Deutsche Staffel bei der Biathlon-WM:"Mir tut es sehr leid"

Deutsche Staffel bei der Biathlon-WM: Sehr von sich selbst enttäuscht: Franziska Preuß, die die deutschen Medaillenchancen in Nove Mrsto vergab.

Sehr von sich selbst enttäuscht: Franziska Preuß, die die deutschen Medaillenchancen in Nove Mrsto vergab.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Das deutsche Team liegt in der Mixed-Staffel bei der Biathlon-WM auf Goldkurs - bis Franziska Preuß das Stehendschießen gehörig verpatzt. Frankreich gewinnt, Preuß ist schwer enttäuscht.

Von Korbinian Eisenberger, Nove Mesto

So muss es sich anfühlen, wenn die Aliens landen: Ein riesiger Lichtschimmer liegt an diesem Mittwochabend über der Region Vysočina im westlichen Mähren am Oberlauf des Flüsschens Bobrůvka. Schon von Weitem ist der Glanz zu sehen, wie er die Finsternis in ein Lichtspiel verwandelt und dieser schroffen Landschaft mit ihren unzähligen Hügeln und knorrigen Baumriesen noch mehr Mystik verleiht, als es sie dort ohnehin schon gibt. Fabelhaft geheimnisvoll wirkt das alles, als die Lichtquelle näher und näher rückt. Und dann, dem Strahlen so nah, läutet plötzlich eine Kuhglocke. Das Raumschiff?

Der kleine Ort Nove Mesto hat sich groß gemacht und in Glanz gehüllt für diesen ersten Tag der Biathlon-Weltmeisterschaft. Die Flutlichtscheinwerfer lassen nicht nur die Chancen auf Treffer beim Zielscheibenschießen steigen, sie erzeugen eine im Biathlonsport seltene Atmosphäre. Kein normaler Weltcupalltag, sondern WM, das spricht aus diesen Scheinwerfern, wie beim Fußball, wenn die Champions-League-Hymne ertönt. Und in Nove Mesto? Da spielten und sangen sie am Ende dieses Abends die Hymne der Franzosen.

Es hatte zur Halbzeit des ersten Rennens nach einem Erfolg des Deutschen Skiverbands (DSV) ausgesehen. Doch dieser Schein war trügerisch. In der Mixed-Staffel hatten Justus Strelow und Philipp Nawrath die Führung für den DSV herausgefahren. Franziska Preuß und Vanessa Voigt verpassten es allerdings, an die guten Leistungen der Männer anzuknüpfen. Preuß leistete sich sieben Fehler am Schießstand und stehend gar eine Strafrunde, wodurch dem deutschen Team nicht nur die Führung, sondern auch eine potenzielle Medaille abhandenkam. Vanessa Voigt zeigte zwar zwei fehlerfreie Schießeinlagen und räumte sämtliche Scheiben ab, konnte aber den Rückstand auf Sieger Frankreich, Silbergewinner Norwegen und die Rangdritten Schweden nicht mehr wettmachen. Das DSV-Team landete hinter der Schweiz auf Rang fünf.

Sieben verfehlte Scheiben - und dann auch noch ein Sturz: "Es ist mega bitter, mir tut es sehr leid", sagt Franziska Preuß

Die entscheidenden Szenen zuungunsten des mit berechtigten Medaillenhoffnungen gestarteten deutschen Teams ereigneten sich, nachdem Franziska Preuß die Matte zum Stehendschießen betreten hatte. Zu diesem Zeitpunkt lag das deutsche Quartett noch in Führung. Und Preuß, die bis dato erfolgreichste DSV-Biathletin des Winters und eigentlich sichere Schützin, traf nur zwei von fünf Schuss - und hätte nun drei Scheiben im Zweitversuch versenken müssen, um die Strafrunde, also 150 Extrameter, zu vermeiden. Preuß ließ eine stehen, ehe sie nach dem Verlassen des Schießstandes in den Kunstschnee stürzte und vom Goldrang auf Platz fünf zurückfiel.

"Es ist mega bitter, mir tut es sehr leid. Ich bin sehr enttäuscht von mir selbst", sagte die 29-Jährige nach dem Rennen: "Es war einfach nur der Wurm drin. Es ist blöd, wenn es heute passiert." Von der Mystik der tschechischen Hügellandschaft war zu diesem Zeitpunkt nicht viel zu spüren im Biathlonstadion von Nove Mesto, was vor allem an den Tausenden Zuschauern lag, die trotz des strömenden Regens gekommen waren und eine wilde Party veranstalteten. Ziemlich bemerkenswert, zumal das tschechische Biathlonteam wenig Anlass zum Feiern gab. Auf den vier mal sechs Kilometern lag das Quartett von Beginn an weit hinter den Besten - und landete auf Rang 14.

Deutsche Staffel bei der Biathlon-WM: Außergewöhnlich gut, fast außerirdisch: Julia Simon am Mittwochabend im Flutlicht von Nove Mesto.

Außergewöhnlich gut, fast außerirdisch: Julia Simon am Mittwochabend im Flutlicht von Nove Mesto.

(Foto: Alex Grimm/Getty Images)

Der weiße Schleier, den die Loipenbauer in die Landschaft modelliert haben, hielt trotz der Nässe, auch wenn sich die Strecke für die Frauen schon etwas pappig angefühlt haben dürfte. Das Kunstwerk aus Kunstschnee konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wenig hier an das erinnerte, was man einmal Winter nannte. Lediglich der heiße Aperol Spritz vermochte dies, den sie hier in einer Bude servieren, eine Tasse für 90 Kronen, umgerechnet 3,60 Euro: Das ist die gute Nachricht aus dem Biathlonort Nove Mesto, wo so diese pappsüße Erwärmung vergleichsweise günstig ist. In einem anderen Biathlonort namens Ruhpolding waren die Gäste vor drei Wochen am Hot-Aperol-Stand fast doppelt so viel Geld schuldig.

Als gute Nachricht mit Blick aufs deutsche Team wird vom ersten Tag in Nove Mesto der Auftritt von Nawrath und Strelow im Notizbuch der Trainer vermerkt werden (die auf Benedikt Doll hatten verzichten müssen, weil er nach seiner inzwischen überstandenen Erkältung noch passen musste). "Das Schießen war perfekt. Ich war natürlich extrem aufgeregt, aber im Rennen konnte ich es genießen", sagte Strelow, der rasant und fehlerlos geschossen hatte - und zudem läuferisch mit den Besten mithielt. Nawrath brauchte insgesamt drei Nachlader, war aber in der Loipe so bärenstark unterwegs, dass er gar die Laufzeit des Gesamtweltcupführenden Johannes Thingnes Bö aus Norwegen unterbot.

Am Freitag (17.20 Uhr/ARD und Eurosport) geht es in Nove Mesto mit dem Sprint der Frauen weiter, deren Favoritin sich am späteren Mittwochabend auf dem Siegerpodest ganz oben feiern ließ: Julia Simon hatte sich sowohl in der Spur als auch am Schießstand wie eine Außerirdische präsentiert. Als wäre sie nicht von dieser Welt. Und so ist zumindest ein Alien im Glanz von Nove Mesto gelandet.

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