Axel Witsel beim BVB Naturautorität mit Wuschelkopf

Axel Witsel nach seinem Tor gegen Atlético Madrid.

(Foto: AFP)
  • Borussia Dortmund tritt an diesem Samstag zum Revierderby bei Schalke 04 an.
  • Der BVB stellte sich vor der Saison im Management neu auf - mit Sebastian Kehl und Matthias Sammer.
  • Am Transfer von Axel Witsel erkennt man stellvertretend, was bei Dortmund funktioniert und wo Schalke noch Nachholbedarf hat.
Von Philipp Selldorf, Dortmund

Mancher Vertreter des Profifußballs äußerte im Sommer - diskret, vertraulich und nicht ohne vorauseilende Schadenfreude - Skepsis, ob der Plan mit dem doppelten Matthias Sammer funktionieren könne: Die Honorar-Tätigkeiten als überparteilicher Fernsehexperte und als Chefberater von Borussia Dortmund werde ihn geradewegs in Interessenkollision und Erklärungsnot treiben, hieß es. Nun ist es fast Winter, und Sammer versieht immer noch ungeniert seine Doppelrolle: Als Fachmann im Dienst des Senders Eurosport und als ständiger Gutachter im Auftrag der BVB-Führung. Kritik an der Borussia hat Sammer in seinen Analysen zwar auffallend unterlassen. Das lag aber nicht an Parteinahme, sondern daran, dass es nicht viel zu kritisieren gab beim Tabellenführer. Tatsächlich hätte der TV-Guru Sammer sogar guten Grund, die Verdienste des BVB-Sachverständigen Sammer zu preisen, denn dieser ist eindeutig mitverantwortlich für den Aufschwung.

Im Laufe der Woche hat Eurosport seinen Mitarbeiter wieder zu Wort kommen lassen, verdienstvollerweise im originalen und stets originellen Sammer-Ton. In Erwartung des Revierderbys an diesem Samstag äußerte sich der Kenner sowohl zur Lage beim BVB als auch bei Schalke 04. Dort durfte man, nach Enträtselung der eigensinnigen Sammer-Satzbauten, erfreut sein über eine wohlwollende Meinung. Er habe "großen Respekt für die Situation" in Gelsenkirchen, sagte Sammer: "Der Fehlstart in der Bundesliga ist eine Hypothek, die sich trägt. Die Klubführung stützt und stärkt den Trainer, aber gleichzeitig ist es keine Mitleidstour als Dankbarkeit des letzten Jahres." Denn Domenico Tedesco, Schalkes schwer geprüfter junger Trainer, sei "kein Spinner oder Typ, der sich wegen des Erfolges ins Schaufenster stellt. Dafür wirkt er viel zu geerdet, zu fein, zu sauber", findet Sammer.

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Zumindest in Dortmund haben sie gelernt, Sammers manchmal mysteriös formulierte Thesen zu verstehen. "Seine Analysen sind Weltklasse", stellt Hans-Joachim Watzke kategorisch fest. Im vorigen Winter war der Ober-Borusse mit Sportchef Michael Zorc zur Überzeugung gelangt, dass der Verein mehr Sachverstand, "mehr Manpower" brauche, um den neuen Herausforderungen des Transfermarktes und einer zunehmend komplexen Mannschaftsführung standzuhalten und die angestaute sportliche Fehlentwicklung grundlegend zu korrigieren.

"Wir waren zu klein geraten, zu sehr auf Ballbesitz und Fußball fixiert, man muss sich wehren können, das Spiel hat sich seit 2014 elementar verändert", sagt Watzke heute. So entstand die Idee, den höchst ambitionierten früheren Borussia-Teamleader Sebastian Kehl ins Management aufzunehmen und mit ihm eine Art Exekutivausschuss zu gründen, in dem Matthias Sammer als externer Experte fungiert.

Es sei "ein Zeichen von Größe", dass Watzke und Zorc "diesen Neustart ausgerufen und entschieden haben, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen", findet Kehl. Offenbar ging es in der neuen Konstellation auch darum, die Machtbalance zu wahren. Watzke deutet an, dass es nicht immer einfach war, die Zuständigkeiten zu definieren: "Fachwissen zu bündeln, ist nicht so schwierig - man muss aber auch die Entscheidungsstruktur einhalten." Der Sportchef Zorc sollte nicht als Verlierer aus der neuen Ordnung hervorgehen. Außerdem galt es, ein paar Ressentiments aus alten Zeiten zu überwinden und das gelegentlich überschießende Sendungsbewusstsein im Kabinett auszugleichen. So ist Watzke in dieser Runde weniger Vorsitzender als Moderator.

Als Zorc während der WM in Russland verkündete, es gebe eventuell eine Chance, Axel Witsel zu verpflichten, bestand allerdings sofort Einigkeit: "Alle waren komplett elektrisiert", berichtet Watzke. Schon lange hatte man das Profil des Wunschspielers fürs zentrale Mittelfeld skizziert: Er sollte groß, zweikampfstark und ballsicher sein, also ein Spieler wie Witsel. Doch dass der Belgier bereit wäre, seinen überirdisch dotierten, angeblich 16 Millionen Euro Jahresgehalt schweren Vertrag in China aufzugeben, das hatte man nicht geglaubt. Abgesehen davon, dass man nicht wusste, dass es da auch noch eine finanzierbare Ausstiegsklausel gab. Zorc erhielt das Mandat, alle nötigen Hebel zu bewegen.

Immer noch können die Borussen ihr Glück kaum fassen. Witsels Wirkung aufs Dortmunder Spiel? "Außergewöhnlich!", ruft Watzke dreimal hintereinander aus: "eine Naturautorität, einfach ein Leader", ein Mann mit "extrem positiver Ausstrahlung, der die Atmosphäre verändert, wenn er den Raum betritt". Nebenan in Gelsenkirchen könnte man neidisch werden. Weniger wegen Witsel, den Schalke kaum hätte bezahlen können, sondern weil der BVB außer Witsel noch eine Reihe weiterer Transfers verwirklichte, die einem höheren Plan entsprachen. Auch Schalke 04 hatte trotz der Verluste von Leon Goretzka, Max Meyer und Thilo Kehrer im Sommer die Möglichkeit, die Mannschaft aufzuwerten und die Grundlage für eine zukunftsfähige Spielweise zu schaffen. Manager Christian Heidel gab mehr als 50 Millionen Euro aus - aber worin bestand der Plan, außer mit Spielern wie Omar Mascarell, Sebastian Rudy und Suat Serdar die Weggänge zu kompensieren?