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Champions League: AC Florenz:Der Diebstahl von München

In Italien, dem Mutterland aller Verschwörungstheorien, gilt Schiedsrichter Övrebö nach dem Abseitstor von Miroslav Klose als Helfershelfer des Kapitals.

"Der Diebstahl von München" würde einen schönen Filmtitel abgeben, für einen verregneten Schwarzweißkrimi mit einem schweigsam-zerknitterten Trenchcoat-Kommissar in der Hauptrolle. Aber Il Furto di Monaco ist in der italienischen Originalverfassung Realität. Sein Protagonist trägt an einem bitterkalten Winterabend kurze schwarze Hosen und ein kanariengelbes Hemd, er ist glatzköpfig und recht beleibt, wird von dem intriganten Linienrichter Nebben kongenial assistiert und heißt Tom Henning Övrebö. Schiedsrichter aus Norwegen, in der italienischen Version nicht Ermittler, sondern Täter. Räuber, Verschwörer, Meuchelmörder.

Miroslav Kloses Abseitstor sorgt in Italien für Empörung.

(Foto: Foto: dpa)

"Da spielst du das Spiel deines Lebens, und dann kommt dieser Kerl und ruiniert dir den Abend", beschreibt gewohnt melodramatisch La Gazzetta dello Sport den Tathergang. Der seriöse Corriere della Sera wird noch deutlicher: "Die Fiorentina wird von einer fetten, norwegischen Pfeife besiegt, die eine Minute vor Schluss Kloses Abseitstor anerkennt." Övrebö habe "Probleme mit Italien", behauptet die Mailänder Zeitung - immerhin habe er bei der EM 2008 ein reguläres Tor von Luca Toni gegen Rumänien als Abseitstor annulliert. Wofür sich Övrebö später entschuldigte.

Der Schiedsrichter solle seinen Job wechseln, regte Fiorentina-Besitzer Diego Della Valle an, der auch Anteilseigner beim Corriere ist. Die Talentscouts von La Nazione, der Zeitung aus Florenz, wissen auch schon, wo Övrebö ("Sieht aus wie die Comicfigur Hulk") am besten einzusetzen wäre: "Schickt ihn mitsamt seiner Linienrichter aufs Kartoffelfeld."

Fiorentina-Kapitän Riccardo Montolivo fühlte sich vom Referee "verschaukelt", dessen Spielleitung sei "nur peinlich" gewesen: "Der hat mit zweierlei Maß gemessen." Die rote Karte gegen Gobbi (73./Check gegen Robben) indes habe durchaus Berechtigung, argumentierte verhaltener La Repubblica, ungerecht sei höchstens, dass später ein heftiges Foul Kloses nur mit Gelb geahndet wurde: "Eine Partie kann durch solche Episoden entschieden werden, und diesmal steht hinter allen Episoden Övrebö."

Dass der Fußball in Florenz erfunden wurde, ist außerhalb der Stadtgrenzen durchaus umstritten. Unstrittig aber ist Italien das Mutterland aller Verschwörungstheorie, und um den Bayern-Sieg rankten sich am Tag danach schon zwei. Die eine untermalt den "Diebstahl von München" mit den Klängen des vulgärmarxistischen Uralt-Lamentos "Immer auf die Kleinen". Nun gilt Bayern - Florenz als Münchner Variante von Irland - Frankreich (Handspiel von Thierry Henry), da ist die Champions League wie jene WM-Qualifikation vom November eine Abfolge 90-minütiger Klassenkämpfe.

In diese greift dann der Schiedsrichter als reaktionärer Helfershelfer des Kapitals im entscheidenden Moment ein, um einen Sieg oder auch nur ein Remis aufrechter Fußball-Proletarier zu verhindern. Jetzt musste den reichen und mächtigen Bayern gegen die Außenseiter aus Florenz geholfen werden. "Wo es der Wettkampf nicht regelt, gibt es immer noch einen Schiedsrichter", erklärt La Nazione. Und wo der nicht ausreiche, "gibt es den Linienrichter. Aber Övrebös Name ist eh schon Programm". In Italien kann man ihn übrigens nicht aussprechen.

Die Drahtzieher aus Mailand und Turin

Die zweite Theorie wird von Fans verbreitet und setzt etwas höher an. Sie besagt, die Fiorentina sei zum Scheitern verdammt, auf dass Italien einen Champions-League-Platz an Deutschland abgebe: Ein klassisches Bauernopfer im Machtkampf der Fußball-Großmächte, die in der Uefa wie im politischen Europa tonangebend sind.

Die Drahtzieher Michel Platini und Kalle Rummenigge, so munkelt man in Florenz, hätten ihr Handwerk seinerzeit bei den Machiavellis von Juventus Turin und Inter Mailand gelernt. Platini und die Uefa erhielten am Donnerstag eine Menge Protest-Mails aus Italien, in denen es hieß, die schändliche Spielleitung im Achtelfinal-Hinspiel habe "Florenz und die Florentiner beleidigt". Eine Schande, schimpfte der Bürgermeister und forderte eine öffentliche Entschuldigung von Platini.

Im allgemeinen Geschrei ging fast unter, wie tapfer sich der AC Florenz gegen den Angstgegner Bayern München geschlagen hatte. Man war nach München gereist, um sich an Schadensbegrenzung zu versuchen - ein 1:2-Ergebnis dank Kröldrups Abstauber nach einem Eckball (50.) hätten vor dem Spiel noch nicht einmal die unverbesserlichsten Optimisten prophezeiht, ein Remis wagte sich erst recht niemand vorzustellen. In das Rückspiel am 9. März kann die Fiorentina sehr viel gelassener gehen - nicht nur, weil es ganz sicher von einem anderen Schiedsrichter gepfiffen wird.

Und so blieb, während alle zeterten, Trainer Cesare Prandelli gelassen: "Ich kann 15 Sekunden wütend sein, danach muss ich das Spiel analysieren." Sicher, es habe eine "Reihe von Fehlentscheidungen" gegeben: "Aber wir dürfen uns nicht konditionieren lassen." Einer wie Prandelli taugt einfach nicht zur Opferrolle in einem grellen Schurkenstück. Eher kann man ihn sich auf grübelnder Spurensuche im Trenchcoat vorstellen.

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