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Nazi-Vergleich von Fritz Keller:Dieser DFB ist nicht mehr zu retten

vor DFB-Bundestag - Fritz Keller

Dass Fritz Keller unbeherrscht die Nazi-Keule rausholt, macht ihn wohl zum falschen DFB-Präsidenten.

(Foto: Andreas Gora/dpa)

Der Präsident vergleicht seinen Vize mit Hitlers Blutrichter Freisler - das ist nicht entschuldbar. Doch sein Rücktritt hätte eine andere, fatale Folge.

Kommentar von Claudio Catuogno

Nazi-Vergleiche sind immer falsch und nie zu entschuldigen. Sie verhöhnen die Millionen Opfer und verharmlosen die monströse Menschenvernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten. Dass DFB-Präsident Fritz Keller seinen Vizepräsidenten Rainer Koch in einer Präsidiumssitzung als "Freisler" bezeichnet hat, ist daher nicht wieder gutzumachen. Das ganze darauf folgende Tamtam um die Frage, ob Koch jetzt bereit ist, Kellers Entschuldigung anzunehmen, ob er sie vielleicht zunächst angenommen und es sich dann anders überlegt hat, aus Verletztheit oder aus taktischen Gründen oder weil er die Sache zunächst "in einem persönlichen Gespräch aufarbeiten" möchte, wie es Kochs Bayerischer Fußball-Verband mitteilte - es ist irrelevant. Es ist nicht Rainer Koch, der jetzt drüber zu befinden hat, ob man einen Nazi-Vergleich doch irgendwie mit einer Entschuldigung aus der Welt schaffen kann. Die Beleidigung weist unendlich weit über den Beleidigten hinaus.

Roland Freisler war Hitlers Blutrichter, der höchste Vertreter der nationalsozialistischen Unrechtsjustiz. Als einer der Teilnehmer an der Wannseekonferenz von 1942 organisierte und institutionalisierte er den Holocaust. Als Präsident des berüchtigten "Volksgerichtshofes" verhängte er 2600 Todesurteile, unter anderem gegen die Widerstandsgruppe "Weiße Rose" um Hans und Sophie Scholl. All das wissen - und auch das macht diese Geschichte so abenteuerlich - wahrscheinlich wenige Sportfunktionäre so gut wie Fritz Keller, 64. Seine Mutter veranstaltete daheim am Kaiserstuhl jüdische Stammtische, er selbst sagt von sich, er sei "mit der Erinnerungs-Kultur familiär verwachsen". Keller weiß, wer Freisler war. Rainer Koch war im Hauptberuf lange Zeit Richter am Münchner Oberlandesgericht.

Selbst wenn ihm sein "Freisler" in einem spontanen Wutanfall rausgerutscht ist, vernehmbar wohl nur für ein paar Sitznachbarn in einer internen Runde - Fritz Keller disqualifiziert sich damit als oberster Repräsentant von sieben Millionen DFB-Mitgliedern. Die Empörung ist so angemessen wie die aus Sport und Politik an ihn herangetragene Forderung, Keller möge seinen Hut nehmen. Und trotzdem, so schwer einem dieses Urteil fällt, sollte Keller genau das jetzt (noch) nicht tun. Gerade aus Verantwortung für die sieben Millionen DFB-Mitglieder. Denn das Schiff, das Keller verließe, wäre dann ja nicht führungslos. Es würde von den noch Falscheren gesteuert.

Noch einmal: Nichts rechtfertigt auch nur im Ansatz einen Freisler-Vergleich. Aber jenseits dieser Entgleisung muss man sich schon auch die Frage stellen, wie tief dieser Verband gesunken ist, wenn der DFB-Präsident gegenüber jenem Vizepräsidenten, der ihn doch 2019 mit ins Amt gehoben hat, inzwischen derart ausfallend wird. Kann es Zufall sein, dass der mächtige Vize Koch, im Amt seit 2007, eine Chef-Fehlbesetzung nach der anderen aus der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise geleitet? 2015 Wolfgang Niersbach, der über die "Sommermärchen"-Affäre stolperte, 2019 Reinhard Grindel, der über die Luxusuhren-Affäre stolperte - und 2021 nun Fritz Keller, der über seine Nazivergleich-Affäre stolpert?

Wenn Keller geht, dürfen Koch und Curtius nicht bleiben

Der Machtkampf, der seit Monaten zwischen Keller auf der einen sowie Koch und Generalsekretär Friedrich Curtius auf der anderen Seite geführt wird, nimmt mehr und mehr die Züge eines finsteren Schurkenstücks an. Und am Freitag mündete er also in jener fatalen Präsidiumssitzung. Es ging mal wieder um die Schlüsselfigur der Affäre: den Kommunikationsberater Kurt Diekmann, seit Jahren ein Bekannter von Koch. Eine Berichterstattung der Bild stand kurz bevor, wonach Diekmann sich im Frühjahr 2019 gebrüstet haben soll, gemeinsam mit dem Spiegel den damaligen Präsidenten Grindel zu Fall zu bringen. Was es umso erstaunlicher macht, dass Diekmann schon kurz darauf zum DFB überlief und dort über 300 000 Euro Honorar kassierte. Wofür genau, wird gerade intern wie extern untersucht. Was Diekmann nicht davon abhielt, kürzlich eine Strafanzeige gegen Keller zu stellen, wegen angeblichen Geheimnisverrats rund um seinen mysteriösen Beratervertrag.

Ein DFB-Chef muss gehen, und im Umfeld des Abgangs taucht ein Kommunikationsberater auf; bald darauf kassiert der dann ordentlich DFB-Geld - und schießt nun gegen den nächsten DFB-Präsidenten. Unter den Augen von Rainer Koch? Mit dessen Billigung? In dessen Auftrag?

Dass Fritz Keller hier nicht kühl einfach die richtigen Fragen stellt, sondern unbeherrscht die Nazi-Keule rausholt, macht ihn wohl zum falschen DFB-Präsidenten. Aber wenn man der Fußballbasis eines jetzt auch nicht zumuten sollte, dann dass Rainer Koch und Friedrich Curtius nun den nächsten Falschen suchen dürfen, den sie dann vor sich her über die Stolperfallen treiben. Dieser DFB ist nicht mehr zu retten. Aber wenn Keller geht, dürfen Koch und Curtius nicht bleiben.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise geschrieben, dass Freisler auch das Todesurteil gegen Claus Schenk Graf von Stauffenberg gefällt hätte. Korrekt ist, dass Stauffenberg und einige seiner Mitverschwörer bereits nach dem Scheitern des Attentates auf Hitler in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1944 im Hof des Bendlerblocks exekutiert wurden.

© SZ/tbr/cat
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