Borussia Dortmund:Ein Hauch von dem Fußball, den sie sich wünschen

Borussia Dortmund: Ein bisschen Trost nach Schlusspfiff: Edin Terzic (r.) mit Salih Özcan.

Ein bisschen Trost nach Schlusspfiff: Edin Terzic (r.) mit Salih Özcan.

(Foto: Revierfoto/Imago)

Dortmund spielt gegen Leipzig nach einer roten Karte für Mats Hummels 80 Minuten zu zehnt und verliert 2:3. Mit dem Mute der Verzweiflung scheint der Mannschaft mehr zu gelingen als vorher. Für Trainer Edin Terzic heißt das: Es bleibt kompliziert.

Von Freddie Röckenhaus

Wenn die Tabelle nicht lügt, wie Fußball-Realisten so gerne zitieren, dann wird es für Borussia Dortmund zunehmend schwierig, in der Bundesliga erneut einen der vier Champions-League-Ränge zu ergattern. Beim 2:3 gegen RB Leipzig riss der direkte Kontakt zum Konkurrenten vorerst ab. Dass sich am Nachmittag der FC Bayern mit 1:5 bei Eintracht Frankfurt eine Ergebnis-Packung abholte, scheint den ehemaligen Meisterschaftsaspiranten BVB schon nicht mehr wirklich etwas anzugehen. Platz vier ist inzwischen der neue Platz eins für Dortmund.

Von den vergangenen sechs Liga-Spielen hat die Borussia nur eins gewonnen. Ein Szenario, das viele bereits vorhergesagt hatten, als der BVB mit einer Serie von spielerisch nicht überzeugenden Vorstellungen in die Saison gestartet war. Denn der Spielplan lügt so wenig wie die Tabelle, und es war klar, dass sich erst zum Jahresende die Duelle mit Top-Mannschaften ballen würden. Gleichwohl hatte der BVB mit seinen mittelmäßigen Leistungen viele Punkte gesammelt - noch auf Augenhöhe mit dem FC Bayern.

Trainer Edin Terzic, Sportdirektor Sebastian Kehl und zuletzt auch Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke beschwerten sich über die Kritik an der unattraktiven, unklaren Spielweise, der Taktik und der Personalpolitik. Watzke lederte zuletzt noch auf der BVB-Mitgliederversammlung Ende November gegen "die Medien", die Borussia Dortmund "zerstören" wollten. Aber was sagt man nicht alles, wenn der alte Rivale Schalke gerade in der falschen Liga spielt und man nach etwas Emotionalem sucht.

Noch schlimmer als die Niederlage gegen Lieblingsgegner Leipzig und die Kritik-Resistenz der Führungskräfte war für die Dortmunder unter den 81 365 Zuschauern im Stadion, dass die eigene Mannschaft besser zu spielen schien, als sie nach 15 Minuten in die Unterzahl geriet - und damit die ausgegebene taktische Marschroute zum Gutteil obsolet wurde.

Mats Hummels hatte den nach einem haarsträubenden Ballverlust von Thomas Meunier davon sprintenden Lois Openda nur noch mit einer Notbremse stoppen können. Schiedsrichter Sven Jablonski entschied zuerst auf Elfmeter für Leipzig und bestrafte Hummels mit Gelb. Er wurde aber, nach schier endloser Wartezeit, vom Video-Assistenten eines Besseren belehrt. Jablonski revidierte seine Entscheidung, das Foul nämlich sollte laut VAR ganz knapp außerhalb des Strafraums gelegen haben. So änderte Jablonski sein Urteil. Es gab Freistoß statt Strafstoß und die Farbe der Karte für Hummels wechselte von Gelb auf Rot.

Ob die Entscheidung aus dem Kölner Video-Center richtig war, blieb umstritten. Hummels entschuldigte sich schon mit Spielende auf seinen Social-Media-Kanälen:"Die Niederlage geht auf meine Kappe. Ich darf da niemals zur Grätsche runtergehen und die Jungs dadurch 80 Minuten mit einem Mann weniger auf dem Feld lassen." Hummels hätte sich gegen ein riskantes Grätschen entscheiden und Openda allein auf Torwart Gregor Kobel zulaufen lassen können. Auch wenn das eventuell den Führungstreffer für Leipzig nach sich gezogen hätte.

BVB-Teamkollege Julian Brandt wollte Hummels nicht kritisieren, im Gegenteil: "Verteidiger haben diesen Ehrgeiz, so eine Situation noch zu bereinigen. Oft klappt das. Dann profitieren wir davon. Hier dann mal nicht." Der Platzverweis des Nationalspielers änderte das Spiel, in dem Dortmund bis dahin leicht überlegen wirkte, aber auch anfällig für Konter wie jenen, der zum Platzverweis führte.

Leipzig konnte zwar eine Weile nicht viel mit der Elf-gegen-zehn-Überlegenheit anfangen. Aber schließlich köpfte Ramy Bensebaini eine Hereingabe von David Raum zum 0:1 ins eigene Tor. Danach allerdings schien sich der BVB aufzurappeln. Dortmund Trainer Edin Terzic hatte Niklas Süle für den vom Platz gestellten Hummels ins Spiel gebracht, und ausgerechnet dem Innenverteidiger gelang Sekunden vor Schluss der ersten Halbzeit der Ausgleich.

Dortmund übernimmt in Unterzahl das Kommando

Nach dem Wechsel schien Christoph Baumgartner mit dem erneuten Führungstor zum 2:1 die Wende in die erwartbare Richtung zu schaffen. Aber tatsächlich wurde ab diesem Punkt die Borussia stärker. Die Unterzahl und der Rückstand ließen die taktischen Überlegungen dahinschmelzen. Leipzig wusste mit der nun aktiver, aggressiver und eher auf eigenen Angriff umgeschalteten Spielweise der Dortmunder wenig anzufangen. Terzic hatte inzwischen offensiv gewechselt. Mit Karim Adeyemi, Donyell Malen und Giovanni Reyna, ohne nominelle Außenverteidiger und mit aufrückendem Mittelfeld übernahm Dortmund auch in Unterzahl plötzlich das Kommando.

In der Nachspielzeit gelang allerdings Yussuf Poulsen der dritte Leipziger Treffer. Postwendend köpfte Niclas Füllkrug für Dortmund das 2:3. Und für die restliche Nachspielzeit witterte der BVB mit seinem lautstarken Anhang noch einmal die Chance zum Ausgleich. So würden sich die meisten Fans wohl den BVB-Fußball vorstellen - statt überfrachtet mit taktischen Ideen, die manchmal funktionieren, aber in der Regel eher gegen den Spieltrieb der vielen begabten Spieler gebürstet zu sein scheinen.

Edin Terzic fand hinterher, dass seine Mannschaft über weite Strecken die bessere gewesen sei; bis zum Platzverweis, und dann auch in der zweiten Hälfte. Er hatte sich in der Vorwoche nach dem ermauerten 1:1 in Leverkusen und dem katastrophalen 0:2 beim Pokal-Ausscheiden in Stuttgart viele Vorwürfe über seine vermeintlich allzu defensive, ängstliche Auf- und Einstellung anhören müssen. Ausräumen konnte das Spiel - zu zehnt gegen elf - diese Vorwürfe nicht. Dass die Mannschaft erst beim Alles oder nichts der letzten 15 Minuten wirklich gefallen konnte, war jedenfalls ein Hinweis, dass weniger auch mehr sein kann.

Der Kader des BVB scheint nach wie vor eher geplant für bedingungslosen Angriffsfußball, zur Not ohne Rücksicht auf Verluste. Julian Brandt, befragt nach den taktischen Hintergründen, wollte nur schmunzelnd sagen: "Ich persönlich bin immer lieber aktiv als passiv." Leicht gesagt für einen Spielmacher, der für die Offensive zuständig ist. Aber Brandt hörte sich dabei ähnlich kryptisch an wie zuletzt schon Kapitän Emre Can und Dortmunds bester Neuzugang Niclas Füllkrug.

Bei seiner Schluss-Offensive setzte Terzic auf mehr Angriffs-Anarchie. So verwegen, auch noch den frischen U17-Weltmeister Paris Brunner von der Bank für ein Debüt aufs Feld zu schicken, wollte er aber nicht sein. Im Zweifel für die Sicherheit - eine Philosophie, mit der noch kein Trainer bei der Borussia lange glücklich geworden ist.

Dortmund muss jetzt das nächste knifflige Spiel vorbereiten. Im letzten Champions League-Gruppenspiel geht es gegen Paris noch um Platz eins und eine bessere Chance, im Achtelfinale vielleicht keinen allzu großen Gegner zugelost zu bekommen. Eher offensiv oder wieder abwartend? Man kann es bei der Wundertüte Dortmund nie vorhersagen.

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