bedeckt München 15°
vgwortpixel

College-Basketball:In Amerika regiert der Basketball-Wahnsinn

College-Team Michigan Wolverines - Moritz Wagner

"Es ist verrückt, was hier passiert": Der ehemalige Alba-Berlin-Spieler Moritz Wagner (Mitte) bei Michigans Sieg gegen Wisconsin.

(Foto: Alex Brandon/dpa)
  • Offiziell handelt es sich bei der amerikanischen College-Meisterschaft nur um ein Turnier im Uni-Basketball - tatsächlich geht es aber um viel mehr.
  • Talentierte Amateure bewegen nicht nur Millionen von Fans vor den Bildschirmen, sondern auch Milliarden von Dollar an den Wettschaltern.
  • Auch ein 19-Jähriger aus Berlin spielt mit - obwohl er die Chance hatte, einen Profivertrag bei Alba Berlin zu unterschreiben.

Der junge Mann im gelben Michigan-T-Shirt quiekt. Der Grund dafür ist nicht ganz klar, es könnte sowohl Freude als auch Schmerz sein. Der Mann steht im Wettbüro des MGM Grand in Las Vegas und starrt auf einen der 60 riesigen Fernseher, die zwischen den Anzeigetafeln mit den Wettquoten hängen. 104 Ledersessel gibt es, zudem gemäß Feuer-Verordnung 100 Stehplätze. Doch jetzt stapeln sich hier gerade rund 400 Menschen, sie alle quieken, als ginge es um ihr Leben. Es riecht nach Putzmittel und auch leicht nach Erbrochenem.

Auf den Bildschirmen läuft in Zeitlupe der Grund für die Aufregung: In letzter Sekunde hat ein Basketballspieler der Oklahoma State University einen Drei-Punkte-Wurf versenkt. Das ist sportlich bedeutungslos, weil der Gegner Michigan mit vier Zählern geführt hat. Doch die Amerikaner wetten gerne statt auf den Sieg auf den Punktevorsprung, so auch der Mann im Michigan-Shirt.

Sein Team hätte mit zwei Zählern gewinnen müssen, jetzt ist es nur einer. "Mit diesem Scheiß-Wurf wandern Millionen von Dollar in die falsche Richtung", sagt er. Er heißt Andy; Michigan, seine Uni, hat gewonnen, deshalb quiekt er vor Freude. Und er hat wegen dieses Weitwurfs am Ende 500 Dollar verloren, deshalb schreit er vor Schmerz. Er schaut noch mal zum Fernseher und schüttelt den Kopf. Dann übergibt er sich. Mitten im Wettbüro.

Er ist schon am frühen Morgen völlig betrunken. Er ist nicht der einzige. Die Amerikaner nennen das, was in diesen Wochen passiert, March Madness. Wahnsinn im März. Wer verstehen möchte, warum ein Amateurturnier der Universitäten diese Nation in Ausnahmezustand versetzt, der sollte nach Las Vegas kommen. Am vergangenen Freitag haben sie dort die Dreifaltigkeit der College-Partys gefeiert: den irischen Feiertag St. Patrick's Day, die Frühlingsferien der US-Universitäten und die ersten Runden des Wahnsinns im März. Nicht einmal an Silvester oder am Unabhängigkeitstag im Juli waren so viele Menschen in der sündigen Stadt wie an diesem Tag.

Es wird geflucht, gerempelt und gekotzt

Offiziell handelt es sich nur um die Meisterschaft im Uni-Basketball. Ein Turnier, das die Vereinigung der amerikanischen Basketballtrainer 1939 eingeführt und der College-Verband NCAA ein Jahr später übernommen hatte. Tatsächlich geht es aber um viel mehr. Für die Akteure, die sich mit Zuschüssen von mehr als 50 000 Dollar pro Jahr das Studium finanzieren und dabei für Profiklubs empfehlen.

Für Universitäten wie Michigan, deren Sportabteilung im vergangenen Jahr 152,5 Millionen Dollar umgesetzt hat - mehr als 14 Fußball-Bundesligisten. Für die Fans, die beim Uni-Sport heftiger reagieren als bei den Profis, weil sie das Logo ihrer Hochschule für immer auf dem Herzen tätowiert haben. Oder für die neutralen Zuschauer, die bei einer Wette eine Uni ausgewählt haben und sie jetzt anfeuern. Das freut die Anbieter in Las Vegas, die mit legalen und illegalen Wetten schätzungsweise 10,4 Milliarden Dollar umsetzen dürften.

Was den Besucher verblüfft, das ist der allgemein akzeptierte Verzicht auf jede Form von Anstand und Benimm - es wird geflucht, gerempelt und gekotzt - sowie die Effizienz im MGM Grand. Es dauert keine zwei Minuten, da hat eine Putzfrau Andys Malheur weggewischt und Reinigungsmittel darüber gekippt. Danach besuchen ihn nacheinander drei leicht bekleidete Frauen: Eine drückt ihm ein frisches Bier in die Hand, kostenlos, wie für alle, die auf Spiele wetten. Danach bekommt er einen Gutschein für den Sapphire Gentlemen's Club, ein Etablissement für exotischen Tanz, und schließlich kriegt er einen Zettel mit aktuellen Quoten, die nächsten Spiele beginnen in wenigen Minuten. Das ist die wahre Trinität bei der March Madness in Las Vegas: saufen, wetten, auf nackte Brüste starren. Knapp 100 Prozent der Besucher in diesem Wettbüro sind Männer.

Im Hauptfeld des K.o.-Turniers sind 64 Unis dabei. Wer verliert, scheidet aus. Die Amerikaner analysieren die Setzliste wie Aktienkurse, dann tippen sie auf den Gesamtsieger, oder darauf, wer bei einer Partie zuerst 15 Zähler erzielt hat, oder auf den finalen Punktevorsprung. Andys bester Freund trägt ein T-Shirt, auf dem steht: "Good coaches win, great coaches cover the spread." Gute Trainer gewinnen, große Trainer halten den Punkte-Abstand.

Andy nimmt einen kräftigen Schluck, marschiert zum Schalter und setzt 500 Dollar darauf, dass Kent State am Abend mit weniger als 18 Zählern gegen UCLA verlieren wird. Ach ja: Bei UCLA spielt einer, der heißt Lonzo Ball. Sein Vater LaVar ist ein bekannter Schaumschläger, der etwa behauptet, er würde Michael Jordan im Eins-gegen-Eins besiegen, überhaupt sei sein Lonzo schon jetzt besser als Steph Curry. Jetzt hat er angekündigt, mit einer eigenen Bekleidungsmarke für seinen Sohn und dessen Brüder LiAngelo und LaMelo mindestens zwei Milliarden Dollar zu verdienen. Auch das ist der Wahnsinn im März.

Zur SZ-Startseite