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AC Mailand:Der mysteriöse "Präsident in Abwesenheit"

Mitte April verkaufte der bisherige Besitzer Silvio Berlusconi seine Associazione Calcio für 740 Millionen Euro (inklusive rund 200 Millionen Schulden) an die Rossoneri Sport Investment, eine in Luxemburg ansässige Gesellschaft des chinesischen Staatsbürgers Yonghong Li. 31 Jahre lang hatte Milan Berlusconi gehört. Über ihn weiß man, dass er immer noch Italiens größter Buch- und Zeitschriftenverleger ist, der bedeutendste Kinoproduzent und Filmverleiher, dass er 24 Jahre lang die politische Bühne beherrschte und als Regierungschef Italien an den Rand einer Staatspleite führte. Als verurteilter Steuerbetrüger darf Berlusconi eigentlich nicht mehr für das Parlament kandidieren, aber jetzt ist Wahlkampf, und da verspricht er tatsächlich die Abschaffung der Mehrwertsteuer für Hundefutter. Dies und noch viele nicht ganz so wichtige andere Dinge weiß man über Berlusconi.

Über seinen angeblichen Nachfolger Yonghong Li weiß man so gut wie nichts.

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Er sei Besitzer einer Phosphat-Mine in China, steht in einem Lebenslauf, den das Klubmanagement verbreitet hat. Aber Pustekuchen mit Phosphat - das recherchierte vor Wochen die New York Times. Präsident Yonghong Li, so fanden die Amerikaner heraus, sei in China ein großer Unbekannter. Zu den 2000 wichtigsten Unternehmern zähle er jedenfalls nicht. Und die Phosphat-Mine sei unauffindbar.

Der US-Hedgefonds Elliott hat rund 300 Millionen Euro beigesteuert - der Zins ist hoch

Genauso mysteriös wie Yonghong Li, der "Präsident in Abwesenheit" ( La Repubblica) und sein angebliches Vermögen von 880 Millionen Euro bleibt der Verkaufsprozess an sich. Wieso und mit welchem Geld sollte ein Chinese, der aus dem Nichts kommt, dem Multimilliardär Berlusconi dessen Klub abkaufen? Fest steht, dass der US-Hedgefonds Elliott rund 300 Millionen beigesteuert hat, 183 Millionen an Li, 120 an den Klub, zur Schuldentilgung. Im Oktober 2018 wird Li inklusive Zinsen 383 Millionen zurückzahlen müssen.

Bis dann sind auch die Zahlungen für die vielen Transfers fällig, etwa für Leonardo Bonucci, der für 42 Millionen Euro von Juventus kam und bei Milan nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Dabei ist er von allen Neuen mit Abstand der prominenteste. "Wenn es dafür wirklich finanzielle Deckung gibt, hat Milan einen sensationellen Transfermarkt absolviert", stichelte im August die bekannte TV-Journalistin Ilaria D'Amico. Noch während der Sendung wies das AC-Management Trainer Montella an, das Interview mit D'Amico ausfallen zu lassen. Eine Zensurmaßnahme mit Beigeschmack: Die Journalistin ist die Lebensgefährtin von Juve-Torwart Gigi Buffon.

Man fragt sich indes, wieso eigentlich der Ligaverband solche Fragen nach den Milan-Finanzen nicht stellt. Das könnte daran liegen, dass Italiens Profiliga derzeit gar keine Leitung hat. Sie wird kommissarisch immer noch von Carlo Tavecchio verwaltet, der als Verbandspräsident soeben wegen der verfehlten WM zurücktreten musste. Italiens Fußball befindet sich im Chaos. Unglaublich, aber wahr: In einem der größten Klubs des Landes sind die Besitzverhältnisse beunruhigend nebulös - und niemand kontrolliert.

Inzwischen hat sich immerhin die Uefa besorgt wegen der Finanzlage bei Milan erklärt. Die Klubleiter - der Literaturwissenschaftler und ehemalige Ferrero-Manager Marco Fassone und ein chinesischer Mitarbeiter von Li - müssen im Frühling Rechenschaft ablegen. Weil man sich mit dem Ertrag aus dem China-Marketing verrechnet hat (angepeilt waren 90 Millionen jährlich, dabei bringt es selbst der FC Barcelona nur auf 13 Millionen), werden schon jetzt händeringend neue Geldgeber gesucht, die vielleicht nicht ganz so hohe Zinsen verlangen wie Elliott. Goldman Sachs habe abgelehnt, berichtet La Repubblica. Merrill Lynch habe sich bereit erklärt, dem Klub direkt was zu pumpen, nicht aber Mr. Li.

Wenn sich kein Investor findet, geht Milan an Elliott. Der Hedgefonds hat sich seinerzeit ein bisschen an der Argentinien-Pleite gemästet, na und? "Ich habe in gute Hände abgegeben", sagt Berlusconi. Und der Mann lügt nicht, das ist verbürgt - auch wenn man nicht so genau weiß, wessen Hände da im Spiel sind. Im Fernsehen wurde Berlusconi neulich darauf angesprochen, ob er nicht seinen alten Klub zurückkaufen würde. Er sagte nur: "Ich habe die Frage nicht verstanden."

Am Sonntag gab Gattuso, der kleinste Fisch im Haifischbecken Milan, seinen Liga-Einstand. Es ging zu Benevento, einem Aufsteiger, der in 14 Spielen genau null Punkte geholt hatte, Negativrekord aller europäischen Ligen. Gegen Milan holte Benevento dann einen Punkt, 2:2 stand es am Ende, und das Zustandekommen des späten Ausgleich des Aufsteigers ruinierte Gattusos Debüt erst recht. Der Torschütze in der fünften Minute der Nachspielzeit war Alberto Brignoli. Seine Position: Torwart.

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