US Open Wer es in New York schafft, der schafft es überall

Die Fans in New York können auch mal laut werden.

(Foto: AP)

Das Publikum rülpst, es ist laut und heiß: Die Profis jammern gerne über die harten Bedingungen bei den US Open. Sie klagen aber nie über die üppigen Preisgelder.

Kommentar von Jürgen Schmieder, New York

Boris Becker lief soeben über die Tennisanlage in Flushing Meadows, sein Handy hielt er so, wie der Priester bei der Prozession die Monstranz hält. Mobiltelefone sind ja das Heiligste dieser säkularisierten Welt, und Becker, einst ein Erzengel dieses Sports, wollte seinen Fans auf dem sozialen Netzwerk Instagram mal zeigen, wie es so zugeht bei dieser Veranstaltung. "Es ist besonders", sagte Becker. Er gab sich als Weltbürger, der sich unters Volk mischt, und wirkte dabei wunderbar provinziell.

Wer sich um eine Haltung drücken will, lässt auf das Wort "besonders" kein Adjektiv folgen, und genau das tun viele Tennisspieler gerade: Sie sagen, New York sei eine besondere Stadt, und die US Open seien ein besonderes Turnier. Sie verzichten auf jede weitere Wertung, auch deshalb, weil die New Yorker nichts weniger mögen als jemanden, der ihnen mitteilt, dass ihre Stadt wohl doch nicht die großartigste des Planeten ist, und die US Open wohl doch nicht das wunderbarste aller Grand-Slam-Turniere sind.

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Es ist fürchterlich laut auf der Anlage

Deshalb, in aller Deutlichkeit: Es ist fürchterlich heiß und fürchterlich schwül hier, es fühlt sich an, als hätte jemand der Luft den Sauerstoff entzogen und über den Köpfen der Leute eine Dusche installiert (man möchte nur Dinge tun, bei denen man sich möglichst nicht bewegen muss). Es ist auch fürchterlich laut auf der Anlage, weil eben nicht nur Weltbürger da sind, sondern extrem mitteilungsbedürftige New Yorker, denen die Natur sehr viel gegeben hat, nur keinen Anstand. Sie laufen lärmend auf den Tribünen herum, sie kippen ordentlich Alkohol in sich hinein, und hin und wieder rülpst einer derart donnernd, dass es noch in Manhattan zu hören sein dürfte.

So ist dieses Turnier nun mal, das ist seit Jahrzehnten bekannt. Man kann sich auf Hitze und Lärm vorbereiten, so wie man sich auch auf die neu eingeführte Shot Clock einstellen kann. Sie soll die Zeit zwischen den Ballwechseln auf maximal 25 Sekunden begrenzen und die Nettospielzeit senken. Einige Profis beschweren sich nun, weil ihnen wegen Hitze und Lärm nicht genügend Zeit fürs Abtrocknen und Konzentrieren bleibe. Es gibt im Sport halt zahlreiche Regeln nicht deshalb, die Suche nach den Besten gerechter zu machen, sondern um eine Disziplin für die Zuschauer attraktiver zu gestalten (beim Tennis zum Beispiel die Spielansetzungen oder die blaue Farbe der Plätze als Kontrast zu den gelben Bällen). Das kann man kritisieren, man muss es aber nicht dauernd erwähnen.

Dieses Turnier ist perfektionierter Sport-Kapitalismus, und die Akteure profitieren davon. Die Sieger im Einzel bekommen jeweils 3,8 Millionen Dollar, für eine Niederlage in der ersten Runde gibt es 54 000 Dollar. Das finden die Akteure prima, vieles andere finden sie doof: die Hitze, den Lärm, die Shot Clock. Der Australier Nick Kyrgios etwa agierte derart lustlos, dass der Referee vom Stuhl stieg und ihn bat, sich gefälligst zusammenzureißen - Kyrgios drehte das Match und sagte auf die Frage nach seinen Stärken tatsächlich: "Meine stabile Psyche."

Die US Open sind halt auf ihre Art besonders. Wer es in New York schafft, so heißt es immer, der schafft es überall. Und es schaffen nur sehr wenige, weil nur wenige in der Lage sind, mit diesen Bedingungen zurechtzukommen. Jimmy Connors, noch so ein einstiger Erzengel dieses Sports, riet den Teilnehmern in der ersten Turnierwoche, die elendige Jammerei bleiben zu lassen, er hätte für so viel Geld "um zwölf Uhr mittags in der Sahara" gespielt. Vielleicht ist es Zufall, dass der gar nicht mal so wahnsinnig begabte Connors fünf Mal in New York gesiegt hat, auf drei verschiedenen Belägen, und dass der ach so talentierte Kyrgios bisher nie über die dritte Runde hinausgekommen ist. Vermutlich aber nicht.

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