Bayer 04 Leverkusen Völlers nächste Geduldsprobe

Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler.

(Foto: dpa)
Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Auf einmal flutschten diesem freundlichen Herrn unpassend erscheinende Wörter in seinen interessanten Redebeitrag. Nach dem 2:1-Sieg von Eintracht Frankfurt gegen Bayer Leverkusen stand er in den Katakomben des Waldstadions, ein Mann von 1,90 Meter Körperwuchs, Bärtchen, angenehmes Lächeln, bekleidet mit einem orangenen Torwarttrikot, das ihn ob des aufgedruckten Vereinsemblems als Mitglied der Mannschaft von Bayer 04 auswies. Doch als es in dem Gespräch um das robuste und aggressive Frankfurter Auftreten ging, schien der Mann fast zu strahlen und teilte mit: Ja, das sei eben "unsere" Stärke, und, ja, das machen "wir" schon seit einigen Jahren so gut.

Lukas Hradecky, 29, hat drei Jahre für die Eintracht gespielt, ehe es ihn im Sommer nach Leverkusen zog. Die Wechselprozedur gestaltete sich zwar nicht in völliger Harmonie mit dem vorigen Arbeitgeber, aber der finnische Nationaltorwart mit den slowakischen Wurzeln war in seiner Dienstzeit heimisch geworden am Main. Und so griff er dann in alter Gewohnheit zur ersten Person Plural, als es um Frankfurt ging - und inhaltlich trafen seine Anmerkungen ohnehin zu. Die körperbetonte Spielweise war in den vergangenen Jahren des Öfteren und auch am Sonntag ein entscheidender Grund für den Frankfurter Erfolg.

Aber der Torwart Hradecky sagte in diesem Kontext auch etwas über seine aktuelle Elf (über die er im Übrigen korrekterweise ebenfalls mit "Wir" und "Uns" sprach und nicht etwa mit "Die" und "Ihnen"). "Wir wollten auch so männlich spielen. Das ist die Qualität, die uns noch ein bisschen fehlt", meinte er also, aber so ganz sei das eben nicht gelungen. In Hradeckys Worten ergab sich daraus die Zusammenfassung einer zentralen Leverkusener Debatte: die Frage der richtigen Einstellung. Denn die Lage ist mal wieder schwierig bei Bayer. Die kleine Serie von sieben Punkten aus drei Partien endete am Sonntagabend, und so bleibt nur ein enttäuschender Zwischenrang elf, bevor es am Mittwoch gegen Schalke geht - die andere Mannschaft, die so weit unter den Erwartungen spielt.

Es verfestigt sich der Eindruck, dass es dieser Elf am Punch fehlt

Es ließe sich aus Leverkusener Perspektive einwenden, dass es spielerisch bei ihnen in dieser Saison noch ansehnlicher läuft als beim kommenden Gegner. Aber es gehört zu den grundsätzlichen Auffälligkeiten, wie da einerseits eine Truppe auf dem Platz steht, bei der so hochveranlagte Profis wie Julian Brandt, Kevin Volland, Kai Havertz und Karim Bellarabi das offensive Start-Quartett bilden und bei der kaum minder veranlagte Profis wie Leon Bailey und Lucas Alario von der Bank kommen können. Und wie sich andererseits immer wieder, und auch am Sonntag in Abwesenheit der Bender-Brüder Lars (verletzt) und Sven (auf der Bank), der Eindruck verfestigt, dass es dieser Elf am Punch fehlt, um in solchen Begegnungen zu bestehen.

Leverkusens Trainer Heiko Herrlich hat die Diskussion hinterher zwar abzumoderieren versucht. Als Vorsteher einer zu braven Mannschaft wollte er nicht gelten. Aber so richtig überzeugend konnte er das nicht vortragen, als er a) anmerkte, er könne den Jungs keinen rechten Vorwurf machen, außer dass sie bei beiden Gegentoren nicht aggressiv genug gewesen seien; als er b) die körperbetonte Spielweise des Gegners monierte, die manchmal über die Grenze des Erlaubten ginge; und als er c) zu der Conclusio kam, da könne sein Team eine Kleinigkeit drauflegen und müsse notfalls mal ein taktisches Foul begehen.

Tatsächlich waren es ziemlich viele Kleinig- und vielleicht sogar die eine oder andere Großigkeit, in denen sich die beiden Mannschaften in diesem Spiel unterschieden. Nur bis zur 28. Minute blieb es ausgeglichen, dann erzielte Danny Da Costa die 1:0-Führung. Fortan war die Frankfurter Überlegenheit immens. Zwar traf nur noch Filip Kostic (57.), aber die Eintracht vergab noch viele gute Chancen, vor allem Angreifer Ante Rebic. Der Anschlusstreffer durch Bellarabi (65.) fiel hingegen gänzlich überraschend - und es war bezeichnend, dass sich bis zu Vollands Schuss in der Nachspielzeit keine rechte Gelegenheit zum Ausgleich mehr ergab.

"Wann immer wir den Anschluss an eine Mannschaft mit einem Erfolg herstellen können, gibt es wieder einen Rückschlag", sagte Torwart Hradecky: "Das zieht sich bei uns leider wie ein Virus durch die Saison." Tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass die Leverkusener in eine schwierige Phase schlittern, die üblichen Begleiterscheinungen inklusive. Schon öfter geisterten die Namen möglicher neuer Trainer umher. Vor ein paar Wochen war die Rede von Ralph Hasenhüttl, der inzwischen den FC Southampton coacht, jetzt berichtete der kicker über Kontakte zu Peter Bosz (im Vorjahr bei Borussia Dortmund entlassen) und Marco Rose (derzeit mit RB Salzburg höchst erfolgreich). Sportchef Rudi Völler hielt in den vereinsinternen Diskussionen bisher schützend die Hand über Heiko Herrlich. Der Auftritt in Frankfurt war geeignet, seine Geduld zu erschüttern.

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