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Brasilien bei der Copa América:Sehnsucht nach Grandezza

Training session of Brazil

Alle Hoffnungen auf den Ballkünstler: Neymar soll Brasilien zu alter Stärke und Schönheit im Spiel führen.

(Foto: Silvio Avila/dpa)

Trotz einer Serie von zehn Siegen: Ein Jahr nach der Schmach laboriert Brasilien weiter an den Folgen der Heim-WM. Bei der Copa América will das Team plötzlich nur noch Außenseiter sein.

Auch die brasilianische Nationalelf weilt nun auf chilenischem Territorium. Die von Trainer Carlos Dunga angeführte Expedition landete Freitagnacht im südchilenischen Temuco, 600 Fans warteten am Flughafen auf Neymar und Co., Sonntagnacht steht dort das erste Gruppenspiel der Brasilianer bei der Copa América an. Sie treffen auf die Peruaner, die immer noch vom langjährigen Bayern-Stürmer Claudio Pizarro angeführt werden und einen weiteren früheren Bayern in ihren Reihen haben: Paolo Guerrero, künftig bei Flamengo Rio de Janeiro aktiv.

Offiziell läuft die Copa América schon seit Donnerstag. Doch die Brasilianer hatten es vorgezogen, so lange wie möglich in Porto Alegre zu bleiben; auch dort herrschen ja, wie nun in den größten Teilen Chiles, winterliche Temperaturen vor. Falls die Brasilianer aber überdies hofften, auch so etwas wie Zuneigung der heimischen Fans einpacken zu können, sahen sie sich getäuscht. Nach dem letzten Testspiel gegen Honduras setzte es am Mittwoch noch gellende Pfiffe. Das 1:0 gegen die Mittelamerikaner war den Anhängern der Seleção nicht genug - obwohl es der bereits zehnte Sieg seit Dungas Amtsübernahme war, bei 21:2 Toren.

"Wir haben bei der WM keinen Fußball gespielt"

Nun darf ein brasilianischer Fan von seiner kanariengelben Elf wohl tatsächlich etwas mehr erwarten als ein schnödes 1:0 gegen honduranische Nobodies, das Roberto Firmino aus Hoffenheim bereits in der ersten Halbzeit sicherstellte. Die miese Stimmung allerdings ist wohl nur deshalb so heftig, weil die monumentale Pleite bei der WM im eigenen Land noch immer nicht verarbeitet ist. (Falls Brasilianer mitlesen - bitte kurz zum nächsten Absatz scrollen.) Denn ja, die Rede ist auch und vor allem vom 1:7 von Belo Horizonte gegen Joachim Löws Team. "Uns steckt die WM noch immer hier", sagte Edmilson der SZ und umfasste mit der rechten Hand den eigenen Hals. "Aber wir dürfen nicht vergessen: Das 1:7 war nur die Konsequenz einer schlechten WM. Wir haben bei der WM keinen Fußball gespielt", fügte der Weltmeister von 2002 hinzu.

Schon seit Wochen versucht Dunga verzweifelt, die Schmach kleiner zu reden, als sie war. "Der brasilianische Fußball wird weiter bewundert und unser Nationaltrikot wird weiter respektiert", sagt der 51-Jährige, der einst beim VfB Stuttgart aktiv war. Vor allem aber versucht er, die eigenen Verdienste ins rechte Licht zu rücken. "Eine Serie von zehn Siegen hatten wir seit 1969 nicht mehr", sagte er. Doch ob der implizierte Vergleich wirklich statthaft ist, dürfte zumindest diskussionswürdig sein. Jenes brasilianische Team stand vor 46 Jahren in voller Blüte - und bezauberte 1970 in Mexiko auf dem Weg zum WM-Titel den ganzen Planeten mit Fußball in ungekannter Vollkommenheit.

Nur fünf Spieler von Halbfinale 2014 dabei

Unabhängig davon lobt Edmilson, dass sich unter Dunga die Lage etwas verbessert habe. "Er hat einige Dinge verändert und für gute Resultate gesorgt. Ja, der 'Comandante' ist besser, er hat die Dinge viel besser unter Kontrolle." Ob das aber dazu reicht, bei der Copa América für Furore zu sorgen, ist fraglich - zumal Dunga in den letzten Wochen einige Rückschläge zu verkraften hatte. Der nominelle Linksverteidiger Marcelo (Real Madrid) sagte ab, danach Luiz Gustavo vom deutschen Pokalsieger VfL Wolfsburg, zuletzt musste der alternde Rechtsverteidiger Dani Alves (FC Barcelona) für Real Madrids 30-Millionen-Einkauf Danilo (FC Porto) nachrücken. Überhaupt werden am Sonntag gegen Peru wohl nur fünf Spieler vom Fiasko von Belo Horizonte dabei sein. "Wir sind sicher nicht die Turnier-Favoriten, das sind Argentinien und Chile. Danach kommen wir und Titelverteidiger Uruguay", sagte Dunga.

Auch deshalb ruhen die Blicke vor allem auf Neymar Junior, der in Belo Horizonte verletzt fehlte - und jetzt zusammen mit Alves die Champions League in Berlin gewann. Er verspricht zumindest so etwas wie Spielfreude und kommt der Grandezza, die ihm stets prophezeit wurde, immer näher. Selbst die Brasilianer gestehen aber eines neidlos ein: Der Argentinier Lionel Messi, beim FC Barcelona Sturmkollege Neymars, steht freilich noch über allen. "Neymar wächst nach und nach zu einer großen Figur heran. Aber Messi hat den Himmel berührt", sagt Edmilson.