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Champions-League: VfB Stuttgart in der Krise:Eine Art Endspiel

Nach dem Bundesliga-Fehlstart des VfB Stuttgart geht es in der Champions-League-Partie heute Abend gegen Sevilla auch um den Job von Trainer Markus Babbel.

In allen relevanten Druckerzeugnissen findet sich an prominenter Stelle der Begriff "Vorrunde". Er steht in allen Tageszeitungen und Fachblättern, und auch der Homepage des veranstaltenden Verbandes Uefa lässt sich entnehmen, dass die Champions League derzeit im Stadium der Gruppenphase steckt. Für 31 der 32 teilnehmenden Vereine mag das zutreffen, aber beim 32. Verein, dem VfB Stuttgart, kommt das einer Falschmeldung gleich. Denn der VfB bestreitet in der aktuellen Champions-League-Saison ausschließlich Endspiele. Das begann mit der ersten Gruppenbegegnung gegen die Glasgow Rangers, eine von Anhängern der Papierform als "Endspiel um Platz zwei" apostrophierte Partie (weil, so die Anhänger der Papierform, der FC Sevilla sowieso Erster wird und Unirea Urziceni sowieso Vierter). Dieses Endspiel endete 1:1. Es folgte das Spiel in Rumänien: Drei Tage nach einem 3:0-Sieg in Frankfurt wurde diese Partie selbst klubintern als Stimmungsendspiel gewertet, das die Krise endgültig verscheuchen sollte. Es endete 1:1.

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Kandidat Koller

An diesem Dienstag nun kommt der FC Sevilla nach Stuttgart, und diesmal braucht man weder die Papierform noch klubinterne Deuter, um den finalen Charakter dieses Spiels zu erkennen. Natürlich geht es auch darum, sich in der Gruppe G aussichtsreich zu platzieren, und natürlich geht es auch wieder mal um die Stimmung in diesem rätselhaften Verein, Aber vor allem geht es um den Trainer, der offiziell noch gar kein Trainer ist. Es geht gegen Sevilla um Markus Babbel.

"Ich mag die Schnellebigkeit dieses Geschäfts nicht", sagt Sportchef Heldt, "und ich hasse es, wenn die Ursache des Übels am falschen Ende angepackt wird. Wir schauen als Erstes auf die Spieler und als Letztes auf den Trainer."

Ein ehrenwerter Ansatz ist das, aber natürlich weiß Heldt, dass es in der Branche Gesetzmäßigkeiten gibt, die auch ein Sportchef des VfB Stuttgart nicht neu definieren kann. Für Babbel ergibt das nach dem 1:2 gegen Schalke 04 die unangenehme Aufgabe, seinen Job nun gegen den FC Sevilla verteidigen zu müssen, einen führenden Klub aus einer führenden Liga. In Stuttgart wissen die Verantwortlichen sehr genau, dass man einem Gegner, der aus einer anderen Welt angereist kommt, an einem ungnädigen Tag auch mal 0:4 unterliegen kann; deshalb sind sie durchaus willens, ihren Trainer nicht am Kaliber des Gegners zu messen. "Sevilla ist noch zwei Klassen besser als Schalke und darf nicht der Maßstab sein, ob ein Trainer bei uns gute Arbeit leistet", sagt Heldt.

Intern hat sich offenbar die Meinung durchgesetzt, dass man dem Trainer gerne noch das samstägliche Auswärtsspiel bei Hannover 96 und die Pokalpartie bei Greuther Fürth (27.10.). gönnen würde; ob man sich der Eigendynamik einer krachenden Niederlage gegen Sevilla aber tatsächlich entziehen könnte, wissen sie selbst nicht so genau. Sevilla ist also durchaus eine Art Endspiel für Babbel - die Frage ist nur, ob dieses Finale in 90 Minuten oder in zwei, vielleicht drei Spielen entschieden wird.

Kompromisskandidat Koller

Noch kein Jahr ist es her, dass sie beim VfB nach der Entlassung von Armin Veh letztmals den Trainermarkt überprüft haben, und was sie sahen, hat ihnen damals so wenig gefallen wie heute. Die dünne Auswahl hat den Azubi Babbel auf die Trainerbank gespült, die dünne Auswahl ist auch jetzt seine Chance. Die Leidenschaft, sich Slomkas oder Heckings anzulachen, ist recht begrenzt im Klub, ebenso begrenzt wie die Lust, sich den teuren Bernd Schuster oder den noch teureren Jürgen Klinsmann ins Haus zu holen. So gilt der in Bochum entlassene Schweizer Marcel Koller als schlüssiger, taktisch versierter Kompromisskandidat.

Denn dies ist ja ein zentraler Vorwurf, den sie Babbel intern zur Last legen: dass er vor lauter Rotation vergessen hat, eine eingespielte, taktisch ausbalancierte Elf zu bauen. Neun Spieltage sind vorüber, noch immer hat der VfB nicht mal ansatzweise eine Mannschaft gefunden. "Natürlich kann man mit dem heutigen Wissen leicht behaupten, dass wir ohne Rotation besser dastehen würden", sagt Heldt, "aber zu Saisonbeginn war das ein Plan mit sehr einleuchtenden Argumenten."

Wahrscheinlich wird der Trainer gegen Sevilla die Taktik erneut verändern, er wird die frisch installierte Raute vorübergehend wieder abschaffen und seine Elf mit einem dicken Mittelfeld und nur einer Spitze aufs Feld schicken. Man kann das auch als joberhaltende Maßnahme deuten: Je länger der VfB am Dienstagabend ohne Gegentor bleibt, desto größer ist die Chance, dass der Trainer des VfB Stuttgart auch am Samstag noch Markus Babbel heißt.

© SZ vom 20.10.2009/ebc
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