

Ligue 1 - Paris St Germain v Stade de Reims
(Foto: BENOIT TESSIER/REUTERS)

2017 gab er nach Länderspielen noch staatsmännische Interviews. Kein Wunder, denn er fungierte beim Confed Cup als Kapitän in Löws Bubi-Truppe. Auf Draxler konnte der Bundestrainer erstaunlicherweise immer bauen. Selbst dann, wenn der wieder nur dem Übersteiger frönte anstatt sein Talent auszuspielen. Mittlerweile ist Löws grenzenlose Zuneigung erkaltet. Er sieht in Draxler nicht mehr die Zukunft des deutschen Kreativspiels. Schließlich hängt der seit Jahren in Paris fest, wo er nur dann ran darf, wenn die anderen Übersteigerkönige mal nicht können. Und wo er trotzdem gerade seinen Vertrag bis 2024 verlängert hat. Löw kann sich allzu große Nibelungentreue kaum leisten. Denn da wo Draxler gerne herumschnixt, herrscht Über(steiger)angebot beim DFB.

Toni Kroos (Real Madrid)

Toni Kroos zu Löw-Abschied
(Foto: Christian Charisius/dpa)

Seitdem er spielt, gibt es Menschen, die an Toni Kroos zweifeln, seine Querpässe zählen oder seine Defensivsprints beäugen. Und immer dann, wenn diese Menschen lauter werden, gewinnt Kroos mal wieder die Champions League. Dieses Jahr nicht, Stammspieler bei Real Madrid war er bis zu seinem positivem Corona-Befund Anfang der Woche trotzdem und seine Pässe (ob quer oder lang) entscheiden weiterhin Spiele. Aber das Mittelfeld der Nationalmannschaft ist hart umkämpft (Kimmich, İlkay Gündoğan, eventuell ein fitter Goretzka), Thomas Müller kommt wahrscheinlich zurück und echtes Pressing kennt er von Real ja auch nicht. Zwei Möglichkeiten: Entweder wird Kroos Löws größter Härtefall - oder er beweist es zum hundertsten Mal seinen Kritikern.

Leon Goretzka (FC Bayern)

Deutschland - Nordmazedonien
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Der Bundestrainer hat prinzipiell kein Problem damit, Plätze für verletzte Spieler freizuhalten. Zuletzt praktiziert vor der WM 2018, als Löw Kapitän Manuel Neuer nominierte, obwohl dieser zuvor wegen eines Fußbruchs acht Monate lang ausgefallen war. Es wurde eine Punktlandung: Die WM ging los, Neuer war fit (dass Deutschland früh ausschied, lag nicht am Torwart). Diesmal könnte Löw mit Goretzka ähnlich verfahren. Der Münchner laboriert an einem Muskelfaserriss, die Prognosen besagen aber, dass er zum EM-Start einsatzfähig sein wird. Löw weiß: Ein kleines Risiko bleibt, aber für den torgefährlichsten Mittelfeldspieler könnte man durchaus ein Plätzchen freihalten.

Die Linksverteidiger

Deutschland - Tschechien
(Foto: Robert Michael/dpa)

Man kann sie sich immer noch nicht schnitzen und so ist der Posten links hinten schon viel länger als das Sturmzentrum die größte Problemstelle der Nationalmannschaft. Philipp Lahm war der letzte, der da spielte wie geschnitzt, Jonas Hector war ebenfalls ganz gut, aber der ist ja auch zurückgetreten. Marcel Halstenberg, Robin Gosens und Philipp Max (im Bild) sind diesmal die Kandidaten und keiner wurde bislang mit Philipp Lahm verglichen. Aber: Löw sitzt ja sehr oft in Freiburg auf der Tribüne. Dort ist der Kapitän Christian Günter einer der unterschätztesten Spieler der Liga und rein zufällig... genau: Linksverteidiger.

© SZ/bek
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