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Geisterspiel in Gladbach:"Ohne Fans ist Fußball nicht mal halb so viel wert"

Gladbachs Spieler machen sich nach dem Spiel auf den Weg zu den Fans, die vor dem Stadion warten.

(Foto: AFP)
  • Im ersten Geisterspiel der Bundesligageschichte gewinnt Gladbach mit 2:1 gegen den 1. FC Köln.
  • Doch von einem normalen Fußballspiel will niemand sprechen. Gladbachs Trainer Marco Rose kann sich nicht vorstellen, dass die Saison auf diese Weise zu Ende gespielt wird.
  • Weil sich Gladbacher Anhänger vor dem Stadion versammeln, sieht sich Werder Bremen zu einem Appell an die eigenen Anhänger veranlasst.

Für alle, die den Torjubel von Breel Embolo nicht gesehen hatten, führte Marco Rose ihn in der Pressekonferenz extra noch einmal vor: die Hände hinter beiden Ohren, die Ohrmuscheln dadurch etwas vorgeschoben und die Handteller als Resonanz-Vergrößerung. Mit dieser Geste schauen Torschützen beim Fußball gern provokant ins Publikum und wollen damit sagen: Ich kann Euch nicht hören!

Borussia Mönchengladbachs Trainer Rose fand diese Geste genial in einem Spiel ohne Publikum, er war sich nur nicht sicher, ob Embolo diesen Jubel aus reiner Routine gemacht hatte oder als ironische Geste. Unabhängig von Embolos Motiven war es eines der markantesten Bilder dieses historischen Abends, dem ersten Geisterspiel in 57 Jahren Bundesliga mit dem Torschützen Embolo, der signalisiert: Ich kann niemanden hören.

Man kann so ein Geisterspiel ironisieren, man kann es aber auch dramatisieren. Beide Interpretationen sind berechtigt. In Mönchengladbach ist am Mittwochabend deutlich geworden, wie überflüssig Bundesliga-Fußball ohne Kulisse ist. Wenn die Zuschauer fehlen, reduziert sich der Hochleistungssport mit Ball auf eine Trockenübung. Dieser beklemmende Eindruck hat zum Beispiel dem Gladbacher Christoph Kramer wenig ausgemacht, er ist da eher der rationale Typ, respektiert die besonderen Umstände eines solchen Events und macht sich auch nicht verrückt bei dem Gedanken, dass das jetzt so weitergeht, möglicherweise bis zum Ende der Saison.

Wer am meisten unter der surrealen Atmosphäre gelitten zu haben schien, war überraschenderweise der Schiedsrichter Deniz Aytekin. So ein Schiedsrichter, hätte man denken können, macht ganz emotionslos seinen Job wie ein Arbeiter am Fließband, aber nach dem Spiel sagte Aytekin, es sei durchgängig anstrengender sich zu konzentrieren bei so einem Spiel ohne Publikum. Die Atmosphäre nannte er "beängstigend", das Spiel entbehre "Leidenschaft", man spüre einfach, dass "irgendwas ganz massiv fehlt" - und nach diesem ersten Geisterspiel in seiner 174. Bundesligapartie weiß Aytekin: "Ohne Fans ist Fußball nicht mal halb so viel wert."

Dies war die bedeutendste Erkenntnis des Abends: Alle Beteiligten berichteten einhellig, dass Fußballspielen ohne Zuschauer eigentlich keinen besonderen Spaß macht, und als der Trainer Rose von einem Journalisten gefragt wurde, ob er sich vorstellen könne, dass jetzt alle Spiele bis zum Saisonende ohne Zuschauer ausgetragen werden, da fragte Rose einfach zurück, ob er selbst sich das denn vorstellen könne. Die damit gegebene Antwort war offensichtlich: ohne Publikum ist der Fußball für alle, die mit ihm zu tun haben, etwas völlig Anderes, etwas deutlich weniger Emotionales. Ein Geisterspiel ist kein Gruselfilm, sondern wie ein schlecht inszenierter Liebesfilm.

Marcus Thuram grüßt die Fans außerhalb des Stadions mit der Eckfahne.

(Foto: AFP)

Da konnte der Trainer Rose hinterher noch so herausstellen, dass es ein gutes Fußballspiel gewesen sein, ein würdiges Derby, seine Mannschaft sei 120 Kilometer gelaufen, das sei ein Topwert. Aber so richtig mitgerissen hatte dieses Rheinderby niemanden - außer vielleicht die Menschen, die nun hören konnten, dass auch Profifußballer die gleichen Kommandos rufen wie Kreisligakicker. "Leo", "Lang", "Komm" hallte es durch die Gladbacher Betonschüssel.

Aber es war nicht verwunderlich, dass die Gladbacher Spieler bei diesem 2:1-Sieg als schönsten Moment würdigten, wie sie gleich nach dem Schlusspfiff über die leere Nordtribüne durch die Eingangsluke Richtung Stadionausgang gepilgert sind, um die dort außerhalb des Stadions zu Hunderten wartenden Fans zu begrüßen und mit ihnen gemeinsam den Triumph zu feiern. Obgleich diese Versammlung natürlich den Zweck des Geisterspiels konterkarierte - nämlich dass Menschen nicht eng beieinander stehen sollen.

Borussia Dortmund und Werder Bremen appelierten angesichts dieser Bilder direkt an die eigenen Fans, doch bitte nicht zum Stadion zu pilgern. "Trotz des Verständnisses für das Bedürfnis der Anhänger, das Team zu unterstützen, bittet der SV Werder alle Fans, Menschenansammlungen zu vermeiden", hieß es in einer Erklärung der Bremer vom Donnerstag. Die Prävention einer weiteren Verbreitung des Coronavirus solle Priorität besitzen, erklärte der Club. "Jeder Einzelne ist aufgefordert, Verantwortung zu zeigen und damit sich und andere Menschen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Auch im Falle eines Derbysieges", sagte der BVB. Die Bundesliga - sie muss sich auf die neue Situation erst einstellen.

© SZ.de/schm
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