Basketball:Absolventen der spanischen Schule

Berlins GRANGER auf dem Ruecken von Berlins KOUMADJE schneidet Netz ab. Basketball, Bayern - Berlin, BBL-Playoff, Finale

Huckepack: Getragen von Center Christ Koumadje schnippelt Berlins Spielmacher Jayson Granger die letzte Beute vom Ring.

(Foto: Oryk Haist/Imago)

Mut, Risiko und Überzeugung: Der Titelgewinn von Alba Berlin basiert auf der Lehre eines alten Meisters und einer ganz speziellen Teamchemie.

Von Joachim Mölter, München

Es gehört zu den Ritualen des Basketballs, nach einer gewonnenen Meisterschaft die Netze von den Körben abzuschneiden und als Trophäe mitzunehmen. Folglich machten sich auch die Profis von Alba Berlin am Sonntagnachmittag an die Arbeit, nachdem sie den silbernen Pokal sowie die goldenen Medaillen für den insgesamt zehnten Titelgewinn des Klubs in der Basketball-Bundesliga (BBL) entgegengenommen hatten. Der Center Christ Koumadje packte den Spielgestalter Jayson Granger auf seine Schultern, damit der ans Werk gehen konnte; anschließend machte sich Koumadje auf der gegenüberliegenden Seite des Parketts allein am Korb zu schaffen. Der 2,21 Meter große Mann aus dem Tschad musste sich dabei nur auf die Zehenspitzen stellen, um an den in 3,05 Meter Höhe befestigten Ring zu gelangen.

Jayson Granger und Christ Koumadje waren am Wochenende die herausragenden Spieler einer Mannschaft, aus der für gewöhnlich niemand herausragt. Oder immer mal wieder ein anderer, je nachdem, wie man es sehen mag. "Heute war mein Tag", stellte Granger am Sonntag fest. "Wir haben einen tiefen Kader, wo jeder gespielt hat, wo jeder beigetragen hat", resümierte dessen Spielmacher-Kollege Maodo Lo, nachdem die Titelverteidigung in der Arena am Münchner Westpark vollendet war. Da gewann Alba das vierte Spiel der Final-Playoffs gegen den FC Bayern München 86:79 (38:30) und die Best-of-five-Serie somit 3:1.

Zum entscheidenden Sieg hatte der aus Uruguay stammende Granger 29 Punkte beigetragen, vor allem deswegen war er als "Most valuable player" (MVP) der Finalserie ausgezeichnet worden, als wertvollster Spieler. Koumadjes Beitrag war statistisch gering, sechs Punkte und sieben Rebounds, aber darauf kommt es bei ihm nicht an: Mit seiner Größe, seinen langen Armen und seiner entsprechenden Spannweite stellte er die Angreifer des FC Bayern vor ein Problem, das sie selten lösen konnten. Weil sie immer fürchten mussten, von Koumadje geblockt zu werden, änderten sie ihr gewohntes Wurfverhalten - oft verfehlte der Ball dann das Ziel.

"Das ist halt unser Stil", sagt Alba-Kapitän Giffey: "Wir spielen den ganzen Kader."

Im vergangenen Jahr hatten die Berliner die Meisterschaft an gleicher Stelle gewonnen, wegen der Corona-Pandemie in einer abgeschirmten Blase bei einem Finalturnier. Damals waren die Münchner bereits im Viertelfinale gescheitert, an den Riesen Ludwigsburg, aber mehr noch an sich selbst, an ihrem dysfunktionalen Kader. Aber nicht nur deshalb war Maodo Lo im vorigen Sommer vom FC Bayern zu Alba gewechselt. Zum einen wollte der gebürtige Berliner während der Corona-Pandemie bei seiner Familie sein, zum anderen war er vom Spielstil unter dem spanischen Trainer Aito Garcia Reneses angetan. "Es hat mir immer gefallen, mit welcher Begeisterung das Team gespielt hat", erklärte er damals der SZ: "Das sieht sehr attraktiv aus, für viele Spieler."

Der 74 Jahre alte Aito lässt seinen Spielern viele Freiheiten, er fordert und fördert einen schnellen, kreativen Basketball, mit eigenständigen Entscheidungen. "Unsere Spielweise ist es, zusammen zu spielen, sich zu zeigen, mit Mut zu agieren, mit Risiko, mit Überzeugung", erklärt Alba-Geschäftsführer Marco Baldi die Philosophie des alten spanischen Meisters. Und dazu gehört auch, den jungen Spielern Fehler zu verzeihen, ohne sie gleich auszuwechseln. "Das ist halt unser Stil: Wir spielen den ganzen Kader", sagt Kapitän Niels Giffey: "Bei München hat kein Junger gespielt, bei uns spielen sie die ganze Zeit - und dann sind sie halt auch bereit am Ende der Saison." Diese Entwicklung sei "in Spanien schon vor Jahren passiert", sagt Giffey, "und das wird jetzt hoffentlich auch in Deutschland ein bisschen mehr gemacht".

Aito und seine spanische Schule sind ein Grund, warum sich selbst ältere Talente wie Koumadje, 24, oder dessen Center-Kollege Ben Lammers 25, in Berlin den Schliff für ihre weitere Karriere holen wollen. Ein anderer ist die Teamchemie, wie Granger sagt, der nach einem Achillessehnenriss bereits abgeschrieben war, weshalb ihn Alba vor der Saison überhaupt erst verpflichten konnte. "Ich war schon bei vielen Klubs, und ich hatte immer von diesem speziellen Zusammenhalt gehört", berichtete der 31-Jährige vor dem Mikrofon von Magentasport: "Dann kam ich her - und alles ist wahr. Es ist wie eine Familie, jeder kämpft für jeden, jeder kümmert sich um jeden. Es ist schön, ein Teil davon zu sein."

Basketball München 13.06.2021 1. Bundesliga / easyCredit BBL Saison 2020 / 2021 Playoffs Finale Spiel 4 FC Bayern Münche

Außergewöhnlicher Zusammenhalt: Die jungen Berliner um den in der Finalserie verletzten Louis Olinde (mit Pokal) feiern ihren Beitrag zur Meisterschaft.

(Foto: Tilo Wiedensohler/Camera4+/Imago)

Aber wie das meist der Fall ist bei Familien und in Schulen: Irgendwann verlassen die Kinder das Haus, und das wird auch bei Alba so sein, nachdem die Mannschaft ihre Meisterprüfung absolviert hat. Granger und Lo hatten sowieso nur Einjahresverträge, bei Giffey läuft der Kontrakt aus, er wird mit Litauens Meister Zalgiris Kaunas in Verbindung gebracht. Und Aito entscheidet sowieso immer erst im Sommer, ob er noch ein Jahr dranhängt. An Albas Philosophie werde sich trotzdem nichts ändern, versichert Manager Baldi: "Wir glauben daran, und wir machen das auch weiter."

Es ist ein schönes Spiel, das Alba spielt, das erkennt die Konkurrenz an. Selbst nach dem im Mai gewonnenen Pokalfinale geriet der FC-Bayern-Profi Vladimir Lucic fast ins Schwärmen über die damals unterlegenen Berliner: "Basketballerisch ist Alba eines der wunderschönsten Teams zum Zuschauen." Der Serbe klang so, als würde er auch gern so spielen, aber er ist halt beim FC Bayern unter Vertrag, und der muss gewinnen, gewinnen, gewinnen. Bei Alba dagegen dürfen sie spielen, spielen, spielen. Maodo Lo sagt: "Es macht auf jeden Fall viel Spaß."

© SZ/lein
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB