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Anschlag auf BVB-Bus:Als sei der Fußballkalender heilig

Die Spieler wussten, die Attentäter wollten wenigstens einige von ihnen umbringen. Daran lassen die professionell gebauten Bomben kaum Zweifel. Der Skandal an dieser Geschichte bleibt, dass die Uefa offenbar zusammen mit den Führenden der Klubs schon gut eine Stunde nach dem Anschlag entschied, das Spiel müsse am kommenden Tag ausgetragen werden. Es ist klar, dass es der Uefa auch um finanzielle Interessen ging, eine Verlegung hätte eventuell Ärger mit Sponsoren und Fernsehanstalten nach sich gezogen.

Reinhard Rauball, Präsident des BVB und der Deutschen Fußball-Liga, gab nur 90 Minuten nach den Explosionen im Fernsehen die Losung vor: Die Spieler seien Profis und könnten das wegstecken, sie würden am nächsten Tag natürlich ihre Leistung abrufen. Es kam einem Akt der Entmenschlichung gleich. Als würde man von irgendjemandem verlangen, nur einen Tag nach einem Mordanschlag wieder an der Arbeitsstelle zu erscheinen und "seine Leistung abzurufen". Noch dazu vor einem Millionenpublikum.

Man kann Rauball zugute halten, dass er in diesem Moment die Dimension des Anschlags nicht erkannt hatte. Tags darauf klang er schon sehr viel defensiver. Doch alle Funktionäre blieben bei der Ansicht, dass der Nachholtermin am Mittwoch alternativlos gewesen sei. Als sei der Fußballkalender heilig und man könnte heutzutage kein Spiel mehr verschieben. Klar, das hätte ein kleines Durcheinander gegeben. Aber mit ein bisschen Fantasie hätte man den Dortmundern zumindest bis Samstag Zeit geben können, sich vom vermutlich schlimmsten Erlebnis ihres Lebens zu erholen.

Nach einem solchen Attentat ist immer abzuwägen, ob man den gesellschaftlichen Auftrag erfüllt und das allseits so geliebte Zeichen setzt. Oder ob den Bedürfnissen der Betroffenen Rechnung getragen wird. Folgt man den Aussagen der Dortmunder Trainer und Spieler, sind sie allerdings gar nicht gefragt worden, welche Bedürfnisse sie haben. Man ging offenbar davon aus, dass sie gar keine haben.

© SZ.de/ska
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