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DFB:Basis fordert Vertrauensfrage

Fritz Keller

Fraglich, wie lange sich Fritz Keller nach seiner Nazi-Entgleisung noch im Amt halten kann.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Nach der Nazi-Entgleisung von Präsident Fritz Keller eskaliert der DFB-Machtkampf. Ein Landeschef fordert den kollektiven Rückzug der aktuellen Spitze, doch die Beteiligten kämpfen verbissen um ihre Ämter.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Der Showdown steht bevor im Deutschen Fußball-Bund (DFB). Nach monatelangem Machtkampf innerhalb der Führungscrew und dem unrühmlichen Gipfelpunkt, einer Nazi-Entgleisung von Präsident Fritz Keller gegenüber seinem Vizepräsidenten Rainer Koch, erscheint es unausweichlich, dass es an der Spitze des Verbandes zu Veränderungen kommt. Dazu könnten auch die Ergebnisse zweier Wirtschaftsprüfungen beitragen - deren Zwischenberichte bereits ein höchst heikles Szenario rund um einen mysteriösen Beratervertrag zeichnen und zu massiven, auch persönlichen Angriffen im Hintergrund führen. Am Samstag treffen sich die Vertreter der 21 Landesverbände sowie die DFB-Spitze, nun prescht der Schleswig-Holsteiner Landeschef Uwe Döring mit einer weitreichenden Forderung vor.

Er plädierte am Mittwoch auch gegenüber der SZ für einen kollektiven Rückzug der Spitze: "Es geht jetzt darum, dass die Personen im Präsidialausschuss die Vertrauensfrage stellen müssen." Der DFB benötige ein komplett erneuertes Führungsgremium.

Im Präsidialausschuss sitzen derzeit fünf Personen: Präsident Keller sowie seine drei Gegenspieler, Vize Koch, Generalsekretär Friedrich Curtius und Schatzmeister Stephan Osnabrügge. Fünftes Mitglied ist Peter Peters, der als Aufsichtsratschef der Deutschen Fußball-Liga (DFL) automatisch einrückt und Keller bisher stützt.

Nach SZ-Informationen gibt es in anderen Landesverbänden Sympathie für diesen Ansatz, der in einem vorgezogenen Wahl-Bundestag im Spätsommer münden und den gerade eskalierenden Machtkampf klären könnte. Die Beteiligten kämpfen jedoch verbissen um ihre Ämter; noch ist unklar, wie die Machtverhältnisse verteilt sind.

Rücktrittsforderungen an Keller bleiben aus

Am Montag war bekannt geworden, dass Keller in einer Präsidiumssitzung bereits am Freitag seinen Vize Koch als "Freisler" bezeichnet und so mit Roland Freisler, dem berüchtigten Vorsitzenden des Volksgerichtshofes im Nationalsozialismus, verglichen hatte. Viele Amateurvertreter distanzierten sich von Kellers Wortwahl, ebenso die Liga, die ihn bisher unterstützte. Curtius und Osnabrügge erklärten in einem gemeinsamen Statement, Kellers Äußerung sei "nicht hinnehmbar" und werde "aufs Schärfste verurteilt". Sie setzen auf die Ethikkommission, die sich um den Fall kümmert.

Es fällt aber auch auf, dass zumindest in den 48 Stunden nach Ruchbarwerden des Vorgangs keine Rücktrittsforderungen an Keller ergingen. Das war auch in den gleich am Freitag nachfolgenden Sitzungen nicht der Fall gewesen. Registriert wurde zudem, dass Curtius und Osnabrügge ihre Stellungnahme nur als Duo abgaben - und nicht gemeinsam mit anderen stimmberechtigten Mitgliedern des Präsidiums. Zu diesen gehören neben vier Ligavertretern auch sechs Amateur-Funktionäre. Die einflussreichen Regionalchefs hielten sich öffentlich zunächst ebenfalls zurück.

Das Oberlandesgericht München sah "Freisler" nicht als Schmähkritik

Am Dienstag kursierte unter den Landesverbänden zudem ein Urteil, das 2017 just das Oberlandesgericht München fällte - wo auch DFB-Vize Koch lange Jahre hauptberuflich wirkte, bevor er sich auf seine Funktionärstätigkeit im Fußball verlegte. Damals hatte ein Anwalt in einem Prozess die Richter des Senates mit Nazi-Richter Freisler verglichen, mehrmals in schriftlicher Form. Eine Verurteilung durch das Amtsgericht hob das OLG auf: Der Freisler-Vergleich sei keine Schmähkritik.

Nun ist die Frage, wie die nicht von Koch, sondern "interessanterweise von Generalsekretär Curtius" (Landeschef Döring) angerufene Ethikkommission den Fall sieht. Diese muss sich ohnehin mit allmählich einem Dutzend Anzeigen beschäftigen, die im Machtkampf eine der beiden beteiligten Seiten an sie heranträgt, sie will sich aber zunächst nicht äußern.

Die Zusammenarbeit mit dem Berater Diekmann ist weiter im Fokus

Zur Eskalation trägt neben Kellers Entgleisung auch die Entwicklung rund um eine Expertenuntersuchung zu der geheimnisvollen Zusammenarbeit des DFB mit dem Kommunikationsberater Diekmann bei. Dieser Vertrag war vom Curtius-Lager im Frühjahr 2019 auf den Weg gebracht worden, die Sache kostete den Verband gut 360 000 Euro und wird von Kellers Lager schon länger kritisch betrachtet.

Vergangene Woche legte dazu der unabhängige Prüfungsausschuss des Verbandes, den der frühere Stuttgarter Finanzvorstand Ulrich Ruf leitet, einen explosiven Zwischenbericht vor. Darin heißt es nach SZ-Informationen, dass ein transparenterer Umgang mit dem Vertrag die aktuelle Eskalation hätte vermeiden können. Die Prüfer monieren, im Gleichklang mit einer externen Prüfergesellschaft, einen beunruhigenden Mangel an Basisinformationen; angestellt werden sogar Überlegungen bezüglich einer forensischen Prüfung oder einer Selbstanzeige. Der DFB erklärte auf Anfrage, dass es aufgrund noch nicht vollständig ermittelter Tatsachen und falscher Annahmen zu juristisch unrichtigen Erwägungen gekommen sei. Er erbat eine Korrektur, dem Vernehmen nach noch bis zum Ende dieses Monates. Manches Mitglied des Prüfgremiums, so heißt es, fühlt sich unter Druck gesetzt.

© SZ/schm
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