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Brasiliens Niederlage gegen Holland:Keine Argumente mehr für Scolari

Scolari aber wollte trotz des eindeutigen Ergebnisses eine "ausgeglichene Partie" gesehen haben. Zur Einsicht, dass sein System gescheitert ist, gelangte er auch nach dem zweiten Debakel in Folge nicht. Erneut zog er eine "positive Bilanz" seiner Arbeit mit der Mannschaft: Zwar habe man das Hauptziel, den WM-Titel im eigenen Land, verpasst. Die Seleção sei aber, anders als in den beiden Turnieren zuvor, unter die besten vier gekommen, erinnerte Scolari und bemerkte, dass ihm dies übrigens als Nationaltrainer stets gelungen sei: zweimal mit Brasilien und einmal mit Portugal.

So wehrte er auch die Frage ab, wofür er denn seiner Meinung nach eher in Erinnerung bleibe: für den WM-Titel 2002 oder die historische Niederlage im eigenen Land? Natürlich sei er traurig, sagte Scolari. "Aber das ist keine Situation, über die ich mich den Rest meines Lebens beklagen kann." Auch seine Spieler wollte er nicht von dem Makel der Blamage gezeichnet wissen. Die meisten von ihnen seien schließlich noch jung. "Und nun gehen sie als viertbeste Mannschaft der Welt in die Qualifikation für 2018."

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Kapitän Thiago Silva bittet die brasilianischen Fans um Verzeihung. Arjen Robben ist zwar stolz, trauert aber immer noch dem verpassten Finaleinzug nach. Felipe Scolari überlässt seine Zukunft dem Verbandspräsidenten.   Stimmen zum Spiel

Scolaris Trotz-Optimismus lässt sich psychologisch wohl als Schutzhaltung deuten. Der Teamchef verteidigte ihn als Teil seines Jobs: Eine Führungspersönlichkeit müsse schließlich Optimismus ausstrahlen, befand er und wehrte sich gegen Kritik, er habe mit exzessiv zur Schau gestelltem Selbstvertrauen unrealistische Erwartungen geweckt bei der Kampagne zum "Hexa", dem sechsten Titel. Die gilt für ihn seit Dienstag als beendet. Seinen Abschied von der Nationalmannschaft wollte Scolari aber auch am Samstagabend nicht erklären. Über seine Zukunft als Nationaltrainer, sagte er, entscheide der Präsident des Fußballverbands CBF, José Maria Marin.

Der hat nach der zweiten Niederlage jedoch endgültig keine Argumente mehr für Scolari. Wie die Zeitung Folha de São Paulo berichtet, hatte Marin mit seinem künftigen Nachfolger Marco Polo Del Nero verabredet, Felipão im Spiel gegen Holland noch eine Chance zu geben. Im Anschluss an die Partie aber habe der CBF-Präsident erklärt: "Ich glaube, er ist nicht länger tragbar."

Scolaris Karriere als Trainer der Seleção wird wohl in den kommenden Tagen in einem Besprechungsraum enden. Seine Spieler fanden erneut keine Erklärungen für das Debakel, aber auch keine Tränen mehr. Im Gegensatz zu ihren Fans verzichteten sie darauf, der Ehrung der Holländer mit der Bronzemedaille beizuwohnen.

Einen würdevollen Abschied gab es am Samstag nicht. Weder für die Mannschaft aus dem Turnier in ihrer Heimat, noch für den Trainer aus seinem Amt. Nach leidvollen Tagen, in denen das Land des Rekordweltmeisters viel über dringend nötige Veränderungen im Fußball diskutiert hatte, erlebte Brasilien einen weiteren herben Rückschlag und einen sturen Felipão, der in der gewohnten Art eines autoritären Vaters auftrat. Unterbrechen ließ er sich nur einmal, als Neymar überraschend in die Pressekonferenz platzte. Er wollte seinen Trainer noch einmal umarmen, bevor er ging. "Vai com Deus", sagte sein Lieblings-Zögling: "Geh mit Gott."

© SZ.de/bero

Quelle: Opta

Diese Statistiken finden Sie auch schon während des Spiels im WM 2014 Live-Ticker.

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