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FC Bayern:Kann Ancelotti auch das Kerngeschäft Bundesliga?

Als Menschenfänger ist Bayern-Trainer Ancelotti unerreicht - aber nie hat der Italiener eine taktisch derart geschulte Mannschaft trainiert wie in München. Das birgt Gefahren.

Beginnen wir mit einem Zitat: "Wir dachten alle, dass er als Italiener starkes Gewicht auf taktische Trainingseinheiten legen würde, aber das Training mit Carlo fing an - und von Taktik keine Spur." Das hat nicht irgendwer geschrieben, sondern der dreimalige Weltfußballer Cristiano Ronaldo, der zwei Jahre lang unter dem heutigen Bayern-Trainer Carlo Ancelotti bei Real Madrid gespielt hat. Und Ronaldo hat das auch nicht irgendwo geschrieben, sondern in einem Gastbeitrag für Ancelottis Buch "Quiet Leadership - Wie man Menschen und Spiele gewinnt."

Von Taktik keine Spur?

Man blättert dann ein paar Seiten weiter, und die nächste Branchengröße, die sich zu ihrem ehemaligen Trainer äußert, ist der Schwede Zlatan Ibrahimovic. Er schreibt: "Carlos Arbeitsweise, die Trainingseinheiten und dergleichen, das ist alles ziemlich Old School und sehr italienisch. Taktik ist wichtig für ihn."

Ja, was denn nun? Keine Taktik? Old-School-Taktik?

Es sind in beiden Gastbeiträgen nur Nebensätze - vor allem äußern sich die Besten der Besten in Ancelottis Buch nämlich über den Menschenfänger und Motivator und Beichtvater und Spielerfreund Carlo Ancelotti. Neben Ronaldo und Ibrahimovic tun das auch noch David Beckham, John Terry, Paolo Maldini, Toni Kroos und andere, und sie tun das mit einer authentischen, fast liebevollen, in der Summe dann aber auch etwas schmalzigen Zugewandtheit, die es wohl selten gibt in dieser Branche der Alphatiere. Carlo Ancelotti, das eint sie, ist für sie alle der Größte, weil sie sich nie vorher und nie nachher als Persönlichkeiten von einem Trainer so an- und ernstgenommen gefühlt haben. Mit Ancelotti hatten sie die beste Zeit ihres Lebens.

Man kann Philipp Lahm, Thomas Müller und die anderen FC-Bayern-Profis also nur beglückwünschen zu der Atmosphäre, in der sie in den kommenden Monaten und vielleicht Jahren ihrer Arbeit nachgehen werden. Ist es da nicht völlig egal, ob sie mal bloß 2:2 gegen Eintracht Frankfurt spielen? Tja, das ist jetzt die Frage.

In München findet er ganz neue Voraussetzungen vor: bessere. Ist das schlecht?

Ancelotti war in den vergangenen 15 Jahren beim AC Mailand, dem FC Chelsea, Paris Saint-Germain und Real Madrid beschäftigt. Er folgte dort auf Fatih Terim, Guus Hiddink, Antoine Kombouaré bzw. José Mourinho. Grundlagen legen, ein professionelles Umfeld schaffen, Gräben wieder zuschütten, die seine bisweilen rüden Vorgänger eingerissen hatten, eine Gruppe zusammenschweißen und auf den Erfolg fokussieren - das hat er an jedem Standort verstanden, und am Ende stand dann oft die Champions-League-Trophäe in der Vitrine. In München ist das aber alles nicht nötig, das Bayern-Fundament ist fest betoniert, der Verein, die Gruppe, alles funktioniert. Und ausgerechnet hier folgt Ancelotti nun auf den Taktikfetischisten Pep Guardiola. Das ist selbst für einen Ancelotti neu. Und das ist die Ausgangslage, die jetzt zwangsläufig dazu führt, dass man nach drei sieglosen Spielen in Serie damit beginnt, Ancelottis Vita nach Halbsätzen zum Thema Taktik abzusuchen.

Eine Mannschaft, die taktisch derart geschult ist wie die Bayern, hat selbst Ancelotti noch nie betreut. Das ist eine andere Ausgangsbasis, eine, die Vertrauen nicht so selbstverständlich wachsen lässt. Und natürlich führt der zwangsläufige Gegenschnitt Pep/Carlo jetzt auch im Team zu Diskussionen: Was haben wir letztes Jahr besser gemacht? Warum war unser Spiel griffiger? Hat Guardiola es also doch nicht übertrieben mit seinen bei eigenem Ballbesitz einrückenden Außenverteidigern oder mit seinen nervigen Schlaumeier-Vorträgen über Stärken und Schwächen der Darmstädter Mittelfeldraute und des Mainzer Aushilfs-Innenverteidigers, der womöglich spät eingewechselt wird?

Dreimal Champions-League-Sieger in 15 Jahren, aber auch nur dreimal Meister

Nein, der FC Bayern hat natürlich keine Krise, wenn er nach dem siebten Spieltag weiter ohne Niederlage die Liga anführt. Und die permanente Körperspannung, die Guardiola seinen Männern eingesungen hat, ist vielleicht auch nicht gesund. Das Vertrauen, dass dieser Italiener es schon richten wird in den entscheidenden Spielen, die für den FC Bayern immer erst im Frühjahr kommen, ist in München weiter ausgeprägt. So, wie es Ancelotti damals ja auch mit Real Madrid hinbekommen hat, als er Guardiola im Champions-League-Halbfinale 2014 eine kleine Taktik-Lehrstunde erteilte und die Bayern mit einem 0:4 aus deren eigener Arena beförderte.

Eine Zahl darf ihnen aber schon zu denken geben an der Säbener Straße, wo der Sieg bekanntlich der Normalfall ist und die Nervosität schneller Einzug hält als an fast jedem anderen Standort. Es ist eine Zahl, die in Ancelottis Buch auf allen 316 Seiten verschwiegen wird. In den 15 Jahren seit seinem Amtsantritt in Mailand, in denen er ausschließlich Top-Klubs trainiert hat, ist er zwar dreimal Champions-League-Sieger geworden - aber auch nur dreimal nationaler Meister!

Höhepunkte kann Ancelotti. Kann er auch Kerngeschäft?

Und wenn man sich jetzt noch vorstellt, dass Thomas Tuchel, der bekanntlich mindestens 25 Stunden am Tag über Taktik nachdenkt (eher 28), seiner Dortmunder Kampftruppe rechtzeitig den Schlendrian austreibt und mal eine Weile keine Punkte mehr liegen lässt...

Aber ehe Bayern-Fans jetzt der Angstschweiß auf die Stirn tritt und Bayern-Hasser allzu viel Hoffnung schöpfen, noch schnell die Geschichte, die der heutige belgische Nationaltrainer Roberto Martínez Montoliú auf Seite 236 erzählt: Wie Carlo Ancelotti mal nach dem Spiel auf dem Stadionparkplatz von Chelsea in Ruhe eine Zigarette rauchen wollte und dann spontan am Auto von Montoliús Frau das Öl nachfüllte, weil er zufällig mitbekam, wie sie verzweifelt vor der geöffneten Motorhaube stand. "Es war direkt nach einem Spiel, aber er war einfach nur ein hilfsbereiter Mensch."

2:2 gegen zehn Frankfurter? Geschenkt! Jedenfalls bis auf Weiteres.

© SZ vom 16.10.2016

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