Aus bei den US Open Kerber und Zverev verlieren auf ihre besondere Art

Ja, was ist denn bloß los? Angelique Kerber verzweifelt so sehr an Dominika Cibulkova wie an sich selbst.

(Foto: Julian Finney/AFP)
  • Wimbledonsiegerin Angelique Kerber scheitert bei den US Open schon in der dritten Runde.
  • Ihre Gegnerin Dominika Cibulkova entscheidet zu viele Angelique-Kerber-Ballwechsel für sich und gewinnt 3:6, 6:3, 6:3.
  • Alexander Zverev verliert auch. Gegen Philipp Kohlschreiber. Auch das auf seine spezielle Art.
  • Hier geht es zu allen Ergebnissen der US Open.
Von Jürgen Schmieder, New York

Und dann gab es mal wieder einen Angelique-Kerber-Ballwechsel zu bestaunen. Es gibt während einer Angelique-Kerber-Partie stets Angelique-Kerber-Ballwechsel zu sehen, aber dieser war dann schon ein besonderer, weil er auch noch ein bedeutsamer war. Dominika Cibulkova (Slowakei) dominierte den Punkt, so wie die beiden Igel das Rennen mit dem Hasen dominieren - nur musste Cibulkova irgendwann glauben, dass da auf der anderen Seite des Netzes zwei Hasen, also zwei Kerbers sein mussten. Kerber erlief die immer wütender werdenden Angriffe von Cibulkova, fünf, sechs, sieben Mal, und sehr häufig gewinnt Kerber solche Angelique-Kerber-Ballwechsel.

Nun aber, Mitte des entscheidenden Durchgangs, da prügelte Cibulkova weiter, fünf, sechs, sieben Mal, und den achten Schlag platzierte sie unerreichbar in Kerbers Rückhandecke. Es war der Ballwechsel, der Cibulkova zwei Breakbälle zum 4:2 im dritten Satz ermöglichte, sie nutzte gleich den ersten und gewann die Partie nur wenige Minuten später mit 3:6, 6:3, 6:3. Es bedarf einer außerordentlichen Leistung, gegen diese Angelique Kerber zu bestehen, und Cibulkova schaffte diese außerordentliche Leistung. Es war aber an diesem Tag auch deutlich zu sehen, warum es Angelique-Kerber-Ballwechsel und Angelique-Kerber-Partien gibt.

Sie kann sich nicht auf einen krachenden Aufschlag verlassen - ihre schnellste Spieleröffnung gegen Cibulkova lag bei 165 Kilometern pro Stunde, die langsamste bei 115, beides unterdurchschnittliche Werte - oder eine andere einzigartige Waffe. Sie vertraut ihrer Fitness und ihrem außerordentlichen Spielverständnis, über das sie zum Beispiel extreme Topspin-Schläge einer Gegnerin früh attackiert, im taktisch sinnvollen Moment einen Rückhand-Slice wählt oder auch mal einen kurzen Ball einstreut. Und sie kann darauf vertrauen, bei bedeutsamen Ballwechseln ruhig zu bleiben und ihre Gegnerinnen auch mal zu zermürben.

Kerber lässt sich das Spiel der Slowakin aufzwingen

Patrick Mouratoglou, der Trainer von Serena Williams, hat Kerbers Spielweise mal als vorhersehbar beschrieben: "Es ist, als wären auf dem Platz zahlreiche Kissen in verschiedenen Farben verteilt. Wenn Kerber durch den Schlag ihrer Gegnerin auf ein, sagen wir, blaues Kissen getrieben wird, dann spielt sie den Ball genau dorthin, wo auf der anderen Seite des Netzes ein blaues Kissen liegt." Kerbers Stärke liege darin, dass sie zum einen zahlreiche Kissen erreiche, bei denen andere Spielerinnen längst aufgegeben hätten - und dass sie unglaublich präzise und in grotesken Winkeln zurückspiele: "Es ist vorhersehbar, und doch haben viele Gegnerinnen keine Chance, den Ball zu erreichen, weil Kerber ihn einfach perfekt spielt."

Das führt dazu, dass es zwar unfasslich schwer ist, Kerber zu besiegen - dass sich Kerber aber bisweilen auch unfasslich schwer tut, eine Partie zu dominieren und zu Ende zu führen. Sie agiert dann zu weit hinter der Grundlinie und überlässt der Gegnerin die Spielgestaltung, anstatt selbst die Kontrolle zu übernehmen. Sie ist wie ein Steinmetz, der geduldig auf einen Marmorklotz einhämmert, bis irgendwann mal eine grandiose Statue zu sehen ist mit der Inschrift: Grand-Slam-Siegerin. Bleibt dieser Marmorklotz allerdings stabil, dann bekommt Kerber Probleme.

"Sie hat mich in dieser Saison ein paar Mal umgebracht", sagte Cibulkova nach der Partie: "Es bedeutet mir sehr viel, endlich wieder gegen sie bestanden zu haben, noch dazu auf dieser Bühne." Man könnte nun sagen, dass Kerber zu passiv agiert hat. Man könnte auch sagen, dass Cibulkova aggressiv und beinahe fehlerfrei gespielt hat. Man könnte auch sagen, dass es eine Angelique-Kerber-Partie mit vielen Angelique-Kerber-Ballwechseln gewesen ist. Sie gewinnt viele dieser Partien, wenn sie ihre Gegnerinnen brechen kann - aber manchmal, da verliert sie solche Matches auch, wenn die Kontrahentin zu stabil bleibt. So wie Cibulkova, die sich erdreistete, einige Angelique-Kerber-Ballwechsel für sich entschieden zu haben.

Alexander Zverev verliert auf Alexander-Zverev-Art

Nach dieser typischen Angelique-Kerber-Partie gab es im Louis Armstrong Stadium gegen Philipp Kohlschreiber eine typische Alexander-Zverev-Partie zu bestaunen. Der 21 Jahre alte Hamburger gilt als das größte Talent im Männertennis, ein Hochbegabter, einer, der von den Größten dieses Sports wie Roger Federer ("Ich hoffe, dass er mal die Nummer eins wird.") und Rafael Nadal ("Wenn er in den nächsten zwei Jahren nicht bei Grand Slams erfolgreich ist, dann habe ich keine Ahnung von Tennis.") mitgeteilt bekommt, dass er bald auch zu den Größten dieses Sports gehören wird.

Dieser Hochbegabte will nun auch bei Grand-Slam-Turnieren zu einem Hocherfolgreichen werden. Dafür hat er den einstigen Weltklasse-Spieler Ivan Lendl engagiert, der als Trainer schon Andy Murray zu dessen ersten Grand-Slam-Titeln und auf Platz eins der Weltrangliste geführt hat. Er soll Zverev beibringen, wie das geht, in Partien über drei Gewinnsätze die Nerven zu behalten und nicht zu implodieren. Zverev nämlich betrachtet Perfektion als Normalzustand, selbst kleine Fehler nerven ihn kolossal - doch bei Partien über fünf Sätze, da gibt es nun einmal auch Tiefen, kleine Krisen, knifflige Momente.

Die typische Alexander-Zverev-Partie, die er bei Grand-Slam-Turnieren verliert, die geht so: Er regt sich irgendwann über die eigene Fehlbarkeit auf, dann echauffiert er sich über allerlei andere Dinge und verliert darüber komplett den Faden und den Glauben daran, die Partie noch gewinnen zu können. Bei den Australian Open zum Beispiel regte er sich während des vierten Durchgangs gegen Hyeon Chung (Südkorea) minutenlang darüber auf, dass das Flutlicht nicht rasch genug eingeschaltet würde - er gewann danach kein einziges Aufschlagspiel mehr. In Wimbledon ärgerte er sich kurz vor der 2:1-Satzführung gegen Ernests Gulbis (Lettland) über den Linienrichter, er verlor danach den vierten Durchgang und den fünften gar mit 0:6.

"Ich bin ein fitter Typ, ich kann viele Wege gehen. Ich muss die Partie physisch und abwechslungsreich gestalten, ich muss verschiedene Winkel, Höhen und Tempi spielen. Dann kann ich vielleicht in seinen Kopf reinkommen", hatte Kohlschreiber vor der Partie gesagt. "Es ist ein Fünf-Satz-Match - und ich muss hoffen, dass er vielleicht darüber nachdenkt, dass es bislang bei Grand-Slam-Turnieren noch nicht so geklappt hat."

Genau das passierte am Samstagabend: Zverev gewann den ersten Satz im Tie Break, den zweiten verlor er mit einem unnötigen Fehler. Kann passieren, so was. Doch Kohlschreiber war nun drin in Zverevs Kopf, und er holte sich auch den dritten Durchgang - sehr deutlich sogar. Im vierten Satz führte Zverev dann mit einem Break und 3:0. Kurzzeitig sah es soaus, als würde er diese Partie nun drehen können, als würde die Arbeit mit Lendl schon nach wenigen Tagen der Zusammenarbeit die ersten Früchte tragen. Allerdings: Zverev verlor sein Aufschlagspiel mit einem Doppelfehler - und implodierte. Mal wieder. Er regte sich über die Schiedsrichterin auf, haderte mit sich selbst, und er gewann nur noch zehn Ballwechsel und kein einziges Spiel mehr. Er verlor mit 7:6(1), 4:6, 1:6, 3:6.

"Ich glaube, dass es eine unterhaltsame Partie für die Zuschauer war", sagte Kohlschreiber danach: "Ich habe seine harten Aufschläge gut ins Feld zurückgebracht und ihn mit meinem Rückhand-Slice ärgern können." Unterhaltsam war es allemal - für die Zuschauer, für Kohlschreiber, aber sicherlich nicht für Zverev, der nun mal wieder eine typische Alexander-Zverev-Partie bei einem Grand-Slam-Turnier verarbeiten muss.

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