Süddeutsche Zeitung

Brasiliens Niederlage gegen Holland:Sturer Felipão

Wenigstens mit ein bisschen Würde wollte die brasilianische Elf die heimische Bühne verlassen - doch sie verliert 0:3 gegen die Niederlande. Trainer Luiz Felipe Scolari lobt die Seleção trotzig und tritt nicht ab. Seine Karriere wird nun wohl in einem Besprechungsraum enden.

Jeder Brasilianer kennt nun die schlimmste Niederlage in der WM-Geschichte seiner Nationalmannschaft: das 1:7 gegen Deutschland, zuhause im Halbfinale. Die goleada, wie die Brasilianer eine Klatsche nennen, lief seitdem in Endlosschliefe auf sämtlichen Bildschirmen. Mit masochistischem Eifer ließen die TV-Sender die Dolchstöße ins Herz der stolzen Fußballnation immer wieder Revue passieren. Selbst einen trinken gehen, half nicht zu vergessen - schließlich hängt in jeder Bar in Rio mindestens ein Fernseher.

Auch wenn die Schmach unauslöschlich ist: Am Samstag im Spiel um Platz drei gegen Holland hatte die Seleção immerhin die Chance, diesen Schreckensbildern kosmetisch etwas entgegenzusetzen. In der Hauptstadt Brasília wollte man zumindest ein bisschen Balsam auf die offenen Wunden des Volkes schmieren. Die, die einst Weltmeister werden wollten, sollten die heimische Bühne wenigstens mit ein bisschen Würde verlassen. Daraus aber wurde nichts. 3:0 (2:0) gewann die Niederlande.

Drei Dolchstöße mehr also, mit denen die Fans, die noch einmal tapfer mit der Mannschaft ihre Nationalhymne im Estádio Mané Garrincha geschmettert hatten, nun malträtiert werden. Und ein weiterer Tiefpunkt: Zwei Niederlagen bei einer WM gab es seit mehr als 40 Jahren nicht mehr für die Seleção. Die brasilianische Defensive offenbarte erneut ähnliche Auflösungserscheinungen wie vergangenen Dienstag in Belo Horizonte gegen die DFB-Elf.

Da hatte Trainer Luíz Felipe Scolari das Desaster hartnäckig auf einen sechsminütigen kollektiven Blackout geschoben. Die Ausrede gab es nach der Niederlage gegen Holland nicht mehr. Und doch sahen die zusammengekniffenen blauen Augen des Teamchefs bei der anschließenden Pressekonferenz nur die "guten Seiten" des Spiels. "Meiner Meinung nach haben wir heute nicht schlecht gespielt", befand Felipão - und lobte den Einsatz seiner Mannschaft, die trotz des frühen Gegentors "gekämpft und Chancen kreiert" habe.

Scolari, der vorher mit Unparteiischen stets hart ins Gericht gegangen war, hielt sich diesmal mit Kritik am Schiedsrichter zurück. Obwohl der Algerier Djamel Haimoudi den Holländern einen Strafstoß schenkte und vor dem zweiten Treffer eine Abseitsstellung übersah. Allerdings erwähnte der Teamchef auch nicht die desolate Vorstellung seiner Innenverteidiger: David Luíz hatte das zweite Gegentor mit einem unnötigen Kopfball in die Strafraummitte vorbereitet; das erste Tor fiel, weil der zurückgekehrte Abwehrchef Thiago Silva Arjen Robbens Durchmarsch in der zweiten Minute nur mit einem Foul an der Strafraumgrenze stoppen konnte.

Keine Argumente mehr für Scolari

Scolari aber wollte trotz des eindeutigen Ergebnisses eine "ausgeglichene Partie" gesehen haben. Zur Einsicht, dass sein System gescheitert ist, gelangte er auch nach dem zweiten Debakel in Folge nicht. Erneut zog er eine "positive Bilanz" seiner Arbeit mit der Mannschaft: Zwar habe man das Hauptziel, den WM-Titel im eigenen Land, verpasst. Die Seleção sei aber, anders als in den beiden Turnieren zuvor, unter die besten vier gekommen, erinnerte Scolari und bemerkte, dass ihm dies übrigens als Nationaltrainer stets gelungen sei: zweimal mit Brasilien und einmal mit Portugal.

So wehrte er auch die Frage ab, wofür er denn seiner Meinung nach eher in Erinnerung bleibe: für den WM-Titel 2002 oder die historische Niederlage im eigenen Land? Natürlich sei er traurig, sagte Scolari. "Aber das ist keine Situation, über die ich mich den Rest meines Lebens beklagen kann." Auch seine Spieler wollte er nicht von dem Makel der Blamage gezeichnet wissen. Die meisten von ihnen seien schließlich noch jung. "Und nun gehen sie als viertbeste Mannschaft der Welt in die Qualifikation für 2018."

Scolaris Trotz-Optimismus lässt sich psychologisch wohl als Schutzhaltung deuten. Der Teamchef verteidigte ihn als Teil seines Jobs: Eine Führungspersönlichkeit müsse schließlich Optimismus ausstrahlen, befand er und wehrte sich gegen Kritik, er habe mit exzessiv zur Schau gestelltem Selbstvertrauen unrealistische Erwartungen geweckt bei der Kampagne zum "Hexa", dem sechsten Titel. Die gilt für ihn seit Dienstag als beendet. Seinen Abschied von der Nationalmannschaft wollte Scolari aber auch am Samstagabend nicht erklären. Über seine Zukunft als Nationaltrainer, sagte er, entscheide der Präsident des Fußballverbands CBF, José Maria Marin.

Der hat nach der zweiten Niederlage jedoch endgültig keine Argumente mehr für Scolari. Wie die Zeitung Folha de São Paulo berichtet, hatte Marin mit seinem künftigen Nachfolger Marco Polo Del Nero verabredet, Felipão im Spiel gegen Holland noch eine Chance zu geben. Im Anschluss an die Partie aber habe der CBF-Präsident erklärt: "Ich glaube, er ist nicht länger tragbar."

Scolaris Karriere als Trainer der Seleção wird wohl in den kommenden Tagen in einem Besprechungsraum enden. Seine Spieler fanden erneut keine Erklärungen für das Debakel, aber auch keine Tränen mehr. Im Gegensatz zu ihren Fans verzichteten sie darauf, der Ehrung der Holländer mit der Bronzemedaille beizuwohnen.

Einen würdevollen Abschied gab es am Samstag nicht. Weder für die Mannschaft aus dem Turnier in ihrer Heimat, noch für den Trainer aus seinem Amt. Nach leidvollen Tagen, in denen das Land des Rekordweltmeisters viel über dringend nötige Veränderungen im Fußball diskutiert hatte, erlebte Brasilien einen weiteren herben Rückschlag und einen sturen Felipão, der in der gewohnten Art eines autoritären Vaters auftrat. Unterbrechen ließ er sich nur einmal, als Neymar überraschend in die Pressekonferenz platzte. Er wollte seinen Trainer noch einmal umarmen, bevor er ging. "Vai com Deus", sagte sein Lieblings-Zögling: "Geh mit Gott."

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