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Abschied vom BVB:Mario Götze bleibt nur die Flucht

BVB-Spieler Mario Götze nach einem Spiel gegen Tottenham Hotspur

Versteht die Dortmunder Welt nicht mehr: Mario Götze.

(Foto: REUTERS)

Der Dortmunder ist mit so viel Talent gesegnet - doch Trainer Lucien Favre lässt ihn immer wieder fallen. Sein Ziel könnte nun Italien sein.

Mario Götze hatte sich gerade wieder in seine Sitzschale auf der Tribüne gesetzt, die derzeit die Ersatzbank ist, 85 Minuten waren gespielt, Borussia Dortmund führte ungefährdet mit 2:0 beim VfL Wolfsburg. Und Götze schüttelte so ungläubig den Kopf, wie man eben den Kopf schüttelt, wenn man die Welt nicht mehr versteht. Fünfmal hatte sein Trainer gewechselt, aber der nationale WM-Held von 2014 wurde nie aufgerufen. Er durfte wieder Platz nehmen wie ein Jungspund, der froh sein darf, im Kader zu sein. Allzu viel gab es da nicht zu interpretieren, was Götzes Gesicht hinter der obligatorischen Corona-Schutzmaske wohl sagen wollte.

Den nahen Abschied von Götze hatte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc schon vor dem Spiel im Fernsehen verkündet: "Wir sind übereingekommen, die Zusammenarbeit nicht weiter fortzusetzen." Es sei für beide Seiten das Beste. Man habe ein gutes Gespräch geführt, Götze sei "ein guter Junge", er werde "noch in dieser Saison sehr wichtig für uns werden". Diplomatie klingt halt so. Aber spätestens nach Götzes sinnlosem Warmlaufen vor leeren Rängen in Wolfsburg ist klar, dass das Szenario nicht mehr sehr wahrscheinlich ist. Trainer Lucien Favre konnte wegen der Corona-Sonderregel fünfmal wechseln: Er brachte einen 17-Jährigen (Giovanni Reyna), einen 19-Jährigen (Leo Balerdi), einen 20-Jährigen (Jadon Sancho), auch einen 32-Jährigen (Marcel Schmelzer). Für den 27-jährigen Götze war keine Verwendung.

Die Partie selbst war so, wie man vorab befürchtet hatte, dass Geisterspiele werden könnten: fußballerisch ganz okay, aber man musste es nicht gesehen haben. Nach einer guten halben Stunde gab es einen brillanten Dortmunder Spielzug zu sehen, eingeleitet von Julian Brandt, der beim BVB etwa das spielen darf, was man vor langer Zeit mal Mario Götze zugetraut hatte. Raphael Guerreiro verwertete die verwirrende, schnelle Kombination zum 1:0. Danach schien im kollektiven Unterbewusstsein der Borussen die Hälfte der Gedanken schon beim Spiel am Dienstag gegen den Tabellenführer FC Bayern zu sein. Erst erstaunlich spät, nach 75 Minuten, gab Jadon Sancho im Mittelfeld wieder in einem Konterangriff Gas, mit Speed und Geschmeidigkeit, und Achraf Hakimi schoss zum 2:0 ein. Das war es dann schon. Spiel entschieden, Kräfte dosiert, mit nur zwei wirklich guten Szenen zum Sieg: Dortmunds Rückrundenkonto weist nun 27 von 30 möglichen Punkten aus.

Götze hat an dem Aufschwung keinen Anteil mehr haben können. Zuletzt hatte sein Trainer ihm mit einer Begleitklausel ("man muss da die Wahrheit sagen") attestiert, dass er schlicht nicht ins aktuelle System passe. Dieses System hatte Favre - wie man hört, auf viel Druck von Mannschaftsrat und Management - gegen Ende der Hinrunde auf ein flexibles 3-4-3 umgestellt: mit zwei Außenverteidigern, die in Ballbesitz eher wie zusätzliche Außenstürmer agieren und erst bei gegnerischem Ballbesitz zu Verteidigern werden. Davor spielen meist zwei eher defensive Mittelfeldspieler, etwa Axel Witsel und Emre Can oder in den letzten beiden Partien ersatzweise Thomas Delaney und Mahmoud Dahoud. Auf den Außenstürmerposten, wo Götze unter Trainer Jürgen Klopp seinen Frühstart in die Profikarriere absolvierte, sind heute Tempodribbler wie Thorgarn Hazard, Jadon Sancho oder Giovanni Reyna gesetzt.

Eine Zeitlang durfte Götze hoffen, dass sich mit einem Trainerwechsel seine Chancen wieder verbessern würden. In der Hinrunde trudelte Dortmund eine Weile und handelte sich den Rückstand auf die Bayern ein. Favre wackelte. Es heißt, dass Götze mit einer Gehaltsminderung um 20 Prozent hätte leben können. Aber nun gewinnt der BVB in Serie, da bleibe einem wie ihm nur die Flucht. Von Italien ist die Rede.

Ob ihn das glücklicher macht, ist eine andere Frage. Viele sagen, dass es selten einen Spieler gab, der so mit Talent gesegnet war und so schlechte Entscheidungen getroffen habe. Seinen frühen Wechsel 2013 zum FC Bayern hat Götze später selbst als unglücklich eingestuft. Der einst als "Jahrhunderttalent" gepriesene Götze passte auch schon beim damals neuen Bayern-Coach Pep Guardiola nicht recht ins Konzept. Klar, wenn dem Trainer eigentlich ein gewisser Neymar vorschwebte. 2014 entschied Götze das WM-Finale mit seinem Tor für Deutschland, aber schon damals wechselte Bundestrainer Joachim Löw ihn erst spät ein. Als Guardiolas Nachfolger Carlo Ancelotti in München früh andeutete, bestens auch ohne den Mitläufer Götze klarzukommen, ging es für Götze 2016 zurück ins heimische Dortmund. Dort traf er auf Trainer Thomas Tuchel, dem die Rückholaktion angeblich nicht ins Konzept passte. Götze war dann lange verletzt und langfristig außer Gefecht gesetzt.

Danach kam er nur für kurze Zeit, in der Rückrunde der vergangenen Saison, noch einmal in gute Form. Warum Lucien Favre ihn danach wieder fallen ließ, kann Götze wohl nicht nachvollziehen. Dabei ist selbst für die größten Romantiker sichtbar: Für das, was Borussia Dortmund spielt, ist Götze zu wenig antrittsstark, sein Dribbling scheint wie verschwunden zu sein. Was nützt es, dass Götze im "Footbonauten", dem computergesteuerten Balltraining im Käfig, noch immer die Nummer eins im edlen Kader des BVB ist; was nützt es, dass er eine starke Passquote hat, wenn er denn spielt? In einer idealen Welt würde ein Trainer um einen Spieler wie Götze ein System herumbauen. Aber das wird auf dem Niveau von Dortmund, FC Bayern und ähnlichen Kalibern kaum mehr passieren.

Und so ist es ziemlich wahrscheinlich, dass Mario Götze auch am letzten Spieltag wieder mit einer Corona-Maske in einer Sitzschale hockt und die Welt nicht mehr versteht.

© SZ vom 25.05.2020/ebc
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