Juventus Turin Schön war's nicht

Ronaldo kann es nicht mehr mit ansehen.

(Foto: AFP)
  • Atlético Madrid besiegt Juventus Turin im Hinspiel des Champions League Achtelfinals überlegen mit 2:0.
  • Der selbsternannte Titelfavorit steht damit vor dem Aus.
  • Nach dem Führungstreffer wird Atlético-Trainer Diego Simeone obszön. Und Juventus-Profi Cristiano Ronaldo macht mehrfach eine Geste, um die Zahl seiner Champions-League-Titel zu zeigen.
Von Birgit Schönau, Rom

Dass nicht Kleider Leute machen, sondern Gesten, ist selbst im Fußball ein alter Hut. Dabei hätte es eigentlich die Gesten gar nicht gebraucht, um zu beweisen, dass das Achtelfinal-Hinspiel zwischen Atlético Madrid und Juventus Turin kein Gipfel der Sympathie werden würde - falls es den in der real existierenden Champions League überhaupt noch gibt. Jurassic Football gegen Calcio Cinico, da musste man halt durch, und am Ende stand es 2:0 für Jurassic, also Atlético, während Cinico sich ganz unzynisch an die Brust schlug: "Schlechter als in der zweiten Hälfte konnten wir nicht sein", sprach Juve-Trainer Massimiliano Allegri, der durchaus hässlichere Spiele auch mal wunderschön reden kann, wenn am Ende das Resultat stimmt.

Andererseits hätte Allegri, Sohn eines Hafenarbeiters aus Livorno, niemals getan, was seinem Kollegen Diego Simeone nach dem Führungstreffer von José Gimenez (78.) einfiel. Simeone sprang auf und mimte gegenüber dem Publikum ein paar hektische Bewegungen in seiner Genitalzone. Eine obszöne Geste aus dem Repertoire eines alten Rockers, der sich nicht mehr halten kann. "Um zu zeigen, dass wir Eier haben", erklärte Atléticos Coach später. Allegri, der zu Recht davon ausgeht, dass es im Spitzenfußball auf den Kopf ankommt, entschied sich für vornehmes Schweigen. Die Retourkutsche in der Vulgärliga hatte ohnehin sein Spieler Cristiano Ronaldo übernommen, der den Madrider Journalisten mit allen Fingern seiner rechten Hand entgegenwedelte: "Ich habe fünf mal die Champions League gewonnen, Atlético nie." CR7 - Simeone 5:0. Auf dem Platz zeigte er die Geste auch andauernd.

Atlético hätte noch höher gewinnen können

Nein, schön war's nicht. Und angesichts der unerhörten Zaghaftigkeit der Juve wurde es auch nie wirklich hochklassig. Außer einem Freistoß in der Eröffnungsphase hatte namentlich Ronaldo dem Pfeifkonzert des Publikums nicht viel entgegenzusetzen. Ohne den jetzt endlich auch in der Champions League zugelassenen Videoschiedsrichter hätten die Turiner noch höher verloren - so entschied der deutsche Schiedsrichter Felix Zwayer gegen einen Elfmeter für Atlético und annullierte wegen Foulspiels einen Treffer von Alvaro Morata.

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Ein reguläres Tor des ehemaligen Juve-Spielers hätte das vorzeitige Turnier-Aus für die Italiener wohl besiegelt. Oder der Schuss von Antoine Griezmann, den Schlussmann Wojciech Szczesny über die Latte lenkte. Zum großen Glück für Allegri blieb es beim 2:0 durch Diego Godin (83.). Zwei Treffer von Verteidigern entschieden das Spiel, damit wäre schon fast alles gesagt. "Es würde mich nicht wundern, wenn Atlético Juventus aus dem Wettbewerb kicken würde", hatte der alte Spezi José Mourinho vor dem Spiel geunkt. Es würde ebenfalls nicht wundern, wenn Mourinho das aus dem Kaffeesatz gelesen hätte, aber er könnte durchaus recht behalten.

Sicher, im Vorjahr hätten die Preußen Italiens fast noch einen 0:3-Rückstand aus dem Hinspiel gegen Real Madrid gedreht, damals angeführt vom furiosen Kapitän Gianluigi Buffon. Seither hat sich vieles geändert. Buffon pariert bei Paris Saint-Germain, der neue Juve-Mannschaftsführer ist der wenig charismatische Akademiker Giorgio Chiellini, der Star im Aufgebot Cristiano Ronaldo. Der Portugiese wurde geholt, um nach zwei Finalniederlagen 2015 und 2017 endlich den Königspokal in die alte Königsstadt Turin zu holen, nach 23 Jahren.

Diesem Ziel hat Juve alles untergeordnet, hat Ronaldo mit einem für Turiner Verhältnisse obszön hohen Jahressalär von gut 30 Millionen Euro (netto) ins Piemont geholt, das Spiel des weithin gerühmten Kollektivs auf ihn zuschneiden lassen und bei einem ausgewachsenen Skandal wie der kürzlich ergangenen Vorstrafe wegen Steuerhinterziehung (23 Monate von einem Madrider Gericht) die Hand über den Portugiesen gehalten. Es wurden also einige althergebrachte Prinzipien über Bord geworfen, um das Schiff in Richtung Finale zu steuern. Ronaldo hat inzwischen brav 19 Ligatore geliefert, in der Champions League aber nur einen einzigen Treffer. Stattdessen kommt ausgerechnet El Cholo Simeone, den man in Turin bereits in seiner aktiven Zeit bei Lazio und Inter zutiefst verabscheute, und macht dem Aristokratenklub einen Strich durch die Rechnung.

Schatten der Selbstzerfleischung

In Wirklichkeit steht sich die Juve selbst im Weg. Der Ausfall von Sami Khedira, bei dem völlig überraschend Herzprobleme diagnostiziert wurden, mag die Mannschaft zusätzlich belastet haben - der halbkranke Miralem Pjanic war auch in Madrid wieder kein vollwertiger Ersatz. Das Mittelfeld war verstörend langsam und berechenbar, doch die Probleme liegen auch in der Verteidigung, wo der von Milan zurückgekehrte Leonardo Bonucci die majestätische Selbstsicherheit alter Zeiten vermissen lässt und Chiellini nicht nur gegen Diego Costa zerstreut wirkt.

Dass die Angreifer Mario Mandzukic und Paulo Dybala nur noch Statisten in der Show des großen CR7 sein sollen, macht sich auch nicht bezahlt. Über allem liegt längst der Schatten der Selbstzerfleischung. Die Juve spielte besser, als sie noch Außenseiter im Turnier war und nicht der selbsternannte Favorit. Als sie noch energisch auf Sieg spielte und nicht kläglich auf ein torloses Unentschieden wie in Madrid. Den Pausenstand bis in die Schlussphase einer grauen Partie zu zittern, ist der Juventus unwürdig. Mit Eiern hat das übrigens nichts zu tun.

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