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Spielanalyse:'54, '74, '90 - 2014

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Jubel in Rio: Die deutsche Mannschaft feiert ihren WM-Sieg.

(Foto: AFP)

Dieses Spiel hat beiden Teams alles abverlangt. Erst in der Verlängerung die Erlösung: Flanke Schürrle, Götze mit der Brust, Götze mit links - Weltmeister. Protokoll eines Triumphs.

Noch sieben Minuten. Die Beine waren längst müde, nach 113 intensiven, körperlichen, ruppigen Minuten. Und dann bekam André Schürrle an der linken Seitenlinie den Ball, dribbelte, am ersten Argentinier vorbei, er hatte auf einmal wieder Kraft, am zweiten Argentinier vorbei, blickte nach oben. Und hatte die Ruhe für eine präzise Flanke mit dem linken Fuß, in den Strafraum hinein.

Dort stand Mario Götze, nahm den Ball mit der Brust an, lässig, schoss mit links, überlegt. Am argentinischen Torwart Sergio Romero vorbei. In den Winkel. Ins Tor. Schürrles Dribbling, Schürrles linker Fuß, Götzes Brust, Götzes linker Fuß. Tor. Ein schönes Tor. Ein historisches Tor. Zehn Minuten später rannte Schürrle, rannten alle deutschen Spieler auf Götze zu, drückten ihn auf den Rasen. Sie lachten. Sie weinten. Sie jubelten über das Tor. Sie jubelten über ein Tor im WM-Finale, das sie zu Weltmeistern gemacht hatte.

Sie wussten, was nun kommen würde: Kapitän Philipp Lahm auf der Tribüne mit dem WM-Pokal. Und dann alle zurück auf den Rasen. Weiterjubeln. "Ich weiß nicht, wie wir feiern werden", sagte Torwart Manuel Neuer, "aber wir werden mit einem Grinsen aufstehen."

Kramer spielt - und muss nach 30 Minuten wieder raus

Es war der Rasen, den Bundestrainer Joachim Löw vor dem Spiel ganz ruhig betreten hatte, einen Becher Kaffee in der einen Hand, ein paar rausgerupfte Grashalme in der anderen. Er hatte einen Plan im Kopf, er vertraute den elf Spielern aus dem Halbfinale gegen Brasilien. Dann musste Löw ein erstes Mal seinen Plan ändern. Und stellte um. Sami Khedira fiel aus, Wadenprobleme. Ihn ersetzte Christoph Kramer.

Auf dem Rasen, den Löw getestet hatte, begann die Partie. Das WM-Finale. Eine intensive, körperliche, teilweise ruppige Partie. Eine Partie, in der nach 90 Minuten kein Tor gefallen war. In der die Spielerbeine müde wurden. Und dann rannte Schürrle, nahm Götze den Ball an, schoss mit links. Und die deutsche Auswahl hatte gegen Argentinien 1:0 nach Verlängerung gewonnen.

Löw und seine Spieler, sie waren nun: Weltmeister. "Was wir geleistet haben und wie wir geackert haben, das ist unglaublich", sagte Lahm, "die Mannschaft ist ruhig und geduldig geblieben, weil wir wussten, dass wir hinten raus mehr Körner haben." Ein historischer Tag. Auf den sie sich beim DFB gründlich vorbereitet hatten, mit der Routine des Alltags. 9 Uhr Aufstehen, Frühstück bis 9.30 Uhr, Anschwitzen, Mittagessen um halb eins, um fünf vor zwei Teamsitzung, anschließend Abfahrt ins Stadion, ins Maracanã. Auch auf die Argentinier hatten sie sich gründlich vorbereitet, auf diese zähe Mannschaft.

Auf dem von Löw getesteten Rasen warteten auf die deutschen Spieler elf Männer, die ruppig spielten, körperlich, manchmal listig, manchmal fies. Elf Männer, die es Löws Mannschaft nicht ansatzweise so einfach machten wie die Brasilianer im Halbfinale. Die Argentinier überließen der deutschen Auswahl zunächst großzügig den Ball, sie zogen sich in die eigene Hälfte zurück, verdichteten 15 Meter vor dem eigenen Strafraum mit zwei Viererketten die Räume.

Enge Räume, viele Fehlpässe

Löws Spieler passten sich den Ball zu, an der Mittellinie sicher. Doch je enger die Räume wurden, umso eher unterlief ihnen ein Fehlpass. Dann konterten die Argentinier. In der vierten Minute testeten die deutschen Spieler einen ihren Freistoßtricks, zu sechst standen sie um den Ball herum. Toni Kroos schoss den Ball in die Mauer. Ein schneller argentinischer Gegenangriff. Gonzalo Higuaín verfehlte das Tor aus spitzem Winkel.

Die größte Chance der ersten Halbzeit hatten ebenfalls die Argentinier. Kroos köpfte den Ball zurück zu Torwart Manuel Neuer, er übersah jedoch Higuaín, der sich nur drehen musste, er stand nun 18 Meter frei vor Neuer. Doch statt weiter zu laufen, schoss er sofort. Am Tor vorbei.

Bodycheck gegen Kramers Kopf

Und die deutsche Auswahl? Passte sich die Bälle zu, ruhig, manchmal zu ruhig. Sie erspielte sich kaum Möglichkeiten, immer wieder drängten die robusten argentinischen Defensivspieler sie vom Tor weg. Dann konterten die Argentinier. In der 30. Minute jubelte Higuaín, allerdings nicht lange, er stand im Abseits. Eine Minute später änderte Löw seinen Plan. Und stellte um. Ausgerechnet Kramer musste nach einem Bodycheck gegen den Kopf ausgewechselt werden, Verdacht auf eine Gehirnerschütterung. Kramer war benommen, der Blick weit weg vom Rasen in Rio.

Ihn ersetzte André Schürrle. Eine Auswechslung, die für etwas mehr Gefahr sorgte. Thomas Müller dribbelte auf der linken Seite, passte den Ball in die Mitte, Schürrle schoss - Sergio Romero parierte (37.). Es folgten bis zur Pause kurzweilige Minuten, beide Teams hatten nun gute Gelegenheiten. Drei Minuten später dribbelte Lionel Messi über die rechte Seite nach vorne, er wurde im Fünfmeterraum gerade so gestoppt von Jérôme Boateng.

Drei Minuten später eroberte Miroslav Klose den Ball, Özil passte zu Kroos, der schoss aus der Distanz, zu schwach. Dann, es lief bereits die Nachspielzeit, gab es eine letzte Ecke für die deutsche Elf. Kroos trat sie, am Fünfmeterraum schraubte sich Höwedes in die Luft, wuchtete den Ball mit dem Kopf - gegen den Pfosten.

Die zweite Halbzeit. Es blieb intensiv, ruppig, körperlich. Weiter passten sich Löws Spieler den Ball ruhig zu, manchmal zu ruhig, sie hatten weiter kaum Chancen. Und die Argentinier konterten weiter gefährlich, in der 47. Minute schlich Messi Boateng davon, sah im Tor vor sich Neuer. Messi schoss knapp am Pfosten vorbei. Die Argentinier dagegen stellten weiter die Räume zu, engmaschig, konsequent, ruppig.

Doch Löws Spieler passten sich weiter den Ball ruhig zu, sie ließen sich nicht verunsichern.

Einmal kombinierten sie schnell durch dieses Defensivnetz, Müller passte zu ungenau zu Schürrle (71.). In den letzten zehn Minuten der regulären Spielzeit wurde das deutsche Passspiel flinker, überraschender. Nach einem feinen Zuspiel von Özil stand Kroos frei an der Strafraumgrenze, er schoss, zu schwach, zu ungenau, am Pfosten vorbei (82.). Es ging in die Verlängerung. Die Spielerbeine wurden müde, die Spielerköpfe langsamer. In der 97. Minute verschätzte sich Hummels, plötzlich stand Rodrigo Palacio frei vor dem Tor, lupfte den Ball über Neuer. Und am Tor vorbei.

Dann lief die 113. Minute. Schürrles Dribbling. Schürrles linker Fuß. Götzes Brust. Götzes linker Fuß. Götzes Schuss in den Winkel. Ein spätes, ein schönes, ein historisches Tor.

© SZ vom 14.07.2014/jkn

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