FC Chelsea:Tuchel verliert das Ringen um Rüdiger

Lesezeit: 3 min

FC Chelsea: Wird Chelsea im Sommer verlassen: Nationalverteidiger Antonio Rüdiger.

Wird Chelsea im Sommer verlassen: Nationalverteidiger Antonio Rüdiger.

(Foto: Manu Fernandez/AP)

Der deutsche Coach des FC Chelsea wollte den Verteidiger unbedingt halten - doch nun wechselt der Nationalspieler wohl zu Real Madrid. In London fürchten sie den Ausverkauf.

Von Sven Haist, London

Antonio Rüdiger hat zuletzt beim FC Chelsea pausiert, wegen muskulärer Beschwerden in der Leiste und im Oberschen­kel - die Entscheidung galt als Vorsichtsmaßnahme, um ja keine gravierende Verletzung zu riskieren, die sein Mitwirken im FA-Cup-Finale gegen den FC Liverpool am 14. Mai ge­fährden könnte. Trotz dieser selbstverordneten Schaffens­pause verfolgte der deutsche Nationalverteidiger am Sonntag das schmucklose 1:0 seines Vereins im Heim­spiel gegen West Ham United auf der Tribüne, mit dem Chelsea den dritten Tabellenplatz in der Premier League zementierte.

Die kleine Auszeit hätte sich für Rüdiger durchaus angeboten, um ein Wort über seine Zukunft bei Chelsea zu verlieren. Im Sommer 2017 löste der Klub ihn für 35 Millionen Euro bei der AS Roma aus und gab ihm einen Fünfjahresvertrag - dieser läuft nun Ende Juni aus. Doch Rüdiger schwieg, analog zum bisherigen Saisonverlauf verlor er auch diesmal kein Wort zu seinen beruflichen Ambitio­nen.

Stattdessen äußerte sich Chelsea-Trainer Tho­mas Tuchel im Nachgang des Ligaspiels - und gab bekannt, dass Rüdiger ihm "in einem privaten Gespräch" mitgeteilt habe, den Klub zum Saisonende zu verlas­sen. Er habe sich "persönlich sehr stark" für einen Verbleib seines Spielers eingesetzt, offenbarte Tuchel, genauso wie Chelsea "mit riesigen Angeboten alles" gegeben hätte, ihn zu halten. Aber letztlich seien dem Verein durch die Sanktionen "die Hände gebunden" gewesen.

Für Rüdiger, 29, geht es um den vermeintlich letzten wirklich lukrativen Vertrag seiner Kar­riere

Seit fast einem Jahr probierte der Klub vergeblich das Arbeitsverhältnis mit Rüdiger zu erneuern, der eine Verdoppelung seines auf sechs Millionen Euro taxierten Jahresgehalts anvisierte, mit dem er zum bestbezahlten Abwehrmann der Klubhistorie aufgestiegen wäre. Zunächst war Chelsea jedoch nicht bereit, den finanziellen Forderungen nachzugeben - und dann war es plötzlich nicht mehr möglich, weil die britische Regierung den Klub des Noch-Eigentümers Roman Abramowitsch we­gen dessen Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin handlungsunfähig machte. Bis die komplizierte Veräußerung des Vereins ab­geschlossen ist, darf Chelsea weder neue Spieler akquirieren noch Verträge mit bereits angestellten Profis verlängern.

FC Chelsea: Trainer Thomas Tuchel (links) und Antonio Rüdiger schätzen sich sehr, doch nun trennen sich ihre Wege im Sommer.

Trainer Thomas Tuchel (links) und Antonio Rüdiger schätzen sich sehr, doch nun trennen sich ihre Wege im Sommer.

(Foto: Glyn Kirk/AFP)

Wirklich leicht war Rüdigers Situation bei Chelsea schon in den Vorjahren nicht, was vornehmlich an Tuchel-Vorgänger Frank Lampard gelegen hat, der Rüdiger zu Beginn der Vorsaison kühl abservierte. Obwohl Rüdiger zu diesem Zeitpunkt speziell bei Generalmanagerin Marina Granovskaia ein beachtliches Ansehen genoss, ließ Chelsea die Klubikone Lampard gewähren, was Rüdiger massiv enttäuscht haben soll. Als sich das Blatt im Zuge des Trainerwechsels zu seinen Gunsten wendete, trieb er als Publikumsliebling und emotionaler Anführer des Teams seinen Marktwert mit konstant starken Leistungen immer weiter nach oben - und damit den Preis für einen Verbleib in London.

In seiner Amtszeit sei Rüdiger "einfach nur brillant" gewesen, lobte Tuchel, deshalb verdiene er "meine volle Unterstützung". Diese zeigte er unter anderem damit, dass er den "enttäuschenden" Abschied "nicht persönlich" nahm und sogar ein Stück weit Verständnis für Rüdigers Entschluss durchblicken ließ.

Mit 29 Jahren geht es für Rüdiger um den vermeintlich letzten wirklich lukrativen Vertrag seiner Kar­riere. Dabei ist es bereits beschlossene Sache, dass er nach der Saison ablösefrei zu Real Madrid wechseln wird. Die Königlichen locken Rüdiger mit einem fulminan­ten Finanzpaket und der Aussicht, die Rolle des vor dieser Spielzeit nach Paris abgewanderten Abwehrchefs Ser­gio Ramos einzunehmen. Bei Real könnte Rüdiger zusammen mit David Alaba (kam vor der Saison aus München) eines der besten Innenverteidiger-Duos der Welt bilden. Unter Tuchel reifte der hoch veranlagte Rüdiger, der mit seiner Durchsetzungsstärke, Dynamik und Offensivpower al­le wesentlichen Eigenschaften eines Top-Verteidigers mitbringt, zu einer Führungspersönlichkeit. Mit sei­nem bedingungslosen Einsatz strahle Rüdiger sogar "einen gewissen Furchtfaktor" für die Gegenspie­ler aus, findet Tuchel. Daher werde sein Team ihn "sehr vermissen".

Chelsea bangt, dass nach Rüdiger weitere Profis den Klub verlassen

Der Abschied trifft Chelsea besonders hart, weil der Klub mehr denn je um seine Wettbewerbsfähigkeit bangt. Neben Rüdiger muss der Verein dem Vernehmen nach mit Andreas Christensen einen weiteren Zentralverteidiger ohne Ablöse im Sommer ziehen lassen, er wird unter anderem vom FC Barcelona umworben. Ungeklärt ist auch, wie lange Abwehrstratege Thiago Silva, dessen verbliebenes Karriereziel der WM-Titel mit Brasilien am Jahresende ist, mit 37 Jahren noch dem Anforderungsprofil eines Spitzenklubs entsprechen kann. Selbst über Kapitän César Azpilicueta, 32, den dienstältesten Profi im Kader, halten sich hartnäckige Gerüchte, seine Zeit in London könnte bald vorbei sein - obwohl sich sein Kontrakt kürzlich infolge einer erreichten Einsatzzahl automatisch um ein Jahr verlängerte.

Der Verlust an Schlagkraft in der Abwehr, die stets als Prunkstück der Tuchel-Elf galt, löst zunehmendes Unbehagen unter einigen Spielern aus, die ohne adäquaten Ersatz ihre eigene Perspektive bei Chelsea in Zweifel ziehen. Doch für etwaige Gespräche mit potenziellen Zugängen müsste der Klub erst mal eine Freigabe erhalten. Gleichwohl er sich dies natürlich wünsche, stellte Tuchel ernüchtert fest, wachse "kein Gras" schneller, wenn er daran ziehe. Daher bleiben Tuchel und dem FC Chelsea momentan kaum etwas anderes übrig, als sich in Geduld zu üben.

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