RB Leipzig:Alles noch drin?

RB Leipzig: Trainer Julian Nagelsmann beobachtet einen Zweikampf beim Spiel gegen Eintracht Frankfurt

Mäßig zufriedener Beobachter: Julian Nagelsmann (links) sieht einen Zweikampf zwischen Frankfurt Filip Kostic und Leipzigs Amadou Haidara (rechts).

(Foto: Michael Sohn/AP)

"Viel zu früh": Nach dem Remis gegen Eintracht Frankfurt hütet sich RB Leipzig davor, den Titelkampf abzublasen - trotz nun vier Punkten Rückstand auf den FC Bayern.

Von Javier Cáceres, Leipzig

Vordergründig war nichts passiert. Das einzige, offizielle Saisonziel von RB Leipzig lautet, die Qualifikation für die kommende Champions-League-Saison zu sichern. Und der Vorsprung auf den Tabellenfünften Borussia Dortmund betrug auch am Sonntagabend, nach dem 1:1 gegen Eintracht Frankfurt, noch satte zwölf Punkte, bei neun verbleibenden Spielen. Doch dass die Leipziger das Remis wurmte, konnte man hundert Meter gegen den böigen Wind riechen, der über Leipzig hinweg zog. "Wir ärgern uns sehr", sagte Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann, 33: "Es ist nicht verdient, dass wir nicht dreifach punkten."

Aber es half nichts. Die Schlussfolgerung des Abends blieb: Leipzig kann vorerst nicht mehr aus eigener Kraft Deutscher Meister werden. Und wer wollte, konnte einen grollenden Unterton heraushören, der ins Resignative lappte, als Mittelfeldspieler Emil Forsberg ergänzte, es sei doch "noch alles drin".

Noch alles drin? Nun: Zieht man historische Marken als Vergleichsgrößen heran, so gilt das nur bedingt. Seit der Saison 2012/13 war der FC Bayern an jedem 25. Spieltag an der Tabellenspitze, und er brachte die jeweils geltenden Vorsprünge auf den Zweiten stets ins Ziel. Ganz gleich, ob man nur zwei Treffer in der Tordifferenz vorne lag (Saison 2018/19) oder gleich 23 Punkte wie 2013/14.

Diesmal begibt es sich, immerhin, dass noch eine Art Finale aussteht. Am Osterwochenende empfängt Leipzig den FC Bayern (möglicherweise aber ohne Innenverteidiger Dayot Upamecano, der eine muskuläre Blessur davontrug). Es besteht also noch keine Notwendigkeit, Kleider und Palmblätter auf den Weg der Bayern zu streuen. Entsprechend verkniff sich Leipzigs Vorstandsvorsitzender Oliver Mintzlaff das Hosanna: "Es ist viel zu früh, um über die Meisterschaft zu reden", sagte er. Obwohl auch er weiß, dass der FC Bayern im Laufe der Geschichte den empirischen Beweis erbracht hat, den Atem des Rivalen, den man im Nacken verspürt, in Rückenwind zu verwandeln.

Daraus zu folgern, dass der Titelkampf abgesagt gehört, wäre wohl tatsächlich zu früh. Zwar begab es sich in der letzten Saison, dass Leipzig nach der Hinserie vorne lag und sich dann am Ende bloß noch auf Platz drei retten konnte. Aber das geschah in einer Saison mit besonderen Umständen. Sie ist detailliert aufgearbeitet, wie Leipzigs Trainer Nagelsmann dieser Tage erklärte.

Letztes Jahr war Leipzig oft "zu träge im Übergang" - das hat Nagelsmann verbessert

Da die Spieler im vergangenen Jahr stark mit der Pandemie beschäftigt waren, habe man sie damals "vielleicht zu sehr in Ruhe gelassen", sagte Nagelsmann dieser Tage, "inhaltlich hätte man mehr machen können". Daraus habe man Lehren gezogen, die Spiele werden häufiger und intensiver vor der Videoleinwand analysiert als in der Vorsaison. Ein anderer Grund dafür, dass Leipzig in der Rückrunde vor einem Jahr Punkte liegen ließ, sei gewesen, dass das Übergangsspiel nicht so gut geklappt habe. "Plakativ gesagt: Wir hatten eine sehr gute Spieleröffnung, hatten auch gute Situationen im letzten Drittel, waren aber oft zu träge im Übergang", sagte Nagelsmann.

Dieser Trägheit habe man unter anderem dadurch entgegenzuwirken versucht, dass früh in der Saison rotiert wurde. Die Frische hat sich bemerkbar gemacht: Zuletzt reihte Leipzig in der Liga sechs Siege aneinander, und auch gegen die Eintracht wussten die Leipziger zu gefallen - und Chancen herauszuspielen. Dass sie mit ihnen "zu sorglos" umgingen, wie Nagelsmann es nannte, oder gar "schlampig", wie Manager Markus Krösche sagte, war das eine. Andererseits: Ein Remis gegen die Eintracht, diesmal nach Toren von Forsberg (46.) und Daichi Kamada (61.), kann schon mal passieren.

Nagelsmann ein Kandidat für den FC Bayern? RB-Boss Mintzlaff ist "tiefenentspannt"

Eine "Schreiattacke" erlitt Nagelsmann dennoch - aufgrund der selbstgefälligen und erratisch anmutenden Spielleitung von Schiedsrichter Felix Zwayer. Der Referee zeigte Nagelsmann auch noch die gelbe Karte, weil der Coach sich lautstark (und berechtigterweise) über ein nicht geahndetes Foul von Sebastian Rode an Dani Olmo beschwert hatte. Nagelsmann bat Zwayer hernach freundlich um Auskunft - und erhielt sie: "Das Argument, warum er (das Foul an Olmo) nicht gepfiffen hat, war, dass (Frankfurts) Jovic in der Aktion zuvor auch gefoult wurde. Das hat er nicht gepfiffen, deswegen hat er sich gedacht, das nächste Foul pfeift er auch nicht", paraphrasierte Nagelsmann die Entscheidungsfindung Zwayers, ehe er zu einer plausiblen Schlussfolgerung kam: "Diese Argumentationskette erschließt sich mir nicht."

Ansonsten war der Sonntag von Personaldebatten geprägt. RB-Manager Krösche sagte im Lichte des Ralf-Rangnick-Theaters dem FC Schalke 04 ab; Nagelsmann wiederum musste ertragen, dass er sogar bei Klubs als Kandidat gehandelt wird, die noch nicht mal sicher sind, ob sie ihren Trainer überhaupt rasieren sollen oder verabschieden müssen, zum Beispiel beim FC Barcelona und beim FC Bayern. Ronald Koemans Vertrag in der katalanischen Hauptstadt läuft bis 2022, der Kontrakt des potenziellen Jogi-Löw-Nachfolgers Hansi Flick in München läuft gar bis 2023. Auch Nagelsmann ist bis 2023 an Leipzig gebunden. Er sei in Sachen Nagelsmann "tiefenentspannt", sagte Leipzig-Boss Mintzlaff. Er weiß, dass Nagelsmann schon einmal Vertragstreue bewies - als ihn zu seiner Zeit bei der TSG 1899 Hoffenheim der Ruf von Borussia Dortmund ereilte.

© SZ/cca/ska
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