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Bundesliga: Edin Dzeko:Wolfsburger Zockerpartie

Der Wechsel von Edin Dzeko zu Manchester City ist noch immer nicht perfekt. Dabei geht es weniger darum, ob der Stürmer den VfL Wolfsburg verlässt - ganz gewiss jedoch um die Konditionen.

Boris Herrmann

Als der VfL Wolfsburg im Juni 2007 einen milchgesichtigen Stürmer vom FK Teplice erwarb, staunte die interessierte Öffentlichkeit nicht schlecht, als eine Ablösesumme in Höhe von 2,5 Millionen Euro die Runde machte. Einen gewissen Edin Dzeko hatten hierzulande die wenigsten schon einmal spielen sehen. "Er ist eine Verpflichtung für die Zukunft", musste Felix Magath damals beschwichtigen, der den VfL zu jener Zeit praktisch in seiner Gesamtheit verkörperte.

Dzeko Wolfsburg

Ab nach Manchester, nur wann? Edin Dzeko weiß es auch nicht.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Zukunft, die im deutschen Fußballgeschäft unter anderem an einer funkelnden Meisterschale zu erkennen ist, hat dann bekanntlich schneller begonnen, als viele erwartet hatten. Wenn nicht alles täuscht, dann geht diese Zukunft aber auch schon wieder recht früh zu Ende. Edin Dzeko hat sich in der zurückliegenden Halbserie relativ offensichtlich aus seinem Vertrag herausgeschmollt - und nebenbei trotzdem noch zehn Tore geschossen.

Allein das zeigt seine herausragende Klasse. In der Stunde, in der er tatsächlich zu Manchester City wechseln darf, wird beim VfL Wolfsburg endgültig eine neue Zeitrechnung beginnen.

Es ist nur so, dass diese Stunde jetzt schon ein Weilchen auf sich warten lässt. Der mutmaßlich teuerste Transfer der Bundesligageschichte - die Rede ist von insgesamt 35 Millionen Euro - hat bereits die Stufen ziemlich perfekt, fast perfekt und extrem fast perfekt durchlaufen. Und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn der Deal nicht in den kommenden Tagen als vollends perfekt verkündet werden kann.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich die Verantwortlichen des VfL Wolfsburg seit Weihnachten wie ein Haufen ausgedörrter Regenwürmer winden und wenden, wenn man sie auf Dzeko anspricht. Mit absoluter Sicherheit lässt sich nur sagen, dass Dieter Hoeneß weiterhin von einem infernalen Husten geplagt wird. "Es ist noch nichts passiert", keuchte der Wolfsburger Manager auch am Donnerstagnachmittag warnend ins Telefon.

Das ist natürlich ein wenig untertrieben. Passiert ist beispielsweise ein Medizincheck des 24-Jährigen Bosniers in Manchester. Passiert sind ferner ein paar warme Abschiedsworte Dzekos vor seiner Abreise aus dem Trainingslager in Marbella. Passiert ist aber vor allem die Verkündung des Transfers aus dem Munde von Citys Trainer Roberto Mancini sowie die faktische Verkündung seitens des Wolfsburger Kollegen Steve McClaren. Hoeneß sagt: "Das zeigt, dass weder Mancini noch McClaren unmittelbar an den Verhandlungen beteiligt sind."

Es geht bei diesem Hinhaltespiel selbstredend nicht darum, ob Dzeko den VfL verlässt. Es geht einzig und alleine darum, wann und zu welchen Konditionen die Wolfsburger den besten Stürmer ihrer Vereinsgeschichte verkaufen. Und an einem Transfer dieser Größenordnung sind heutzutage eben mehr Verhandlungspartner beteiligt, als an einen herkömmlichen Pokertisch passen - zwei Vereine, zwei solvente Geldgeber im Hintergrund, Berater, der Spieler als Ich-AG, um nur einige zu nennen. "Die öffentliche Vorstellung ist vom Kicker-Managerspiel geprägt, wo man zum Verkaufen nur auf den Knopf drücken muss", findet Hoeneß.

Wolfsburg muss einkaufen

Selbst wenn sich zwei Klubs grundsätzlich handelseinig sind wie im Fall Dzeko, kann man sich in der Realität offenbar auch noch über so hübsche Dinge wie einen Solidaritätszuschlag für Auslandstransfers streiten, über Ratenzahlungsmodelle oder über landestypische Unterschiede bei der Brutto- und Nettoberechnung.

Nicht auszuschließen, dass es dem VfL letztlich auch um das Symbol geht, den hiesigen Transfer-Rekord des Münchners Mario Gomez (30 Millionen) nach Steuern zu überbieten. "Zahlen sind interpretierbar", lässt Hoeneß dazu bloß wissen.

Nicht interpretierbar ist indes, dass Wolfsburg auf eine überaus bescheidene Vorrunde zurückblickt und es nach der Winterpause direkt mit Bayern, Mainz und Dortmund zu tun bekommt. Es dürfte deshalb jedem klar sein, dass der VfL ohne Dzeko nicht nur großzügig einkaufen kann, sondern auch großzügig einkaufen muss. Der Klub hat ohnehin schon eine sehr dünne Sturmreihe, die dann nur noch aus dem melancholischen Grafite und dem zumindest vor dem Tor äußerst harmlosen Mario Mandzukic bestünde.

Wenn Hoeneß also sagt: "Wir werden nicht mit dem Kescher durch die Gegend laufen, selbst wenn Edin geht", dann bringt er damit einerseits das Primat langfristiger, strategischer Umbauarbeiten zum Ausdruck. Andererseits liegt darin aber auch seine einzige Chance, die Preise für mögliche Nothelfer wie Srdan Lakic (Kaiserslautern), Papiss Cisse (Freiburg), Eljero Elia (HSV), Bryan Ruiz (Twente) oder Nils Petersen (Cottbus) nicht ins Dzekohafte steigen zu lassen.

Zu fast allen Kandidaten liegt ein öffentliches Dementi aus ihren jeweiligen Heimatklubs vor. Die wichtigste Regel auf dem winterlichen Transferfenster-Basar lautet allerdings: Sag niemals nie! "Sowohl Edin Dzeko als auch Zvjezdan Misimovic werden dem VfL Wolfsburg erhalten bleiben, egal welche Angebote noch kommen." Dieser Satz von Dieter Hoeneß ist noch nicht einmal ein halbes Jahr alt.

© SZ vom 07.01.2011/ebc
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