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DFB-Machtkampf:Das Geheimnis der Hydra

Dr Stephan OSNABRUEGGE Osnabrügge neu gewaehlter DFB Schatzmeister bekommt BLumen von Dr Rainer; DFB Koch Osnabrügge

Die Zwischenbefunde der internen Prüfer veranlassten Schatzmeister Stephan Osnabrügge (links) zu einem Brandbrief.

(Foto: Sven Simon/imago)

Was steckt hinter einem ominösen Beratervertrag des DFB aus dem Jahr 2019? Das interne Prüfgremium legt einen alarmierenden Zwischenbericht vor - zugleich tauchen bisher nicht bekannte Rechnungen auf.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Es ist ein großes Geheimnis, das den Deutschen Fußball-Bund (DFB) seit Monaten aufwühlt und in die Spaltung treibt. Dabei wirkt der Sachverhalt zunächst völlig banal: Es geht um einen Vertrag für einen Kommunikationsberater, der außergewöhnlich gut dotiert war. Allerdings wird die genaue Tätigkeit dieses Mannes und der tiefere Zweck seines Wirkens bis heute von einer Riege Top-Funktionäre abgeschirmt. Und zwar so entschlossen, dass Präsident Fritz Keller, 64, sogar Rechtsgutachter und Wirtschaftsprüfer zu Rate ziehen musste, um etwas mehr über diese mysteriöse Beratungstätigkeit zu erfahren.

Nun hat er mehr erfahren: Vor etwa einer Woche legte der interne Prüfungsausschuss einen Bericht vor, der beispiellos ist in Klarheit, Schärfe und Diktion. Die Finanzexperten versuchten den skurrilen Umständen um diesen Vertrag mit dem Kommunikationsberater Kurt Diekmann, 74, nachzugehen - ihr Zwischenbefund ist so vernichtend wie der eines zweiten, externen Prüfstabs bei der renommierten Wirtschaftskanzlei Ebner Stolz. Beide benennen gravierende Mängel zu Abrechnungen und Unterlagen - und stellen alarmierende Fragen. Es geht immerhin um 360 000 Euro plus Spesen, die Diekmann erhalten haben soll; das ist keine Kleinigkeit, da sollten klare Belege vorliegen. Weil ihm diese bisher fehlen, bringt der Prüfungsausschuss sogar die Möglichkeit ins Spiel, die Sache forensisch ein weiteres Mal untersuchen zu lassen. Oder: gleich eine Selbstanzeige zu stellen.

Der Prüfbericht ist also ein heftiger Schlag in das mit Keller verfeindete Lager um Vizepräsident Rainer Koch, Generalsekretär Friedrich Curtius und Schatzmeister Stephan Osnabrügge. Dieses Trio hatte den Diekmann-Vertrag, so lautet die offizielle Version, 2019 auf den Weg gebracht. Nun zürnen die Drei vehement, dass die Vertragssache doch noch gar nicht ausermittelt sei, mancher Schluss der Prüfer sei sogar grottenfalsch. Man habe das Gremium um rasche Korrektur gebeten.

Der Berater Diekmann stellte weitere Rechnungen - ausgerechnet im Umfeld des DFB-Dienstleisters Esecon

Aber die undurchsichtige Vertrags-Geschichte ist nur ein Problem-Komplex. Angefacht wird das Thema nun durch neue Hinweise, die der SZ vorliegen: Es geht um weitere Rechnungen des Beraters - diesmal aber nicht direkt beim DFB eingereicht, sondern im Innenverkehr mit einer Firma, die im Netzwerk eines DFB-Dienstleisters angesiedelt ist: des Unternehmens Esecon.

Vielleicht werden die Prüfer ihren Bericht nun also tatsächlich überarbeiten müssen: in Hinblick auf diese neuen Erkenntnisse. Also eher nicht so, wie es sich die Vertragspartner um Diekmann, Curtius und Co. vorstellen.

Esecon - das ist das Berliner Forensik-Unternehmen, das fast parallel mit Diekmann im Frühjahr 2019 eine stille, lange nicht kommunizierte Tätigkeit für den DFB begann. "Hydra" lautet der Codename dieses Projekts. Esecon sollte Ungereimtheiten im DFB aufspüren, erst in dessen Kooperation mit dem Langzeit-Vermarkter Infront, später auch zu Geldflüssen rund um die WM-2006-Affäre. Insbesondere für die "mediale Begleitung" dieser Themen, so die Begründung des DFB, erhielt Diekmann die zirka 360 000 Euro plus Spesen. Das allein ist eine erstaunliche Summe - aber nun zeigt sich eben, dass Diekmann für das Projekt "Hydra" an anderer Stelle weitere Leistungen in Rechnung stellen durfte. Bei einer Firma, die erkennbar im Netzwerk eines führenden Esecon-Mannes sitzt.

Mehrmals im Laufe des Jahres 2020 wurde Diekmann von der Mitarbeiterin des Esecon-Topmanagers instruiert, er könne "für Hydra" Rechnungen in unterschiedlicher, stets fünfstelliger Höhe stellen. Als Rechnungsadresse diente eine Firma namens Zelos Communication, später verwies die Mitarbeiterin des Top-Esecon-Managers auf eine Namensänderung des Adressaten der Rechnungen: Zelos Projektentwicklungs- und Vertriebs GmbH. Deren früherer Name lautete: Esecon Communication GmbH. Man kennt solche Wechselspiele aus Briefkasten-Geflechten.

Die Firma Esecon teilte der SZ am Donnerstag auf Anfrage mit, dass die besagten Zahlstellen, die Zelos-Firmen, nichts mit ihr zu tun hätten. Und dass mit Diekmann keinerlei Leistungs- oder Vertragsbeziehung bestünde. Der Anwalt von Diekmanns Agentur beantwortet Anfragen zum Themenkreis gar nicht. Der Geschäftsführer von Zelos wiederum, zugleich ein Esecon-Topvertreter im engen Austausch mit der DFB-Spitze, erklärte, Diekmann habe "zu keinem Zeitpunkt gegenüber meinen Unternehmen Leistungen für / oder im Zusammenhang mit den DFB erbracht und wurde folglich dafür auch nicht bezahlt". Also alles Zufall? Bliebe noch zu klären, warum sich die Rechnungsstellungen auf ein gewisses Projekt "Hydra" bezogen - so heißt der DFB-Millionenauftrag.

Im Oktober 2019 wurde der Vertrag geschlossen und rückdatiert auf den Mai. Aber schon im April flossen 21 000 Euro

Ein Kommunikationsagent, der unterm selben Projektnamen doppelt abgreift? Das wäre eine abenteuerliche Konstellation und würde den Verdacht nähren, dass es da eine zusätzliche Umwegfinanzierung gegeben haben könnte. Immerhin müssen beim DFB Auftragsvergaben ab 500 000 Euro im Präsidium vorgelegt werden. Dem Eindruck einer versteckten Zweitfinanzierung widersprach ein Esecon-Vertreter vorsorglich. Diekmann habe gegenüber Esecon "oder gegenüber dem DFB über Esecon" keinerlei Leistungen erbracht. Der DFB erklärt, ihm seien keine Parallel-Abrechnungen zwischen Esecon und Diekmann bekannt. Ein großes Rätsel scheinen diese Geldflüsse also für die Beteiligten zu sein. Und zumindest fragt sich nun, ob nicht massive Interessenskonflikte vorliegen, falls gut bezahlte Dienstleister unterm Projektnamen des gemeinnützigen Verbandes weitere diskrete Zahlungen untereinander austauschen.

Immer drängender wird daher die Frage: Was lief ab im Frühjahr 2019, als Diekmann und Esecon mit dem DFB ins Geschäft kamen? Bis heute gibt es dafür keine nachvollziehbare Erklärung. Erst im Oktober 2019 wurde der Vertrag signiert, angeblich wollten Curtius und Co. auf Kellers Wahl ins Präsidentenamt warten. Dann wurde der Kontrakt jedoch zurückdatiert, auf den 1. Mai 2019. Aber: Schon für April 2019 rechnete Diekmann eifrig ab.

Keller selbst legt schlüssig dar, dass er mit dem Vertrag nichts zu tun gehabt habe. Diekmann sei ihm kurz nach seinem Amtsantritt im Oktober 2019 vorgestellt worden. "Allerdings wurde der Vertrag bereits vorher ,gelebt' und war auch nicht durch mich verhandelt worden", sagt er. Das hatten seine Widersacher immer wieder angedeutet. Aber selbst, wenn Keller den Vertrag mit verhandelt hätte - warum "hat man sich dann später mir gegenüber auf Vertraulichkeitsklauseln berufen, die einer Übergabe von Informationen an mich angeblich entgegenstand?" Kellers Kampf um relevante Informationen in der Sache zog sich DFB-intern jedenfalls über Monate hin.

Fakt ist hingegen, dass der Berater Diekmann andere führende DFB-Akteure schon viel länger kannte. Diekmann und Vize Koch trafen etwa laut Aktenlage 2012 am Flughafen Hannover zusammen, Diekmann hatte eine Gruppe Funktionäre dorthin gelockt mit der Information, er verfüge über explosive Kenntnisse über Untaten im deutschen Fußball. Anfang 2016 war der Agent dann auch dabei, als sich Koch mitten in der WM-2006-Affäre mit dem Schweizer Compliance-Experten Mark Pieth traf. Die Frage nach weiteren Treffen ließ Koch unbeantwortet.

Und neben Koch kennt offenbar auch Curtius Diekmann schon länger. Interne Dokumente benennen ein Treffen im Juni 2018. Zur Frage nach dem Anlass schweigt der DFB.

All das führt zurück zu den Wirtschaftsprüfern, die sich zuletzt - auch schon ohne die nun enttarnten Zahlungen an Diekmann aus dem Esecon-Umfeld - die Haare rauften. Das Delta der Widersprüche gleicht allmählich dem Riss, den einst der Colorado-River in den Grand Canyon gezogen hat. Einerseits kann den Prüfern niemand die teuren Tätigkeiten des Beraters für den DFB schlüssig darlegen. Andererseits hat sich nun ein altvertrautes Szenario aufgebaut: die nächste juristische Fehde. Die Zwischenbefunde der internen Prüfer veranlassten Schatzmeister Osnabrügge zu einem Brandbrief, in dem er nicht nur eine angeblich bodenlose Fehlerhaftigkeit des Reports beklagt - sondern auch juristische Konsequenzen für die Verfasser androht. Weshalb diese, wie die SZ erfuhr, am Donnerstag darum baten, mit einem Rechtsbeistand versorgt zu werden.

Das Aufsichtsgremium will jetzt Anwälte - um sich gegen die DFB-Funktionäre zu verteidigen, die es überwachen soll

Das ist der nächste irrwitzige Vorgang: Das interne Aufsichtsgremium sucht Schutz gegen Attacken von Funktionären, die es zu überwachen hat. Oder haben die internen Revisoren und die Externen von der Gesellschaft Ebner Stolz derart Unsägliches fabriziert, dass jetzt auch an dieser Front Anwälte aufmarschieren müssen?

Beide Prüfstäbe monieren jedenfalls Ähnliches: dass aus den bisher vorliegenden "Leistungsnachweisen" des Beraters kein Wirken ersichtlich sei, das einen Vertrag über 360 000 Euro annähernd rechtfertigen könnte. Zuweilen lägen den Abrechnungen nur Basisinformationen zugrunde, es brauche weitere Unterlagen, "um den tatsächlichen Leistungsinhalt und -umfang abschließend" beurteilen zu können. Ratlos macht die Prüfer auch, dass Diekmanns Vertrag beim Abschluss am 9. Oktober 2019 auf den 1. Mai des Jahres zurückdatiert worden ist - statt auf den 1. April. Denn schon für April hatte der Agent ja 21 000 Euro netto abgerechnet. Und dieser April war ein höchst turbulenter Monat. Am 2. April musste DFB-Präsident Reinhard Grindel nach einer Reihe von Enthüllungen zu persönlichem Fehlverhalten den Hut nehmen.

Das war eine Entwicklung, die der angehende DFB-Berater Diekmann zu dem Zeitpunkt durchaus begrüßt hatte. Er hatte sich damals sogar, wie zu Wochenbeginn zuerst die Bild berichtete, nur wenige Tage vor Grindels Sturz in einer Mail an Journalisten des Spiegel, mit denen er lange zusammengearbeitet hatte, damit gebrüstet, an einer "Großkalibersalve" in das "Munitionslager des Grinch" mitgewirkt zu haben. Der "Grinch", das war damals noch der Präsident seines baldigen Großauftraggebers DFB.

Ob Diekmanns Prahlerei zutrifft oder ob andere Kräfte hinter Grindels Abgang standen, ist nicht geklärt. So oder so weist die - vertraglich nicht erfasste - April-Tätigkeit Diekmanns ein erstes Treffen schon am 3. April in Frankfurt aus. So vermerkte es ein dritter Stab von Wirtschaftsprüfern: Die Kanzlei Falk hielt schon im Januar fest, was nun auch die neuen Prüfgremien monieren - dass "die Abrechnung für April 2019 nicht durch den nachträglich geschlossenen Vertrag gedeckt" sei.

Im Angesicht all dieser Fragen fand es der Prüfausschuss nun "umso erstaunlicher", dass Präsident Keller die Vertragspapiere "nicht auf erste Anforderung ausgehändigt wurden, zumal der Präsident gleichermaßen wie der Generalsekretär und Schatzmeister Teil des persönlich haftenden BGB-Vorstands ist". Noch weniger nachvollziehbar sei, weshalb die präsidiale Einsichtnahme erst "durch ein eigenes Rechtsgutachten erzwungen werden musste". Auch sei für sie "noch nicht abschließend erkennbar, weshalb der Vertrag genau nach einer Summe von 360 000 Euro beendet wurde". Weil doch gerade in der Zeit danach, als der Streit zwischen Keller und Curtius öffentlich eskalierte, "eine kommunikative Begleitung nach wie vor von Nutzen für den DFB" gewesen wäre. Und die DFB-eigene Kommunikationsabteilung sei ja "auskunftsgemäß nicht ausreichend in der Lage" gewesen, diese Aufgabe zu meistern.

Der DFB teilt zum Prüfbericht mit, dass es aufgrund der "dort noch nicht vollständig ermittelten Tatsachen und daraus gezogener falscher Annahmen" zu juristisch unrichtigen Erwägungen gekommen sei. Zugunsten des Prüfungsausschusses müsse unterstellt werden, dass es sich nur um einen "Zwischenbericht" gehandelt habe. Also: Die Prüfer werden schon noch zur Vernunft kommen?

Die Zerreißprobe jedenfalls steht vor dem Showdown. Am Wochenende trifft sich die DFB-Spitze mit den Vertretern der 21 Landesverbände in Potsdam zur Krisenrunde. Dort wollen sie zu der jüngsten unsäglichen Nazivergleich-Entgleisung von Keller gegenüber Koch beratschlagen - der Präsident hatte seinen Vize in einer Sitzung kürzlich mit dem Nazi-Richter Roland Freisler verglichen. Und es geht - eingedenk des immer heikleren öffentlichen Bildes des DFB - darum, wie sich der Machtkampf zwischen Keller und dem Koch/Curtius-Lager auflösen lässt. Im Raum steht bereits ein vorgezogener Bundestag mit Neuwahlen. Und: die Auftragserteilung für eine externe forensische Untersuchung des Kurt-Diekmann-Vertrags. Der wird, das ist schon sicher, in die Geschichte des DFB eingehen.

© SZ/cca
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