RB Leipzig:Es riecht nach Krise

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Bundesliga - RB Leipzig v Bayern Munich

Konrad Laimer (li.) und Kevin Kampl (mi.): Viel zu diskutieren nach der 4:1-Pleite gegen den FC Bayern

(Foto: Annegret Hilse/Reuters)

Leipzig muss in der Partie gegen Bayern erkennen, welch deutliche Spuren der Transfersommer hinterlassen hat. Nach dem schlechtesten Saisonstart der Klubgeschichte wünscht sich Trainer Jesse Marsch das, was er am wenigsten hat: Zeit.

Von Saskia Aleythe, Leipzig

Und jetzt auch noch Manchester City. Jesse Marsch lachte auf, als er benannte, welche Aufgabe RB Leipzig nun erwartet. Einen sanften Einstieg hat er mit seiner Mannschaft in die neue Saison schließlich nicht erwischt: Bayern am vierten Spieltag der Bundesliga, Manchester City als ersten Gegner in den Gruppenspielen der Champions League. Marsch schnaubte einen Lacher der Verzweiflung wie jemand, der seine Situation mit Galgenhumor erträgt, aber verzweifelt ist der Amerikaner freilich noch nicht. Vermutlich hat man ihn auch deshalb nach Leipzig geholt, weil sie jetzt einen Typen brauchen, der das niemals sein wird.

Ein 4:1 des FC Bayern im Leipziger Stadion drückt aber auch bei Marsch aufs Gemüt, noch mehr, wenn es den schlechtesten Saisonstart der Leipziger bedeutet: Ein Sieg, drei Niederlagen, das gab es nach vier Partien in der Bundesliga bei RB noch nie. "Klar, ist scheiße", gab Torschütze Konrad Laimer bei Sky ungeschönt zu, "das haben wir uns natürlich anders vorgestellt."

Nur einen Sieg gab es gegen Stuttgart, sonst Niederlagen gegen Mainz, Wolfsburg und nun die Bayern. Der Klub hat den größten Umbruch seit seinem Bestehen hinter sich, und den merkt man ihm an. "Wir brauchen ein bisschen mehr Zeit, wir müssen mehr lernen", sagte Trainer Marsch am Samstagabend - das Problem ist nur, dass währenddessen halt trotzdem gespielt wird.

Neuerfindung im Live-Betrieb

Vor ein paar Tagen, verriet Marsch, habe man in Leipzig als Gruppe zusammengestanden und sich gesagt: "Vielleicht ist es nicht fair, dass wir jetzt so große Tests haben wie gegen Bayern und auswärts gegen ManCity. Vielleicht sind wir nicht bereit für solche großen Herausforderungen." Das war ein erstaunlicher Einblick in einen Klub, der die vergangene Saison noch als Vize-Meister beendet hatte, aber Marsch wollte damit nur einleiten, welche Attitüde in Leipzig jetzt vorherrsche. Egal, habe man sich schließlich gesagt, "wir müssen mit Vollgas spielen, wir müssen an unseren Prozess glauben."

Der 47-Jährige hat zum Jobstart knackige Aufgaben zu bewältigen: Die eingespielte Innenverteidigung aus Ibrahima Konaté und Dayot Upamecano existiert transferbedingt nicht mehr, noch dazu ist Kapitän Marcel Sabitzer von Bord gegangen. Und dann will Marsch natürlich auch seine eigenen Akzente setzen als Trainer: Unter Julian Nagelsmann war einst der Ballbesitzfußball nach Leipzig gekommen, Marsch orientiert sich mehr an der ursprünglichen RB-DNA: Gegenpressing und Konter.

"Es ist ein bisschen eine neue Idee vom Fußball, die wir versuchen umzusetzen", sagte er auf dem Pressepodium neben seinem Vorgänger, "es ist schade, dass wir nicht die Ergebnisse haben. Erst dann bringt es ein bisschen Spaß." Fußball ist keine Operation am offenen Herzen, aber der Test mit neuem Personal und veränderter Spielweise findet jetzt eben gleich im Live-Betrieb statt. Und den fand Marsch gegen die Münchner immerhin nicht so schlecht, wie es das Ergebnis suggerierte.

Was man Nagelsmann als Höflichkeit attestieren konnte, hatte auch seine Berechtigung: "Wir sind der verdiente Sieger, aber nicht so, dass wir 4:1 gewinnen müssen", hatte der 34-Jährige nach der Partie gesagt, und tatsächlich wird die Kluft bei einem Perspektivwechsel auch ein bisschen kleiner. Das Ergebnis war zwar deutlich, aber deutlich waren nicht die Entscheidungen, die dazu führten: Als sich Thomas Müller nach zwei Minuten mit abgewinkelter Hand in die Flugbahn des Balls stellte, blieb der Elfmeterpfiff aus, bei Kevin Kampl hingegen führte der Armeinsatz zum Strafstoß und dem frühen 1:0 (12. Minute). "Das ist natürlich Pech", sagte Torhüter Peter Gulacsi später im ZDF und ließ dann eine sehr lange Pause. "Ich rede darüber lieber nicht. Es ist sehr bitter, so früh gegen Bayern in Rückstand zu gehen."

Olmo wird nach einer Stunde für die Champions League geschont

Bitter war auch der aberkannte Treffer zum vermeintlichen 2:1 durch André Silva (51.): Er stand beim Zuspiel von Dani Olmo laut Videoschiedsrichter etwa eine halbe Schuhlänge im Abseits. Die Partie hätte beim Anschlusstreffer eine andere Dynamik bekommen, so fiel dann schnell das 3:0. Auch das 4:1 durch Eric Maxim Choupo-Moting wurde überprüft, diesmal ohne Aberkennung des Treffers.

Macht in der Summe ein paar Pfiffe, ohne die der Kräftevergleich weniger drastisch für den FC Bayern ausgefallen wäre. Was nichts daran änderte, dass Marsch die größte Schwachstelle im Spiel seines Teams klar benannte: "Der letzte Pass, die letzte Aktion, wo wir eine größere Chance finden können, fehlt bei uns ein bisschen. Bayern hat die letzte Aktion sehr gut und sehr klar gemacht."

Von einer Krise wollen sie noch nicht sprechen in Leipzig, "es ist so früh in der Saison, wir brauchen jetzt nicht etwas reininterpretieren. Oder Hektik reinbringen, wo keine ist", fand Laimer. In Olmo wurde der beste Leipziger gegen Bayern schon nach einer Stunde ausgewechselt, er sollte geschont werden für die Champions League am Mittwoch. Ein deutliches Zeichen, welche Spuren der Transfersommer am Klub hinterlassen hat. Und wie die Realität in Zeiten der Neuerfindung aussieht.

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