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FC Barcelona:Führungslos durch die Pandemie

Barcelona's Argentine superstar Lionel Messi poses with FC Barcelona president Josep Maria Bartomeu during the signing of his new contract in Barcelona

Allianz gebrochen: Lionel Messi (li.) und Josep Maria Bartomeu.

(Foto: Reuters)

Beim krisengebeutelten FC Barcelona tritt Präsident Bartomeu zurück. Nach dem Streit mit Lionel Messi kommt er so seiner mutmaßlichen Abwahl zuvor.

Von Javier Cáceres

Unter normalen Umständen wäre wohl dies die Nachricht des Vorabends des Champions-League-Duells zwischen Juventus Turin und dem FC Barcelona gewesen: Das Aufeinandertreffen zwischen Cristiano Ronaldo und Lionel Messi, das für Mittwoch vorgesehen war, fällt aus. Der Portugiese, seit 2018 bei Juventus beschäftigt, wurde am Dienstag neuerlich positiv auf das Coronavirus getestet, sein Duell mit dem Kapitän des FC Barcelona, seit Jahren sein ewiger Rivale um den Titel des Weltfußballers, war geplatzt. Zur gleichen Zeit aber begab es sich, dass in Barcelona eine Nachricht bestätigt wurde, die den ganzen Tag über als Gerücht durch die Stadt gewabert war: 74 Tage nach der verheerenden 2:8-Niederlage Barças gegen den späteren Champions-League-Sieger Bayern München erklärten Präsident Josep Maria Bartomeu und die weiteren Vorstandsmitglieder ihren Rücktritt. "Wir haben die Entscheidung getroffen, die Demission zu erklären", sagte Bartomeu nach einer außerordentlichen Präsidiumssitzung am Dienstag. Der katalanische Klub, der unter Bartomeu 2015 das Triple gewonnen hatte, muss damit vorerst mit einer kommissarischen Führung durch die pandemiebedingt verschärfte, schwerste Krise der Vereinsgeschichte steuern.

Noch am Abend zuvor hatte Bartomeu, seit 2014 im Amt, "zu keinem Zeitpunkt" an einen Rücktritt gedacht zu haben; sein Mandat lief turnusgemäß 2021 aus. Doch schon die enorme Zahl an Fragen nach einer möglichen Demission, die in einer mehr als einstündigen Pressekonferenz gestellt wurden, waren ein Indiz für seine prekäre Lage. Am Dienstag überschlugen sich dann die Ereignisse. Mittags meldete der Radiosender Cadena SER, es sei allenfalls eine Frage von Tagen, bis Bartomeu gehe. Am Abend war der Rücktritt dann perfekt.

Nach der Ankündigung Messis vom August, Barcelona verlassen zu wollen, hatte die Opposition ein Misstrauensvotum gegen Bartomeu eingeleitet; die 16 000 Unterschriften, die nötig waren, um eine Abstimmung unter rund 110 000 Mitgliedern zu erzwingen, übertrafen die Rebellen locker. Laut Statut wäre die Frist für die Abstimmung am kommenden Wochenende abgelaufen.

Bartomeu hatte am Montag erklärt, dass man wegen der Pandemie davon Abstand nehmen wolle, ausschließlich im Barça-Stadion Wahlurnen aufzustellen, wie bei Präsidentschaftswahlen üblich. Der Plan sei, an 21 Orten des ganzen spanischen Staatsgebiets Wahllokale einzurichten; damit könne man für größere Distanz sorgen. Aber: Dafür brauche man einen Vorlauf von zwei Wochen. Am Dienstag teilte Kataloniens Regionalregierung mit, dass "weder legale noch gesundheitliche Gründe" gegen eine Urwahl im Stadion sprächen, sofern strenge Hygieneprotokolle eingehalten werden. Für Bartomeu war das ein klassischer "K.-o.", weil eine sofortige Terminierung des Referendums zwingend wurde. Das hätte Bartomeu der Gefahr ausgesetzt, zum ersten Barça-Präsidenten der Geschichte zu werden, der von den Mitgliedern vom Hof gejagt wird. Am Ende sah er wohl einen Rücktritt als elegantere Lösung an. Die Verantwortung dafür lastete er freilich der Regionalregierung an: Ihre Erlaubnis, mitten in der Pandemie eine Wahl abzuhalten, sei "unverantwortlich" und "nicht nachvollziehbar". Binnen drei Monaten müssen nun Neuwahlen abgehalten werden.

Bartomeu hatte noch am Montag die Ablehnung eines Rücktritts unter anderem damit begründet, dass dringende Entscheidungen anstünden, die nicht einem kommissarischen Präsidenten anvertraut werden könnten, der nach einer Demission bestellt werden müsste. Damit waren unter anderem die Verhandlungen mit den Barça-Bediensteten über krisenbedingte Gehaltskürzungen gemeint. Für Dienstag war ein Treffen mit den Spielern vorgesehen. Doch die Profis ließen es platzen.

Vor seiner Demission war Bartomeu auch erstmals öffentlich auf den "Fall Messi" eingegangen. Der Argentinier hatte den Verein in seinen Grundfesten erschüttert, als er Ende August schriftlich erklärte, den Verein verlassen zu wollen.

Bartomeu hatte die Fluchtpläne Messis unter Verweis auf die Vertragslage vereitelt - und den Argentinier damit aufgebracht. Er habe damals bewusst "keine dialektische Auseinandersetzung" mit Messi geführt, weil der Teil "des neuen Projekts" sein sollte, sagte Bartomeu. "Man hat mich beschuldigt, seinen Abschied erzwingen zu wollen, um die Bilanz zu retten. Das war nicht der Fall", beteuerte Bartomeu. Barça ist finanziell massiv angeschlagen. "Dass der beste Spieler der Welt hier bleibt, ist die beste Option, auch für Leo", fügte er hinzu. "Wir alle wollen, dass Leo seine Karriere im Camp Nou beendet." Ob er das tut? Messis Vertrag läuft im Sommer 2021 aus. Die Chancen, dass er bleibt, dürften ohne Bartomeu nun größer sein als mit ihm.

© SZ vom 28.10.2020/chge
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