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Bundesliga:Entscheidend ist im Labor

TSG 1899 Hoffenheim - Hertha BSC Berlin

Dedryck Boyata (l) von Hertha spricht, nunja, innig während des Spiels mit seinem Mannschaftskameraden Marko Grujic.

(Foto: Thomas Kienzle/dpa)

Der erste Spieltag nach der Corona-Pause vermittelt einen Eindruck, wie der Fußball in naher Zukunft aussehen kann. Doch ob das Experiment Bundesliga klappen wird, ist weiter ungewiss.

Wer noch ein Bild dafür brauchte, dass der Fußball, wie er nun in Deutschland wieder gespielt wird, wenig mit Normalität zu tun hat, der sah es am Samstagabend in Dortmund. Da versammelten sich die BVB-Profis, die gerade den FC Schalke 04 mit 4:0 besiegt hatten, vor der Südtribüne. Es gab ja schließlich einen Derbysieg zu feiern, der in fast jeder Normalität ein großes Fest zur Folge gehabt hätte. Nun stellten sie sich im Sicherheitsabstand zueinander auf und machten die Welle. Es war eine nett gemeinte Geste. Doch wenn sie auf einer leeren Tribüne niemand erwidert, ist so eine Welle natürlich eher sinnlos.

Nun ging es an diesem in jedem Fall sporthistorischen Samstag eigentlich gar nicht mehr darum, die Bedeutung der Fortsetzung dieser Bundesligasaison zu verhandeln. Es war vorher schon klar, dass es für die Branche darum geht, ihr auf Kante genähtes Geschäftsmodell zu retten. Dass sie dafür lobbyiert hat, ist vollkommen nachvollziehbar, das ist zu Genüge diskutiert worden - hundert Mal, wie Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke im Sky-Interview mit Sicherheitsabstand vor dem Spiel sagte, und wahrscheinlich sogar ungefähr richtig gezählt hatte.

Genauso ist es verständlich, wenn organisierte Fans, die ihr Fansein ernst nehmen, es als Leidenschaft verstehen und nicht nur als ein bisschen Fuppes-gucken zum Feierabend, die Fortsetzung der Saison nicht bejubeln. Ihre Meinung wird sich nicht durch ein paar schöne Geisterspielzüge ändern.

Unter anderem um die Fans ging es am Samstag trotzdem. Immer wieder war zuletzt die Furcht geäußert worden, dass sie sich vor den Stadien treffen, je nach Argumentation, um ihrer Freude oder ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Doch genau wie die Ultras landauf und landab dies angekündigt hatten, haben sie sich am Samstagnachmittag nicht vor den Stadien versammelt, was nicht nur mögliche Ansteckungen, sondern auch Spielabbrüche zur Folge gehabt hätte. Auch unorganisierte Fans haben dies nicht getan.

Und dann ging es natürlich am Samstag auch um Fußball. Die Spiele können natürlich trotzdem hochklassig sein, auch wenn sie sich anhören wie Bezirksliga mit Stadionmusik. Es kann auch durchaus gute Unterhaltung sein, das haben vor allem die Dortmunder gezeigt. Erling Haaland hat auch im Home-Office seinen unnachahmlichen Antritt mit dem Gespür für den richtigen Raum sowie seinen überragenden Abschluss nicht verlernt. Für gute Unterhaltung haben etwas überraschend auch mit einem 3:0 in Hoffenheim die Berliner gesorgt, die vor Corona ja eher eine allein durch teure Transfers suggerierte Reminiszenz einer ambitionierten Fußballmannschaft waren.

Ausgerechnet die Mannschaft von Hertha BSC, jüngst mit dem Kabinen-Video des suspendierten Salomon Kalou schon mal mit sehr laxer Auslegung der Corona-Regeln auffällig geworden, hat aber am Samstag auch die Bilder geliefert, auf die sich Zweifler beziehen werden. Entgegen der Empfehlung der DFL herzten sich die Spieler innig beim Torjubel. Das ist kein Verstoß gegen das Hygienekonzept der DFL (anders als der Zahnpasta-Einkauf trotz Quarantäne-Regeln von Augsburgs Trainer Heiko Herrlich) und das ist natürlich eigentlich auch nicht schlimm - Kontakt ist Kontakt, ob im Strafraum oder beim Jubeln. Und ob man es einem Fußballer wirklich verübeln sollte, wenn er sich in der Emotion freut? Andererseits: Die harten Regeln, nach denen eben jener unerlaubter Zahnpasta-Einkauf nun die Fallhöhe darstellt, hat sich die Liga ja selbst verpasst.

Solche Jubel-Bilder, und dass man sie kritisch deutet, verdeutlichen vor allem: Tore, Siege und Punkte sind jetzt nur bedingt das Maß, mit dem der Erfolg dieser Saison gemessen wird. Eine erfolgreiche Saison sieht aus Sicht des Fußballs so aus, dass noch acht Spieltage genau wie dieser über die Bühne gehen. Es geht zuvorderst darum, diese Spielzeit irgendwie zu Ende zu spielen. Und das Maß dafür sind die Corona-Tests, die alle 18 Klubs in den kommenden Tagen wieder durchführen werden, und die folgenden Entscheidungen der Gesundheitsämter, sollten sie konsultiert werden müssen. Das ist gerade weiterhin die Normalität.

© SZ.de/schm

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