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Bundesliga:Der Fußball entdeckt die Demut

Stadion 'An der Alten Försterei'

Verlassenes Stadion von Union Berlin.

(Foto: dpa)

In der Krise wird auf einmal über Gehaltsobergrenzen debattiert, auch die Beraterhonorare sind im Blick. Doch die Botschaft ist mit Kalkül platziert.

Kommentar von Philipp Selldorf

Bis die Bundesliga wieder in Betrieb gehen darf, lässt die ARD in ihrer "Retro-Sportschau" den Fußball von gestern und vorgestern rollen. Die aktuell verschobenen Begegnungen setzt sie mit Archivmaterial ins Bild und erzeugt damit ein herzerwärmendes nostalgisches Vergnügen. Man erfreut sich so zum Beispiel am liebenswürdigen Moderator Adi Furler und an einem Zweitligaspiel 1985, das im Februar auf betonhart gefrorenem Boden vor 5000 Fans ausgetragen wurde. Im Stadion ist es so kalt, dass man noch 35 Jahre später am Bildschirm friert. Spieler heißen "Beppo" oder "Zimbo" und sehen auch so aus, Lothar Matthäus gibt ein Interview auf dem Weg in die zweite Halbzeit, und der blondgelockte Jürgen Klinsmann gleicht dem jungen Prinzen Siegfried, rennt allen davon und schießt dann doch blindlings den Torwart an, was der Kommentator als "typisch" bezeichnet.

Die Bundesliga war auch damals eine Seifenoper, aber natürlich in ganz anderer Erzählweise und unter anderen Bedingungen als heute. Das rohe Modell von früher und die geschniegelte Edition der Gegenwart verhalten sich zueinander wie zwei Kinoklassiker, die auf gleicher Handlung beruhen und künstlerisch als Original und Neuauflage nebeneinander bestehen können. Also ungefähr wie "Cape Fear" ("Ein Köder für die Bestie") mit Gregory Peck und Robert Mitchum von 1962 und "Cape Fear" mit Nick Nolte und Robert de Niro von 1991. Beide Varianten, die schwarz-weiße und die farbige, haben ihre Vorzüge, das eint sie.

Wenn jetzt Fußball-Leute davor warnen, dem Land werde eine Traditions-Institution verloren gehen, falls die Klubs die Saison nicht zu Ende spielen dürften, ist das wahrscheinlich nicht übertrieben. Es wäre dann womöglich nicht mehr "die Liga, wie wir sie alle kennen" (DFL-Chef Christian Seifert), sie könnte um vertraute Mitglieder dezimiert werden oder sich noch mehr als bisher externen Geldgebern ausliefern. Zurzeit sind die Signale der Politik aber positiv: Die Sportminister der Länder haben ihren Beschluss der Vorwoche bestätigt, die Fortsetzung der Saison für "vertretbar" zu halten; das Bundesarbeitsministerium stuft das Sicherheitskonzept der DFL als tragfähig ein. Nächste Woche könnten Bund und Länder den Neustart bewilligen - beim Gipfeltreffen vor dem Maifeiertag stand das Thema noch nicht auf der Agenda.

Die Politiker haben also noch Zeit, um die gesellschaftliche Debatte zum Für und Wider des Neustarts zu verfolgen. Pünktlich dazu hat Seifert im Namen der Liga dem Diskurs eine Note der Demut und Einsicht zugefügt. Es gebe "tief sitzende Vorbehalte" gegenüber dem Profifußball "in seiner jetzigen Form", hat er der FAZ erklärt - und Besserung gelobt. Die Liga will eine Kommission namens "Zukunft Fußball" gründen, um zu bereden, wie man die Geister bändigt, die der Fußball-Kapitalismus geboren hat: die inflationären Gehalts- und Ablösezahlungen, den "medialen Gigantismus" (Seifert), die Bilder der Dekadenz aus dem Luxusleben der Stars. Es soll auch um Obergrenzen der Bezahlung gehen, da möchte man viel Glück wünschen: Der globalisierte Wettbewerb liefert zig Gründe, um an der Realisierung von Gehaltsdeckeln zu zweifeln. Vorerst soll daher die ohnehin verpönte Spielerberaterbranche dran sein, da ist öffentlicher Beifall sicher.

Die Botschaft ist mit Kalkül platziert, aber angebracht. Ob die Initiative etwas bewirkt? Das Motiv ist nicht neu. Der Bremer Marco Bode sagte schon vor 20 Jahren, die Gehälter der Fußballer seien "absurd", gegenüber einer Krankenschwester habe er "keine Argumente". "Scheiß Millionäre" riefen die Kurven bereits in den Neunzigern, und auch in den nostalgischen Zeiten gab es Proteste gegen die Großverdiener. Abwarten, wie das Publikum urteilt, wenn die Retro-Sportschau wieder für neue Erzählungen weicht.

© SZ vom 30.04.2020
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