Tennis in München:Zverev bietet eine indiskutable Leistung

Tennis in München: Tiefes Geläuf, zu wenig Druck hinter den Schlägen: Alexander Zverev kam auf der Iphitos-Anlage nicht zurecht.

Tiefes Geläuf, zu wenig Druck hinter den Schlägen: Alexander Zverev kam auf der Iphitos-Anlage nicht zurecht.

(Foto: Sebastian Widmann/Getty Images)

Sein Auftaktspiel bei den BMW Open in München verliert der deutsche Top-Spieler gegen den Weltranglisten-82. Christopher O'Connell. Zverevs Comeback nach der Fußverletzung gestaltet sich schwieriger denn je.

Von Sebastian Winter

Kurz wischte er sich durchs Gesicht, nahm das schwarze Stirnband ab, gratulierte seinem Gegner Christopher O'Connell - dem Australier, der nicht mehr lange nur auf Weltranglistenplatz 82 zu finden sein wird. Dann machte sich Alexander Zverev auf den Weg in die Umkleidekabine im schicken Clubhaus des MTTC Iphitos München. Mit gesenktem Kopf, begleitet von einem Leibwächter. Die letzten Schritte vor der Tür trat Zverev fest auf den Steinboden, um sich den Sand aus den Schuhen zu klopfen, und wohl auch den Frust aus der Seele. Dann war er verschwunden, nach einer ernüchternden 6:7 (2), 4:6-Niederlage im Achtelfinale der BMW Open, an seinem 26. Geburtstag - und einem Spiel, in dem er, man muss das so sagen, eine für seine Ansprüche indiskutable Leistung bot.

O'Connell hatte Zverev von Anfang an über den Platz gescheucht, nach links, nach rechts, fast alle seine eingestreuten Stopps waren erfolgreich. Auch weil Zverev, der in Thermohose und -shirt zu seinem wegen des Dauerregens am Mittwoch verschobenen Auftaktmatch angetreten war, in der Kälte immer mehr erstarrte. Die Vorhand, die Rückhand, es war zu wenig Druck hinter Zverevs Schlägen auf dem tiefen Geläuf, zu oft landeten seine Schläge im Aus. Die winterlichen fünf Grad Celsius, die am Donnerstag in München gemessen wurden, sind gewiss nicht seine Wohlfühltemperatur. Aber dass Zverev so schockgefrostet vom Feld gehen musste, brachte dann auch die Zuschauer auf den am Ende vollbesetzten Rängen ins Staunen.

Nun geht Zverevs Suche nach seiner früheren Form weiter, auch nach dem ersten Auftritt in Deutschland seit dem Davis-Cup-Duell Anfang Februar in Trier gegen die Schweiz. Damals verloren die Deutschen auch wegen Zverevs Zweisatz-Niederlage gegen den damaligen Weltranglisten-39. Marc-Andrea Hüsler und verpassten die Qualifikation für die Gruppenphase im September. Und natürlich kommt jetzt wieder die Frage auf, was die ganzen Debatten um den Zwist mit Daniil Medvedev mit ihm gemacht haben, gegen den er vergangene Woche in Monte Carlo im Achtelfinale verloren und dem er im Anschluss daran unfaires Spiel vorgeworfen hatte.

Manch einer hätte sich in München gewünscht, dass Zverev zumindest ein Wutschrei entfährt - aber seine Mimik und Gestik erschöpfte sich in fragenden Blicken und wegwerfenden Handbewegungen. Später, als er sich auf dem Podium kurz den Fragen stellte, wollte er nicht dem Wetter die Schuld geben: "In den letzten drei Jahren komme ich in München sehr schwer mit dem Druck klar. Ich mache mir den Druck selber, seit 2018 habe ich hier nicht mehr gut gespielt. Im Training spiele ich wunderbar, auf dem Matchplatz ist es für mich was komplett anderes. Ich spiele nicht so druckvoll, bewege mich langsamer."

Zverev zeigt knapp ein Jahr nach der Knöchelverletzung von Roland Garros weder Konstanz noch sichere Schläge

Zverev hatte eigentlich sehr viel Zeit zur Akklimatisierung in München, aber vielleicht waren es dann auch zu viele Nebenschauplätze, an denen er auftauchte. Am Mittwoch wollte er sich, nachdem der Dauerregen sein Auftaktspiel am Aumeisterweg weggeschwemmt hatte, noch seine FC-Bayern-Kicker in der nahen Münchner Fußball-Arena gegen Manchester City anschauen, das auch nicht wirklich erwärmend war. Schon am Montag hatte Zverev mit fünf Germany's next Topmodels, die es irgendwie auch zur Players Night geschafft hatten, in die Kameras gelächelt. Golden Racket Club heißt das Vip-Zelt am Aumeisterweg nahe des Englischen Gartens übrigens, was sich fast so schön anhört wie der Golden Pudel Club, wobei letzterer in Zverevs Heimatstadt Hamburg Elbblick genießt und auch sonst mehr Charme hat als das auf Hochglanz polierte Zelt.

Zverev jedenfalls hielt Smalltalk auf dem roten Teppich und später Händchen mit Freundin Sophia Thomalla. Nun folgte dieses frostige Ende auf dem Center Court. "Er hat den Schlüssel in der Hand", hatte sein Bruder Mischa im Vorfeld des Turniers gesagt, "die Schläge sind da, jetzt geht es um die Konstanz." Aber Alexander Zverev zeigte knapp ein Jahr nach der fatalen Knöchelverletzung von Roland Garros weder Konstanz noch sichere Schläge: Erster Satz, ein erfolgreicher Stopp von O'Connell zum 3:1 für den Australier. 4:4, Einstand, Zverevs Rückhand landet fünf Meter hinter der Grundlinie, wenig später steht es 4:5. 1:5 dann im Tie-Break, nach einem Doppelfehler und anderen Unzulänglichkeiten. Und im zweiten Satz gelang O'Connell auch deshalb das entscheidende Break zum 5:4, weil Zverev seine Vorhand mitten ins Netz platzierte.

Bei den Australian Open war in der zweiten Runde Schluss, in Miami in Runde eins, die so knapp verlorenen Duelle mit Medwedew und der bittere Nachhall folgten. Und nun hat Zverev, der zweimalige BMW-Open-Sieger, gegen einen elegant spielenden und hervorragende Passierbälle schlagenden Australier verloren, der 2019 noch nicht mal in der Weltrangliste positioniert war.

"Jetzt grade habe ich keine Lust auf irgendwas", sagte Zverev noch. Dann verabschiedete er sich an seinem sehr düsteren Geburtstag.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusInterview mit Tommy Haas
:"Man fragt sich: Bin ich bereit, diese Opfer zu bringen?"

Tommy Haas, einst die Nummer zwei der Tenniswelt, ist heute Turnierdirektor in Indian Wells. Er spricht über den humoristischen Russen Medwedew, das Comeback von Zverev - und Grand-Slam-Titel, die wohl erst mal andere gewinnen werden.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: