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Corona im Sport:Ansteckender Schmetterball

Beachvolleyball-Spielerin Sarah Schneider (r.) während der Zweitrundenpartie gegen ein norwegisches Duo beim World-Tour-Turnier in Doha.

(Foto: Karim Jaafar/AFP)

Drei Fälle? 13? Mindestens 20? Auch beim Qualifikationsturnier der Beachvolleyballer in Doha verbreitete sich das Coronavirus. Was bedeutet das für die Sicherheit der Sportler im nahenden Olympiasommer?

Von Johannes Knuth und Sebastian Winter

Die Nachricht von vor einer Woche begann mit nüchternen Worten. Man habe vernommen, teilte der Volleyball-Weltverband (FIVB) mit, dass ein Schweizer Athlet während des Beachvolleyball-Turniers in Doha positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Auch die Tests eines amerikanischen und eines russischen Betreuers waren aufgeploppt, beide hätten sich sofort isoliert. Man tausche sich ständig mit den Organisatoren in Doha aus, hieß es weiter, man setze auch auf die "rigorosen" Hygienemaßnahmen vor Ort. Das sollte wohl Souveränität ausstrahlen, dabei war die Botschaft alles andere als beruhigend: Das Virus hatte es in die Turnierblase geschafft.

Bis zum Dienstag setzte die FIVB keine weiteren Kommuniqués ab. Aber auch so werden die Umrisse der Auswirkungen allmählich sichtbar. Viele der rund 200 Athleten und 100 Offiziellen, die Anfang März in Doha waren, tauschen sich seit Tagen aus, und dabei haben sie nach SZ-Informationen bislang 20 Positivfälle identifiziert, mindestens, von Spielern, Trainern, Schiedsrichtern, auch einem Mitglied der deutschen Delegation. Das wäre eine beunruhigende Quote. Der Weltverband bestätigte am Dienstag auf Anfrage, dass es in Doha zu neun Fällen bei Spielern, Betreuern und Kampfrichtern gekommen sei, darüber hinaus zu vier weiteren potenziellen nach dem Turnier - bei drei Athleten aus Spanien, der Tschechischen Republik und den Niederlanden sowie einer finnischen Betreuerin. Von weiteren Fällen wisse man nichts.

Hängt man diese Nachrichten ein wenig höher ein, verstärkt sich das Bild: Bei der Hallen-EM der Leichtathleten hatten sich zuletzt mehr als 50 Beteiligte infiziert, beim Fecht-Weltcup in Budapest diverse weitere, trotz strikter Hygieneregeln. Jetzt also die Beachvolleyballer, die beim ersten Stopp ihrer World Tour in diesem Jahr, anders als die Kollegen in den Sporthallen, ihrer Arbeit in der Hitze von Doha nachgingen. Was bedeutet das für die olympischen Qualifikationen, die gerade weltweit anlaufen? Und für die Unsicherheit, die jetzt wieder um sich greift, auch mit Blick auf die Sommerspiele im Juli?

Die Australier reisten gar nicht erst nach Doha - bei der Rückreise hätten sie die zweiwöchige Quarantäne selbst bezahlen müssen

Das rigorose Protokoll in Doha, sagen Insider, wurde allem Anschein nach gewissenhaft befolgt. Alle Teilnehmer mussten 72 Stunden vor Ankunft einen negativen PCR-Test vorlegen, einen weiteren am Flughafen in Doha, dann ging es für 24 Stunden in ein Hotel, zur Quarantäne. Die Teams wurden zeitversetzt in Shuttles zum Spielort geschafft, sie bewegten sich nur in der Blase. Trotzdem kam es während des Turniers zu Positivfällen. Der Schweizer Profi, den die FIVB erwähnt hatte, wurde während des Turniers und bei der Ausreise negativ getestet - erst ein weiterer Test während des Turniers kam später als positiv zurück. Da war der Spieler aber schon in der Heimat. Eine deutsche Betreuerin, die in der FIVB-Aufzählung fehlt, fiel hingegen erst bei der Rückreise in Deutschland auf, sie leide unter stärkeren Symptomen, bestätigte der Deutsche Volleyball-Verband (DVV). Alle Spieler, die mit ihr Kontakt hatten, begaben sich in Quarantäne - dort waren alle Tests negativ. Grundsätzlich würde einem das schon zu denken geben, sagte DVV-Sportdirektor Niclas Hildebrand: "Egal, welche Maßnahmen man ergreift, man kann das Virus nicht komplett ausgrenzen."

Das heißt nun nicht, dass Sportevents in der Pandemie grundsätzlich zu riskant sind. Aber auch in Doha fiel auf, dass die Veranstalter ratlos wirkten: Man könne nicht spekulieren, so die FIVB, weshalb eine "limitierte" Zahl an Fällen aufgeflammt sei. Bei manchen Veranstaltungen, hatten Experten zuletzt bemängelt, sei die Quarantäne zu Beginn zu kurz gewesen, 24 Stunden seien ungenügend. In Doha, sagte DVV-Sportdirektor Hildebrand, waren auch externe Gäste im Athletenhotel untergebracht. Da drängt sich schon die Frage auf, wie sicher sich die vorgeblich sicheren Blasen derzeit über den Sport spannen lassen - vor allem bei Olympischen Spielen, an denen nicht 300 Beteiligte mitwirken, sondern allein 10 000 Athleten.

Der nächste Stopp der Beachvolleyballer sind drei World-Tour-Turniere in Cancun, Mexiko, vom 16. April bis zum 2. Mai. Dort müssen alle Beteiligten nun wohl zunächst für fünf Tage in Quarantäne, Hotels und Strandkomplex werden exklusiv für das Turnier abgesperrt, bestätigte die FIVB. Viele Athleten sind offenbar dennoch verunsichert: Was, wenn die Blase wieder reißt? Wie wäre dann die gesundheitliche Versorgung im Land? Die deutschen Duos, die noch Punkte fürs olympische Qualifikationsranking benötigen, werden wohl trotzdem anreisen. Einige Australier, die in Doha Quali-Zähler sammeln wollten, verzichteten dagegen: Sie hätten bei der Rückkehr zwei Wochen in einem Quarantänehotel wohnen müssen, auf eigene Kosten, bis zu 4000 Dollar - zu viel für die Athleten. Das deutet an, in welche Schieflage der olympische Sport demnächst rutschen könnte.

Apropos Selbstbeteiligung: Auch in Doha mussten die Teilnehmer vorab versichern, dass sie weder Veranstalter noch Weltverband haftbar machen für etwaige Covid-Komplikationen. Athleten Deutschland, die Vertretung der hiesigen Sportler, hatte das in einem Positionspapier zuletzt scharf kritisiert und davon abgeraten, derartige Klauseln zu unterzeichnen: Die Teilnahme an den Spielen und den Qualifikationswettbewerben sollte nicht vollständig auf eigenes Risiko der Athleten geschehen, hieß es. Das aber ist, siehe Doha, fürs Erste die Realität.

© SZ/sjo/ska/moe
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