Bundesliga:Flüchtling zieht Werder aus dem Keller

Werder Bremen - Bayer 04 Leverkusen

"Dieser Moment ist der größte meines Lebens": Ousman Manneh (rechts) feiert nach seinem 2:1-Siegtreffer gegen Bayer Leverkusen mit den Fans - es war das erste Tor eines Gambiers in der Bundesliga.

(Foto: dpa)
  • Der 19-jährige Ousman Manneh ist vor zwei Jahren aus Gambia geflüchtet und schießt nun das Siegtor für Werder Bremen gegen Leverkusen.
  • Mit ihm und Trainer Nouri dreht sich bei Werder die Stimmung.

Von Jörg Marwedel, Bremen

Wer mit 17 Jahren allein in die fremde Welt zieht, weil er es in seinem von Terror und Korruption gebeutelten Heimatland nicht mehr aushält, der habe "große Stärken". So sieht es Werder Bremens neuer Cheftrainer Alexander Nouri und bezieht das auf Ousman Manneh, der vor zwei Jahren seine Heimat Gambia verließ und als Flüchtling in der Hansestadt unterkam. Mutig muss so jemand sein, lernwillig, anpassungsfähig. Inzwischen ist Ousman Manneh 19 Jahre alt.

Über die Flucht mag er nicht sprechen, es würde ihn zu sehr aufwühlen. Über Fußball aber redet er gern. Am Samstagabend hat er sein viertes Bundesligaspiel gemacht und eine Geschichte geschrieben, die er selbst kaum fassen kann. Er hat in der 59. Minute das 2:1-Siegtor gegen Bayer Leverkusen erzielt und danach den Rasen geküsst. Es war das erste Tor eines Gambiers in der Bundesliga. "Dieser Moment", sagte er, "ist der größte meines Lebens."

Nouri hatte Manneh erneut dem erfahrenen Aron Johannsson und dem begabten Jüngling Johannes Eggestein vorgezogen. Und wie es aussieht, hat er damit richtig gelegen. Denn zu den bereits erwähnten Eigenschaften des 1,89 m großen Schlaks' kommen ein beachtliches Fußballtalent und großer Arbeitseifer. Es war ja nicht nur das Tor, das Manneh mit Hilfe seiner langen Beine erzielte, wie er später erzählte. Der "liebe Junge, der gut zuhört", wie Kapitän Clemens Fritz ihn beschreibt, hat auch zu diesem "überragenden Teamspirit" beigetragen, den nicht allein Zlatko Junuzovic ausmachte. Die Bremer, befand auch Leverkusens Trainer Roger Schmidt, waren "galliger und entschlossener".

Zum Beispiel beim ersten Treffer in der 13. Minute. Erst lief Izet Hajrovic (eine Nouri-Wiederentdeckung) mit dem Ball sogar dem schnellen Jonathan Tah davon, dann scheiterte Manneh nach der Hereingabe noch an Keeper Bernd Leno, anschließend aber stand Junuzovic bereit, um den abgewehrten Ball ins Tor zu schießen. Erst nach der Werder-Führung zogen die Leverkusener ihr Tempo an, nach dem Ausgleich - Hakan Calhanoglu hatte eine Flanke von Kevin Kampl per Kopf ins Tor bugsiert (27.) - wirkte es so, als würde sich der spielerisch überlegene Champions-League-Teilnehmer den Gegner zurechtlegen und bald die nötigen Tore erzielen.

Selten wurden gegen die früher so anfällige Werder-Abwehr so wenige Chancen herausgespielt

Doch nichts davon passierte. Nach dem 2:1 segelten nur noch harmlose Flanken in den Bremer Strafraum, die meist vom mächtigen Werder-Verteidiger Lamine Sané entsorgt wurden. Und so wurde deutlich, dass Nouri sich auch auf dem Feld der Taktik wenig vormachen lässt.

Er hatte einen Plan, wie er das Wirken der technisch stärkeren Leverkusener unterbinden wollte; den habe er in den Tagen zuvor üben lassen, teilte er mit. Die Marschroute war, mit "Rhythmuswechseln von offensivem Pressen und defensiver Kompaktheit" Bayer aus dem Takt zu bringen und zu langen Bällen zu zwingen. Selten wurden gegen die einst so anfällige Werder-Abwehr in der zweiten Hälfte so wenige Torchancen herausgespielt. Damit siegte zumindest an diesem Tag der Neuling Nouri über Schmidt, den Verfechter des Offensiv-Fußballs.

Nouri gut wie Rehhagel

Und so zauberten die Statistiker mal wieder einen schönen Vergleich hervor. Mit sieben Punkten in vier Partien hat Nouri einen ebenso guten Einstand feiern können wie einst der Werder-Übervater Otto Rehhagel vor 35 Jahren. Aus der Weltuntergangs-Stimmung, die noch vor wenigen Wochen in Bremen herrschte, ist Aufbruchs-Stimmung geworden. Die Fans schreiben das besonders dem neuen Trainer zu, wie die "Nouri, Nouri"-Rufe bewiesen. Dieser hat das realistisch als "Mechanismus des Geschäfts" eingeordnet, das ahnt er auch schon als Neuling.

Tatsächlich aber sieht es zumindest im Moment so aus, als habe Nouri gegenüber seinem Vorgänger Viktor Skripnik psychologische und auch taktische Vorteile. Inzwischen hat das Team wieder so viel Selbstbewusstsein getankt, dass es zur Not sogar den Ausfall von Serge Gnabry kompensieren kann. Der Spätsommer-Zugang, der in den ersten Minuten wieder mit seinen Dribblings begeistert hatte, musste kurz vor der Pause wegen einer schmerzhaften Wirbelprellung durch Fin Bartels ersetzt werden.

Ousman Manneh hat das jedenfalls nicht aus Bahn geworfen. Er erzählte nur, dass er täglich mit seiner in Gambia gebliebenen Mutter telefoniere. Sie mache sich immer Sorgen, berichtet er, "aber das braucht sie nicht". Ist wohl auch unnötig, denn Manneh hat mit Nouri, der ihn schon in Werders Drittliga-Mannschaft förderte, offenbar den besten Coach, den er derzeit haben kann: "Alex fordert mich", sagt er, "er sagt, ich habe die Qualität und ich solle etwas daraus machen." Nouri selbst sagt: "Ich bin nur der Trainer." Es sei aber schon bemerkenswert, wie Manneh mit dieser "tief greifenden und berührenden Geschichte" umgehe.

© SZ vom 17.10.2016
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