Basketball:Harte Zeiten für Che Guevara

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Basketball: Keine Angst vor großen Abwehrspielern: Vladimir Lucic lässt sich auch von Hamburgs Lukas Meisner nicht stoppen. Der FCB-Kapitän kämpfte einmal mehr vorbildlich, ging voran - und stellte sich nach der Niederlage den unangenehmen Fragen.

Keine Angst vor großen Abwehrspielern: Vladimir Lucic lässt sich auch von Hamburgs Lukas Meisner nicht stoppen. Der FCB-Kapitän kämpfte einmal mehr vorbildlich, ging voran - und stellte sich nach der Niederlage den unangenehmen Fragen.

(Foto: Andreas Hannig/Lobeca/Imago)

Der FC Bayern verliert nach Barcelona und Mailand in der Euroleague auch gegen Hamburg und muss seine erste Bundesliga-Niederlage hinnehmen. Dass viele Spieler verletzt fehlen, ist für Kapitän Vladimir Lucic keine Ausrede.

Von Ralf Tögel

Natürlich war es Vladimir Lucic, der sich stellte. Der Kapitän der Basketballer des FC Bayern München schritt an das Mikrofon des übertragenden Senders Magentasport, um die erste Niederlage seiner Mannschaft zu kommentieren. Jene Worte also zu sprechen, die so zäh über die Lippen kommen und so bitter schmecken. Gerade hatte der FC Bayern 78:81 nach Verlängerung bei den Hamburg Towers verloren und die erste Niederlage in der Bundesliga (BBL) kassiert. Lucic hätte nun die vielen Verletzten erwähnen können, eine Handvoll Schlüsselspieler fehlten schließlich am Samstagabend in der Hansemetropole. Er hätte die neuen Spieler in Schlüsselpositionen sowie die viel zu kurze Vorbereitung in Erinnerung rufen können. Er hätte den fordernden Spielplan anführen können, der den Bayern ja zwei Euroleague-Partien gegen die Schwergewichte Barcelona und Mailand am Dienstag und Donnerstag beschert hatte. Aber Lucic sagte: "Wir spielen Euroleague, also gibt es hier keinen Platz für Ausreden."

Es sind harte Zeiten für die Basketballer des FC Bayern, ganz besonders für ihren Kapitän. Er steht immer ein Stück weit mehr im Fokus als die Kollegen, trägt mehr Verantwortung, hat die Aufgabe voranzugehen. Eine Aufgabe, die der 33-Jährige auch in der serbischen Nationalmannschaft bekleidet. Der ehemalige Bayern-Trainer Svetislav Pesic hatte ihn zum Mannschaftsführer bestimmt vor der Europameisterschaft im September. Die Serben waren der Topfavorit, nicht zuletzt wegen Nikola Jokic, dem wohl besten Basketballer der Welt. Der serbische Center der Denver Nuggets war in den vergangenen beiden Spielzeiten zum wertvollsten Profi (MVP) in der nordamerikanischen Liga gewählt worden, mehr Auszeichnung geht nicht. Scheinbar mühelos marschierte das edel besetzte Team, das in Vasilije Micic auch den MVP der Euroleague in seinen Reihen hatte, durch die Vorrunde. Um völlig überraschend gegen entfesselt aufspielende Italiener im Achtelfinale zu scheitern.

"Wir wussten, wenn es eine Chance gibt, den FC Bayern zu schlagen, dann ist das heute", sagt Hamburgs Coach Korner

Und es war Lucic, der sich auch damals nach der immensen Enttäuschung den Medien stellte, nach Ausreden suchte er nicht. Sein Vereinstrainer Andrea Trinchieri hat ihn einmal seinen Che Guevara genannt, weil er nie aufgibt, immer bis zur letzten Sekunde alles gibt. Das tat Lucic auch in Hamburg, er übernahm in den brenzligen Situationen die Verantwortung: Erst verschaffte er seinem Team mit einem erfolgreichen Dreipunktewurf zur 69:67-Führung 26 Sekunden vor dem Ende die große Chance zum Sieg. Aber Hamburgs Slowene Ziga Samar glich neun Sekunden vor Spielende aus. Den letzten Wurf vergab FCB-Spielmacher Cassius Winston, der mit 25 Punkten bester Münchner Werfer war.

Auch in der Overtime war es Lucic, der sein Team trotz schwindender Kräfte mit fünf Punkten in Folge nochmals in Siegnähe brachte, dann waren die Reserven endgültig erschöpft. Lucic kam ja ausgepumpt und spät nach der EM zum Kader, fiel kurz in ein Loch, hat sich aber längst wieder herausgekämpft. In Hamburg saß er in den Auszeiten mit hängenden Schultern und schwer atmend auf der Bank, auf dem Feld stützte er immer wieder die Hände auf die Knie. Und setzte dennoch Akzente, warf sich nach den Bällen, trieb die Mitspieler an. Aber seine 14 Punkte und sieben Rebounds reichten nicht.

Für die Gastgeber, die erstmals vor vollem Haus spielten, war es ein Festspiel gegen den prominenten Gegner. Dem Trainer Raoul Korner Respekt zollte: "Wir wussten, wenn es eine Chance gibt, den FC Bayern zu schlagen, dann ist das heute. Wir haben die Gunst der Stunde genutzt."

Ein Lob, das Lucic nicht hören wollte. Er hätte den ausbleibenden Bonusfreiwurf monieren können, als er beim Korbleger zum 76:77 einen Schlag ins Gesicht bekam. Er hätte sich beschweren können, dass die Referees die Szene nicht noch einmal am Bildschirm prüften, was sie bei vielen Aktionen vorher getan hatten. Lucic sagte: "Trotz allem hatten wir Chancen, in der regulären Spielzeit zu gewinnen, auch in der Overtime. Hamburg war physischer und hat den Sieg verdient." Sein Team habe nun eine "kleine Niederlagenserie" zu verdauen, das gefalle keinem in München. Deshalb werde man zusehen, da schnell herauszukommen, "als Team". Der Anführer steht bereit.

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