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Marco Reus beim BVB:Der Beste findet seine Balance

In Einklang mit seiner Umgebung: BVB-Kapitän Marco Reus.

(Foto: AFP)
  • Seit der von vielen Verletzungen heimgesuchte Marco Reus Kapitän ist, hat er jedes Bundesliga-Spiel bestritten.
  • Die Fans verehren ihn für Tore, seine Mitspieler und Trainer Lucien Favre schwärmen von seinen Fähigkeiten.
  • In dieser Saison zeigt sich: Für Reus gibt es keinen besseren Ort als Dortmund.

Wenn es so etwas wie kollektives Aufatmen gäbe, dann wäre am Donnerstag ein großer Stoßseufzer zu hören gewesen - in Dortmund jedenfalls. Denn der meistdiskutierte Magen-Darm-Infekt der Stadt war überwunden, Marco Reus meldete sich einsatzfähig. So muss der Bundesliga-Tabellenführer Borussia im ersten Topspiel der Rückrunde am Samstag bei RB Leipzig nicht ohne seinen Kapitän auskommen, der im Trainingslager in Marbella wegen seiner Malaise fast alle Übungseinheiten ausließ. Reus und seine Gesundheit gelten ja den meisten Anhängern des BVB als wahrer Grund für den unverhofften Siegeszug in der Herbstserie.

Bei einem wie Reus, der sich erst daran gewöhnen musste, nach jedem Spiel etwas möglichst Kluges in Mikrofone und Kameras zu sagen, seit er im Sommer zum Dortmunder Kapitän ernannt wurde, wirkt die Euphorie der Beobachter immer ein bisschen überdreht - weil Reus so trocken wirkt. Die Kollegen aus der Bundesliga haben ihn zum "Spieler der Hinrunde" gewählt, die Medien proklamierten den "besten Reus aller Zeiten". In der Scorer-Liste, die alle Torbeteiligungen addiert, ist Reus mit elf Treffern und acht Vorlagen Spitze. Und obwohl dieser Ehrentitel nach der WM-Pleite in Russland etwas diffus daherkommt, wurde er auch noch zum besten Nationalspieler des Jahres gewählt.

Seine allerbeste Leistung aber war, dass er in 17 von 17 Bundesligaspielen der Hinrunde fit genug war, um in Dortmunds Startaufstellung zu stehen. Das war dem seit Jahren von Verletzungen heimgesuchten Reus noch nie gelungen. Kein Wunder, dass der BVB-Anhang jedes Magen-Darm-Bulletin derzeit bange beobachtet.

Im nächsten Mai erreicht Dortmunds bester Mann die 30-Jahre-Grenze, die viele Fußballer so erleben wie andere ihre ersten grauen Haare. Und vielleicht wendet sich gerade alles im Leben von Marco Reus noch mal zum Guten. Vielleicht gelingt ihm spät, sein wahres Talent endlich voll auszuspielen. BVB-Trainer Lucien Favre, der mit Reus schon 2011 und 2012 bei Borussia Mönchengladbach zusammenarbeitete, hat sich vor ein paar Tagen geradezu ausgeschüttet vor Begeisterung über seine Offensivkraft: "Er war immer schon sensationell, er spürt Fußball, er ist spielintelligent.

Er ist fantastisch." Wenn man Reus mit solchen Lobeshymnen konfrontiert, streicht er sich über den blonden Stoppelhaarschnitt, lächelt verlegen und sagt mit heiserer Stimme Artigkeiten. Und obwohl er auf dem Platz danach strebt, im Mittelpunkt zu stehen, wird er wohl noch eine Weile brauchen, um zu wissen, wie man sich auch abseits des Rasens als Hauptperson präsentiert. Das macht ihn den Dortmundern Fans vermutlich sogar noch sympathischer. Im Gegensatz zu seinem alten Mitstreiter Kevin Großkreutz, mit dem er einst als Dortmunder U 17-Spieler zu Rot-Weiß Ahlen in die Fußballprovinz flüchtete, hat Reus die Anhänglichkeit zu seiner Heimatstadt nie an die große Glocke gehängt. Reus ist nicht der Typ, der auf der Südtribüne ein Bad in der Menge nehmen würde. Und vermutlich haben ihm seine reserviertere Art und sein größeres Talent auch geholfen, stets gut dotierte Verträge in Dortmund zu erhalten - und nicht, wie Großkreutz, vor allem als Fan des eigenen Vereins zu gelten.

Seit er wieder in Dortmund spielt, hatte Reus eine unglaubliche Verletzungshistorie, zuletzt mit einem Kreuzbandriss, den er sich just im Pokalfinale 2017 zuzog (2:1 gegen Frankfurt), bei seinem ersten und bisher einzigen Titelgewinn. Davor zogen sich Außenband-, Syndesmose- und Muskelfaserrisse durch seine BVB-Zeit.

Die EM 2012 und die WM 2014 verpasste er wegen Verletzungen, die unmittelbar vor dem Turnier passierten. "Für 60 Spiele im Jahr ist mein Körper wohl nicht geeignet", hat Reus im Herbst noch gesagt. Sollte wohl heißen, dass er gelernt habe, mit seinen Ressourcen umzugehen. Ohne die Verletzungsmiseren wäre er vielleicht schon längst ein internationaler Topstar.