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Debatten beim FC Schalke:Zwischen Wut und Wirren

Horst Heldt

Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies und Manager Horst Heldt (im Bild) müssen zusehen, wie sie ihren Klub befrieden.

(Foto: Maja Hitij/dpa)
  • Obwohl Schalke noch das Minimalziel Europapokal-Qualifikation erreicht hat, ist der Verein tief zerstritten.
  • Unklar ist, ob Manager Horst Heldt weiterhin den Kader planen darf, oder ob er dem Streit zum Opfer fällt.
  • Im Abstiegskampf der Bundesliga hat Schalke als Gegner des HSV nun eine prominente Rolle.

Horst Heldt sagt, es ginge ihm "blendend", das sollte man aber wohl nicht wörtlich verstehen. Die verrückten Zustände, die am vorigen Samstag im Stadion herrschten, sind Schalkes Manager auch wenige Tage später noch lebhaft gegenwärtig.

Die Verachtung und die Wut des Publikums beim Spiel gegen Paderborn und die Konfrontation mit den zornigen Fans, die nach der Partie den Haupteingang blockiert hatten, ergeben aber nur den einen Teil der Erinnerungen, die Heldt von diesem Tag bleiben - ein anderer Teil handelt von den Kommentaren und Zurufen, die er im VIP-Bereich zu hören bekam. Offenbar ging es dabei keineswegs respektvoller und vornehmer zu als vor der Tür bei den vorwiegend jungen Ultras.

Am Samstag nach Hamburg

Was von diesem unschönen Tag übrig bleibt, das ist die Frage, die sich zurzeit nicht nur der betroffene Manager Heldt stellt. Außer der Schalker Fangemeinde nimmt auch der Rest des Fußball-Landes Anteil an den Gelsenkirchener Wirren, denn die Mannschaft aus dem Ruhrgebiet wird am Samstag im großen Abstiegsfinale der Liga ein tragender Nebendarsteller sein, wenn sie zum Auswärtsspiel beim Hamburger SV antritt.

Sie kann dem HSV den letzten Stoß auf dem Weg in die zweite Liga verpassen - oder sie kann die mysteriösen Funktionsstörungen fortsetzen, die das königsblaue Volk beim 1:0 gegen Paderborn und eine Woche zuvor beim 0:2 in Köln in Aufruhr versetzt hat. "Dieses Spiel", meint Heldt, "bietet uns ja auch eine Chance: Wir müssen nicht zu Hause spielen, und wir haben nicht mehr den großen Druck, das Minimalziel erreichen zu müssen. Vielleicht gewinnen wir dadurch ein bisschen mehr Lockerheit." Die Betonung in dem Satz liegt allerdings auf dem Wort "vielleicht".

Hoffnungsvolle Erwartungen hatten die Verantwortlichen auch an den vorigen Wochenenden gehabt. Und auch dem fürs Personal zuständigen Sportchef sind die regelmäßigen Systemausfälle bei der Profimannschaft ein Rätsel: "Es gab in dieser Saison zu viele Spiele, die nicht akzeptabel waren", sagt er. Sie brachten erschütternde Niederlagen wie das 0:5 gegen den FC Chelsea oder das 0:3 in Dortmund und seelenlose Auftritte wie in Mainz oder Köln, was dazu führte, dass sich eine Protestbewegung bildete, die in Schalke einiges verändern könnte.

Heldt will die nächste Saison planen

Heldt, 44, würde jetzt gern die Planungen für die kommende Saison forcieren - es wäre seine fünfte als verantwortlicher Sportvorstand -, er ist aber nicht ganz sicher, ob er damit dem Verein tatsächlich einen Gefallen tut. Das liegt daran, dass er nicht weiß, ob nicht womöglich bald ein anderer Mann Manager bei Schalke 04 sein soll, der andere Vorstellungen vertritt als er. Zwar läuft Heldts Vertrag bis 2016, und bis vor kurzem hatte Clemens Tönnies im Namen des Aufsichtsrates noch die zügige Verlängerung des Engagements angekündigt.

Bundesliga "Alles gelogen"
Kevin-Prince Boateng über Schalke 04

"Alles gelogen"

Nach seiner Freistellung bei Schalke 04 meldet sich Kevin-Prince Boateng zu Wort. Er wirft den Verantwortlichen des Klubs schlechten Stil vor - und fühlt sich in seiner Rolle als Führungsspieler missbraucht.

Doch die Stimmung in den Tiefen des Vereins ist derzeit unberechenbar, sie ist in das jenseitige Stadium eingetreten, das man früher "Schalker Verhältnisse" nannte. Horst Heldt hat sich vorgenommen, die Irrationalitäten und Spekulationen zu ignorieren und die Arbeit weiterhin in aufrechter Haltung zu erledigen: "Ich laufe jetzt nicht weg", sagt er, "und ich lasse mich bei aller berechtigten Kritik auch nicht als Prügelknabe behandeln."

Höger umarmt seinen Trainer

Den fünften Platz, auf dem Schalke derzeit siedelt, hält er zwar auch für eine Enttäuschung, dies aber auch deswegen, weil der Klub in den vorigen drei Spielzeiten in der Champions League gespielt hat. "Das gehört ja auch zu meiner Bilanz", sagt Heldt, und ohne falsche Bescheidenheit weist er darauf hin, dass der Verein auch durch sein Zutun hohe Werte aus der Nachwuchsabteilung in die Profimannschaft überführen konnte. Spieler wie Draxler, Meyer oder Sané bilden auch nach dieser missratenen Saison ein großes Betriebskapital.

Aber vorher geht es nach Hamburg. Marco Höger, 25, der im Wirbel der Verbannung von Kevin-Prince Boateng wegen Aufsässigkeit eine Woche suspendiert worden war, befindet sich wieder im Training und darf gleich mit einem Einsatz beim HSV rechnen. Seinen Trainer Roberto di Matteo hat Höger herzlich umarmt, als er ihm wieder auf dem Spielfeld begegnete. Versöhnung, so sieht man, ist möglich. "Es ist wichtig, dass wir unseren Fans und der Liga in Hamburg einen guten Auftritt bieten", sagt Heldt.