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Alphonso Davies:Einer, für den Abstand auch Luxus bedeutet

Bayern München - Alphonso Davies

Gesicht der Zukunft des FC Bayern: Alphonso Davies, 19.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Bayern-Verteidiger Alphonso Davies hat sich von der Last der eigenen Geschichte nie erdrücken lassen - und setzt sich in der Corona-Krise für das Schicksal von Flüchtlingen ein.

Alphonso Davies ist ein Fußballer mit verborgenen Eigenschaften. Die 100 Meter rennt er nach eigenen Angaben in elf Sekunden (obwohl er gedacht hatte, dass er schneller sei). Er amüsiert seine Follower auf dem Videoportal Tiktok mit kleinen schauspielerischen Einlagen (und kann sich für einen noch fernen Tag längere Auftritte in Filmen vorstellen). Es wäre also leicht, Alphonso Davies auf den Unterhaltungsfaktor im Fußball zu reduzieren, darauf, gerne Leichtes zu bieten, gleichzeitig aber um all das Schwere und Tiefere im Leben einen großen Bogen zu machen. Allein, so ein Fußballer ist Davies nicht.

Ja, Davies ist schnell, seine Sololäufe gehören zu diesen Momenten, die auf der Tribüne ein Raunen nach sich ziehen, in der Bundesliga bereitete er so zum Beispiel ein Tor in Freiburg vor, in der Champions League Ende Februar eines beim FC Chelsea - das war zu Zeiten, als auf Tribünen noch geraunt werden konnte. Ja, er ist nie um einen Scherz verlegen; vor wenigen Tagen feierte er den dritten Jahrestag mit seiner Freundin, der kanadischen Nationalspielerin Jordyn Huitema, indem er auf dem Fotoportal Instagram ein zweieinhalbminütiges Video voller Streiche zwischen den beiden postete. Aber Davies, seit knapp eineinhalb Jahren ein Fußballer des FC Bayern, hat auch eine Geschichte, die ihn anders auf die Dinge blicken lässt.

Mit einem Duell an der Konsole hat Davies zu Spenden aufgerufen

Am Dienstagmittag hat der 19 Jahre alte Kanadier erstmals in seinen Monaten in München im Pressestüberl des Klubs Platz genommen, für eine Videopressekonferenz. Davies war um keine Antwort verlegen, er antwortete kurz, knapp, präzise. Dabei sprach er auch darüber, dass er in Zeiten der Corona-Krise nicht vergessen hat, dass Abstand Luxus bedeuten kann.

Davies kam im November 2000 in Buduburam auf die Welt, in einem Flüchtlingslager in Ghana; seine Eltern waren vor dem Bürgerkrieg in Liberia geflohen. Die ersten fünf Jahre seines Lebens verbrachte Davies in Buduburam, ehe seine Familie nach Kanada ausreisen durfte. Im kanadischen Fußball wurde er schnell zu einer Sensation; als 15-Jähriger debütierte er in der nordamerikanischen Profiliga MLS, als 16-Jähriger spielte er erstmals für die kanadische Nationalmannschaft, als 17-Jähriger wechselte er zum FC Bayern, angeblich für bis zu 18,8 Millionen Euro.

Und in der vergangenen Woche, im Alter von 19 Jahren und ein paar Monaten, verlängerte er in München seinen Vertrag um zwei Jahre, bis 2025. Er ist nun in einem der erfolgreichsten und reichsten Vereine der Welt ein Gesicht für die Zukunft. Er ist aber auch immer noch der Junge, der in Buduburam aufgewachsen ist.

"Das Meiste habe ich vergessen", sagte Davies am Dienstag über die Jahre im Flüchtlingslager, was er aber noch weiß, ist, dass "es nicht einfach war". Am vergangenen Samstag hat er sich deshalb mit Asmir Begovic zu einem Videospielnachmittag verabredet; der Torwart des AC Mailand war als Jugendlicher vor dem Krieg in Bosnien-Herzegowina geflüchtet. Davies und Begovic wollten so für das Flüchtlingshilfswerk UNHCR auf das Schicksal der Flüchtlinge aufmerksam machen.

Social distancing, sagte Davies, sei für die Menschen in den Lagern "tough", also hart; Familien leben dort auf wenigen Quadratmetern, direkt neben der nächsten Familie. Sollte ein Lager vom Coronavirus getroffen werden, sagte Davies, "wäre das eine Katastrophe". Mit dem Treffen an der Konsole wollten Begovic und er für die Bedeutung des Flüchtlingshilfswerks werben und Spenden sammeln, "um zu helfen, Wasser und Essen zu organisieren". Die Aktion habe ihm Spaß gemacht, sagte Davies, der es auch versteht, das Leichte und das Schwere im Leben zu kombinieren. Beides gehört zu ihm, beides macht ihn aus.

Es wäre daher auch falsch, Davies' Botschaft an junge Fußballer als banal zu bezeichnen. Davies hat sich von der Last seiner eigenen Geschichte nicht erdrücken lassen, nun will er die Verantwortung als Vorbild übernehmen, ohne "das Gewicht auf den Schultern" zu spüren. Das Wichtigste beim Fußballspielen, sagte er daher, sei es "mit einem Lächeln auf den Platz zu gehen". Alphonso Davies weiß, wovon er spricht.

© SZ vom 29.04.2020/jki/cat
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Von Benedikt Warmbrunn

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