Kingsley Coman gegen Benfica:Bayerns erfolgreichste Teilzeitkraft

Kingsley Coman gegen Benfica: Kein Tor - aber zusammen mit Serge Gnabry und Manuel Neuer auffälligster Münchner beim 4:0 in Lissabon: Kingsley Coman.

Kein Tor - aber zusammen mit Serge Gnabry und Manuel Neuer auffälligster Münchner beim 4:0 in Lissabon: Kingsley Coman.

(Foto: Patricia de Melo Moreira/AFP)

Schon wieder Lissabon, schon wieder reihenweise exquisite Momente: Kingsley Coman bringt nach seiner Herz-OP sein ganzes Repertoire zur Aufführung - sein Auftritt ist auch ein Statement in eigener Sache.

Von Jonas Beckenkamp, Lissabon

Dass es für Kingsley Coman draußen im Norden der Stadt wieder ein behaglicher Abend werden würde, war anfangs gar nicht so klar. Portugals Kapitale und der Franzose, diese Verbindung ist seit dem Champions-League-Finale 2020 eine besondere. Wer an Coman in Lissabon denkt, denkt meist auch an diesen Kopfball-Aufsetzer gegen PSG in der 59. Minute, das Siegtor hat sich eingebrannt ins Innerste des FC Bayern. Aber diesmal rutschte der Feinfuß erst einmal gehörig aus.

Ein Dribblingversuch auf der linken Seite endete mit einer Bauchlandung Comans, das Stadion feixte vor Schadenfreude, der Ball ging verloren. Benficas Außenseiterambitionen hatten ja auf dieser Prämisse gefußt: Wenn hier überhaupt etwas gehen sollte, dann nur so. Die übermächtigen Bayern mussten schon über ihre eigenen Beine stolpern. Aber Coman stolperte nur dieses eine Mal.

Den Rest der Partie verbrachte er in einem Zustand, den amerikanische Sportkommentatoren "clinic" nennen. Das Wort ist ein sogenannter "falscher Freund", es bedeutet im Deutschen mitnichten "klinisch". Wer eine "clinic" abhält, erteilt allen Zeitzeugen Privatunterricht nach dem Motto: Schaut her, so macht man das, und jetzt das Video bitte an alle Volkshochschulen und Fußballakademien schicken! Der 25-Jährige brachte sein ganzes Repertoire zur Aufführung: Er schlug Flanken, schoss aus spitzem Winkel aufs Tor, er ließ Gegner mit Täuschungen dahintaumeln, zelebrierte Ballannahmen fürs Designmuseum, und dann packte er Rafa Silva vor Thomas Müllers vermeintlichem 1:0 (52. Minute, abgepfiffen) noch eben in den Schwindel-Schraubstock.

Spezialisten mussten Coman am Herz operieren, die Genesung ging schneller als gedacht

"Kingsley Coman hat vor allem in der zweiten Halbzeit brutal aufgedreht," meinte Ersatz-Coach Dino Toppmöller, dabei wollte er eigentlich niemanden besonders herausheben (er hob dann aber auch noch Gnabry und Neuer heraus). Exquisite Momente von einem, bei dem die Bayern immer wieder denken müssen: Huch, wo kommt der denn her? Ach stimmt, den haben wir ja auch noch im Kader.

Coman ist so etwas wie die erfolgreichste Teilzeitkraft der Bayern. Dieser feingliedrige Profi hat seit seiner Ankunft 2015 alles gewonnen, aber er hat sich gleichzeitig auch fast überall weh getan: Kapsel, Syndesmoseband, Außenband - es gibt wenige Stränge an seinem Körper, die noch nie in Mitleidenschaft gezogen wurden. Doch zuletzt zwickte es woanders: am Herzen, dort wo alle Stränge zusammenlaufen.

Nach einem "kleinen, leichten Herzschlag, einer leichten Rhythmus-Störung", wie Trainer Nagelsmann es Mitte September erzählte, "hatte er kurzzeitig teilweise weniger Luft". Atemprobleme also, eine bedrohlich klingende Diagnose für einen Ausdauersportler. Spezialisten mussten Coman operieren, es folgte Cardio-Training, um wieder Kondition aufzubauen, doch am Ende ging es schneller als gedacht mit seiner Genesung. Coman beendete seine mehrwöchige Warteschleife ausgerechnet in seiner Triumphstadt Lissabon, wo er sich mit seinem Startelf-Comeback auch im Verein zurückmeldete.

Er fühle sich "sehr gut", berichtete er im Interview bei Dazn, "ich bin sehr glücklich, dass ich wieder spielen kann". Und zwar "ohne Herzprobleme", wie er extra noch einmal auf Deutsch nachschob. Und so geriet sein Auftritt auch zum Statement in eigener Sache, denn nach Wechselgerüchten um ihn im Sommer (ManUnited soll interessiert gewesen sein) steht bei ihm noch immer eine Vertragsverlängerung aus.

Offen ist derzeit, ob Coman die Offerte des Klubs bis 2025 annimmt oder ob die Bayern vielleicht doch ihrerseits einen Verkaufserlös mit dem Franzosen anstreben, um sich stattdessen näher mit Salzburgs Karim Adeyemi, 19, zu beschäftigen. Der hätte gegenüber Coman ein paar "Assets", wie es heute heißt: Er ist gebürtiger Münchner, und er war bisher noch nie länger verletzt.

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