Basketballer der Chemnitz 99ers:Längerer Lauf als in Leverkusen

Basketballer der Chemnitz 99ers: Jonas Richter (mit Ball) ist Chemnitzer durch und durch: Er begann mit sieben Jahren mit dem Basketball. Der Mann mit dem Vokuhila im Hintergrund ist übrigens der Würzburger Zachary Seljaas.

Jonas Richter (mit Ball) ist Chemnitzer durch und durch: Er begann mit sieben Jahren mit dem Basketball. Der Mann mit dem Vokuhila im Hintergrund ist übrigens der Würzburger Zachary Seljaas.

(Foto: Julien Becker/Imago/HMB-Media)

"Für die ganze Region besonders": Die Chemnitz 99ers sind die große Überraschung im deutschen Basketball. Sie siegen und siegen - auch dank guter Ideen in der Nische und Spielertypen wie Jonas Richter.

Von Jonas Beckenkamp

Das mit seinem Jubiläum hätte Jonas Richter fast versäumt, es ist einfach viel los zurzeit bei dem Basketballer. 300 Spiele für die Chemnitz 99ers, 150 davon in der Startformation, ein ganzes Sportlerleben im selben Klub - diese Seltenheit wäre in Sachsen und auch im Rest der Republik fast untergegangen, wenn den 26-Jährigen nicht ein Reporter der Lokalpresse auf seine Wegmarke aufmerksam gemacht hätte. "Ich wusste das gar nicht, aber es macht mich natürlich stolz", erzählt der 2,07-Meter-Mann am Telefon.

Noch mehr freut er sich aktuell über eine andere Rekordzahl, und die wird so langsam unheimlich. Nach dem Erfolg gegen ein Team namens Spojnia Stargard im Fiba Europe Cup in dieser Woche (und einem Liga-Sieg gegen Rostock) haben die 99ers nun wettbewerbsübergreifend dreizehn Spiele in Serie gewonnen. In der Liga hat man seit der Auftaktpleite gegen Ulm alle sechs Partien für sich entschieden, das bedeutet Platz drei, weit vor dem kriselnden FC Bayern. Im Pokal ist man weiter und im Europapokal mögen die Gegner bisher unterklassig sein, aber Siege sind Siege, da braucht man nicht herumzumäkeln.

Fakt ist: Noch vor den Fußballern aus Leverkusen (zwölf Siege am Stück) sind die 99ers derzeit Deutschlands formstärkste Profimannschaft. "Was hier geschieht, ist für die ganze Region besonders, das gibt mir ein sehr gutes Gefühl", sagt Richter, der zuletzt in Tübingen kräftig mithalf, den Gegner vom Parkett zu wischen. 106:68, ein sogenannter "Blowout", eine haushohe Nummer, bei der Richter sogar irgendwann Dreier um Dreier traf. Eigentlich nicht die Spezialität des Power Forwards, aber: "Wenn man nicht viel nachdenkt, gehen die Dinger halt rein."

Es geht gerade vieles rein in Chemnitz, wo sich eine Erfolgsgeschichte im sportlichen Osten manifestiert - und dafür gibt es Gründe. Schon in den vergangenen beiden Jahren hatte der Klub überraschend die Playoffs der Basketball-Bundesliga (BBL) erreicht, weil er mit schmaler Kasse und cleveren Kniffen ein Erfolgsteam gebastelt hatte. Weil er mit Coach Rodrigo Pastore, einem kahlköpfigen Argentinier, seit 2015 auf Kontinuität setzt, auch wenn es mal Durchhänger gab. Weil die Gegner im Gebrüll der Chemnitzer Messehalle ordentlich was auf Ohren kriegen. Und wegen Typen wie Jonas Richter, der mit ganzem Herzen "an einem Projekt in meiner Heimat" mitwirkt.

Basketballer der Chemnitz 99ers: Chemnitz-Coach Rodrigo Pastore ist schon eine Ewigkeit im Klub. Eine Seltenheit im deutschen Basketball, wo die Fluktuation sonst groß ist.

Chemnitz-Coach Rodrigo Pastore ist schon eine Ewigkeit im Klub. Eine Seltenheit im deutschen Basketball, wo die Fluktuation sonst groß ist.

(Foto: Markus Ulmer/Imago)

Sein Elternhaus steht noch immer in Auerswalde im Norden der Stadt, und wenn Richter über seine neun Profijahre spricht, dann in sanftem Sächsisch. "Das besondere hier ist die ganze Organisation im Verein und die Geschichte, woher wir kommen", sagt er, "angefangen damals als Fünfzehnter in der zweiten Liga - und jetzt sind wir in der BBL weit vorn." Verblüffend. "Wir sind zu einem frühen Zeitpunkt der Saison schon recht weit", erklärte Trainer Pastore kürzlich. Was er meint, konnte man beim Ligaspiel in Tübingen erleben: Sein Team fiel in kleiner Rotation wie ein Schwarm Stechmücken über den Aufsteiger her, überall herrschten Bewegung und Angriffslust, jeder Spieler stach mit unorthodoxen Moves in die Zone. Am Ende glänzten neben Richter auch der in Bonn geborene 99ers-Topscorer Kevin Yebo, Wühler Jeff Garrett und vor allem die weiteren US-Profis im Kader: DeAndre Landsdowne, 34, und Wes van Beck, 27.

Mit DeAndre Lansdowne und Wes van Beck haben die 99ers zwei Amerikaner, die Spiele entscheiden können

Die Zugänge stehen stellvertretend für eine Anpassung in der Einkaufspolitik des Klubs: Weil Chemnitz vom Etat her eher nicht unter den Top Acht der Liga zu finden sein dürfte, braucht es Ideen in der Nische. Nach einem Jahr mit manch wilder Phase (in die auch die Doping-Suspendierung von Jungprofi Jason George fiel), hat der Verein um Geschäftsführer Steffen Herhold die Prioritäten verschoben. Besonders willkommen sind nunmehr Erfahrung und Verlässlichkeit. "Unser Recruitment fußt auf professionellen Spielern, die enge Partien entscheiden können", sagt Richter.

Der bundesligaerprobte Spielmacher Lansdowne kam aus Straßburg, Dreierschütze van Beck aus Estland - er ist aktuell bester Distanzwerfer der BBL. Beide gelten als Mentalitätsspieler, deren Karrieren erst über den zweiten Bildungsweg gezündet haben. Lansdowne unterbrach einst sogar seinen Weg als Basketballer und musste vorübergehend auf dem Bau als Maurer malochen. "Das spricht für die Einstellung", erklärt Jonas Richter, "alle hier wollen besser werden, jeder hat sich seinen Platz durch harte Arbeit erkämpft."

Diese Attribute passen offenbar ideal zum lokalen Stolz vieler Chemnitzer. Und Humor haben sie auch, schließlich beschäftigen die 99ers seit einigen Jahren "das kurioseste Maskottchen im deutschen Sport", wie die Zeitung Die Welt staunte: "Karli", einen fidelen Plüsch-Philosophen, den es etwas ernster auch als Statue in der Stadt gibt, die einst Karl-Marx-Stadt hieß.

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