Urteil gegen Brasiliens NOK-Chef:Schlüsselfigur zu Geld und Gold

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Brasiliens ehemaliger NOK-Chef Nuzman wegen Korruption verurteilt

Carlos Arthur Nuzman und Thomas Bach - zwei Funktionäre, die sich gut kennen.

(Foto: Felipe Dana/dpa)

Carlos Arthur Nuzman, Chef der Olympischen Spiele 2016 in Rio, muss wegen Korruption für mehr als 30 Jahre hinter Gitter. Sein Fall setzt auch die Verantwortlichen der vergangenen Spiele von Tokio unter Druck.

Von Thomas Kistner

30 Jahre und elf Monate. Fast 31 Jahre hinter Gittern, so sieht die Zukunft des Mannes aus, der 2016 die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro eröffnet hatte, und der als langjähriger Würdenträger im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) besonders nahe am Präsidenten Thomas Bach war, den er unterstützte. Nun wird Carlos Arthur Nuzman, 79, seine Tage in einer Haftanstalt jener Stadt zubringen, der er im Herbst 2009 auf korruptem Wege zur Ausrichtung der Spiele verholfen hatte.

Aber auch: auf dem üblichen Weg. Denn das Schmiergeld-System, das die brasilianische Justiz rund um die Spiele-Vergabe an Rio aufgedeckt hat, offenbart das Muster einer olympischen Vetternwirtschaft mit den immer selben Akteuren im Zentrum. Deshalb setzt das harte Urteil nun die Justiz und die Politik in Japan unter Druck: Dieselben dunklen Kräfte, die Nuzmans korrupter Rio-Kandidatur zum Sieg verhalfen, tauchen ja auch in ähnlich kanalisierten, fragwürdigen Geldflüssen rund um die Vergabe der Sommerspiele 2020 an Tokio auf.

Im Korruptions-Prozess von Rio wurde neben Nuzman, der auch Brasiliens Olympiakomitee COB anführte, sein damaliger Marketingchef Leonardo Gryner veruteilt (13 Jahren und zehn Monate); Rios vorbestrafter Ex-Gouverneur Sergio Cabral kam mit zehn Jahren und acht Monaten Haft davon. Immerhin hatte Cabral 2019 als Erster die Zahlung von Schmiergeldern bei der Bewerbung eingeräumt: Für zwei Millionen US-Dollar habe er, gemeinsam mit Nuzman, Stimmen eingekauft. Das Geld habe der brasilianische Unternehmer Arthur Soares vor der IOC-Abstimmung im Herbst 2009 in Kopenhagen bereitgestellt. Damals setzte sich Rio gegen Madrid, Tokio und Chicago durch.

Dabei ging Nuzman diskret ein anderer langjähriger IOC-Spitzenfunktionär zur Hand: Lamine Diack, 88, senegalesischer Chef des Leichtathletik-Weltverbandes, sowie dessen Sohn Papa Massata Diack. Letzterer wird seit Jahren von Interpol gejagt, Vater Lamine wurde im Herbst 2020 nach jahrelangem Hausarrest in Paris zu vier Jahren Haft verurteilt. Er hat Berufung eingelegt.

Das Korruptionsschema: Im Oktober 2019, Tage vor Rios Wahl-Triumph, flossen 1,5 Millionen Dollar des Milliardärs Soares durch die Karibik an eine Agentur namens Pamodzi - die gehörte Papa Massata Diack. Das Geld war für Stimmkäufe im afrikanischen IOC-Block vorgesehen, den Lamine Diack über viele Jahre beherrschte. 2019 gestand Ex-Gouverneur Cabral, Nuzman habe den Deal zwischen Diack und Geldgeber Soares vermittelt; der Unternehmer hatte bei den Spielen groß abkassiert. Ob Nuzman selbst finanzielle Vorteile hatte, ist ungeklärt. Allerdings fand die Justiz bei ihrer Razzia 2017 in den Gemächern des IOC-Ehrenmitglieds einen Schlüssel, der sie direkt zum Gold führte: 16 Barren, versteckt in einem Genfer Schließfach, Wert rund 560 000 Euro.

Rios Betrugsmuster deckt sich mit der schweren Verdachtslage zu Tokio 2020. Auch bei dieser Spiele-Vergabe floss viel Geld aus dem Bewerberland an eine Agentur im Umfeld von Diack junior: erst 950 000 Dollar im Juli 2013, dann 1,38 Millionen Dollar im Oktober. Zahlungsbetreff: "Tokyo 2020 Olympic Games Bid". Beraterhonorare, erzählen die Japaner. Nur können sie nicht erklären, welche teuren Dienste die Diacks geleistet hatten.

Wie Brasilien in Nuzman, hatte Tokio in Tsunekazu Takeda eine Topkraft im IOC sitzen. Takeda war Organisationschef der Bewerbung, Vorsitzender von Japans Olympia-Komitee - und saß als mächtiger Chef der IOC-Marketingkommission an zentralen Geldquellen. Als sich die Verdachtslage, zusammengetragen durch die Pariser Sonderstaatsanwaltschaft PNF, zu sehr verdichtete, trat Takeda im März 2019 zurück. Kurz zuvor hatte das IOC sogar für ihn das Alterslimit von 70 Jahren ausgesetzt, damit er die Tokio-Spiele zu Ende bringen könnte.

Ob das Rio-Urteil die Schweigefront in Tokio aufbrechen kann, ist abzuwarten. Dort sind die Pandemie-Spiele längst zum Politikum geworden. Jedoch könnten sich auch andere Instanzen der olympischen Korruption zuwenden. Nach Aktenlage waren in Rio wie in Tokio rund ein halbes Dutzend IOC-Leute beteiligt - dabei könnten schon vier gekaufte Stimmen die Ermittler des FBI auf den Plan rufen. Bisher hielt sich die US-Bundespolizei zur Causa Rio informiert, nun kann sie aktiv werden: Bei Rios Wahlsieg war Chicago in Runde eins mit 18 Stimmen gescheitert; Rio kam zum Auftakt auf 26. Da wären schon vier gekaufte Voten entscheidend.

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