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Fußball in Italien:AC Mailands dubiose neue Besitzer

David Han Li, Yonghong Li shows a AC Milan jersey during a news conference in Milan

Neuer Besitzer des AC Mailand: der 48 Jahre alte Yonghong Li (r.).

(Foto: Alessandro Garofalo/Reuters)
  • Der AC Mailand hat einen neuen Besitzer, er heißt Yonghong Li, ist 48 und kommt aus China. Viel mehr weiß man von ihm nicht.
  • Ein Hedgefonds aus New York half bei der Übernahme des italienischen Traditionsklubs.
  • Gegen die neuen Besitzer wirkt selbst Ex-Präsident Silvio Berlusconi fast schon vertrauenswürdig.

Mit dem Walkürenritt hatte es begonnen, mit einem Sprung ins Nichts hörte es auf. Zu Wagner-Klängen hatte der neue AC-Mailand-Patron Silvio Berlusconi 1986 seine Mannschaft ins Stadion laufen lassen. Am Gründonnerstag wurde das Requiem der Berlusconi-Ära gespielt und der an Tradition und Trophäen reiche Fußballklub an eine Käufergruppe übergeben, die als windig zu bezeichnen noch äußerst poetisch wäre. Und die gegenüber Berlusconi, dessen Taschenspielertricks in seiner Zeit als Italiens Regierungschef das Land an den Rand der Staatspleite gebracht hatten, plötzlich so vertrauenswürdig erscheint wie ein Gentleman der alten Schule.

"Gebt uns den Berluskong wieder", titelte am Karfreitag das erzbürgerliche Mailänder Blatt Corriere della Sera. Der Alte sei zwar oft peinlich gewesen, "aber jetzt werden wir beim Gedanken an ihm wehmütig". Was durchaus am Neuen liegen könnte.

Der heißt Yonghong Li, ist 48 Jahre alt und Chinese. Viel mehr weiß man nicht von ihm. Die italienischen Medien haben sich auf die Berufsbezeichnung "Broker" geeinigt, was in jedem Fall elegant klingt, aber alles oder nichts heißen kann, wahrscheinlich eher nichts. Beteiligungen an Verpackungsfirmen und Phosphatminen, Immobilien, geschätztes Vermögen zwischen 500 und 600 Millionen Dollar. Was nicht gerade ein Klacks ist, aber doch viel zu wenig, um den AC Mailand zu kaufen.

Dessen Preis hatte Berlusconi vor Jahren auf eine Milliarde Euro angesetzt. Er ging dann herunter auf 750 Millionen - und erhielt 740. Eine stolze Summe, wenn man bedenkt, dass der chinesische Elektronikkonzern Suning im vergangenen Sommer nur etwa die Hälfte für die Kontrolle des Lokalrivalen Inter Mailand berappt hatte. Suning-Chef Zhang Jindong sei zuerst an Milan interessiert gewesen, heißt es, doch der geforderte Preis war ihm zu hoch.

Li war zunächst mit zwei Kompagnons aus der Heimat angetreten, die sich aber nach einer gemeinsamen Anzahlung von 200 Millionen Euro zurückzogen - offiziell auf Geheiß der Regierung in Peking, die den Abfluss des chinesischen Kapitals in die dunklen Kassen des europäischen Vergnügungsbetriebs untersagt hatte.

Der Investor beschafft sich eine neue Geldquelle

Der Verkauf stand nach acht Monaten zäher Verhandlungen auf der Kippe, da verfiel Investor Li auf eine neue Geldquelle: Die Elliott Management Corporation sprang ein, ein Hedgefonds aus New York, der sich an der argentinischen Staatspleite satt gefressen hatte und dessen Geschäftsmodell die britische Zeitung Guardian auf die Formel brachte: "Es werden billige Schulden aufgekauft und wenn möglich mit Profit verkauft, oder der Schuldner wird verklagt." Diesen Herren gehört jetzt also im Grunde der AC Mailand, für den, so gestand Berlusconi, "es Ressourcen braucht, die eine einzige Familie gar nicht mehr aufbringen kann". Passender scheint offenbar ein internationaler Heuschreckenschwarm zu sein.

Ursprünglich war der Geschäftsabschluss auf Karfreitag terminiert worden, weil aber an diesem Tag in Luxemburg die Banken geschlossen bleiben, musste alles vorverlegt werden. Auf Luxemburg hatten sich Berlusconi, Elliott und Li geeinigt, weil da einiges leichter läuft als in China oder im realsozialistischen Steuerstaat Italien. Berlusconi ließ verlauten, er leide unter dem Abschied von seinem Lieblingsgeschöpf, das unter seiner Ägide fünfmal den Europapokal der Landesmeister bzw. die Champions League gewonnen hatte. Legendär sein Bonmot gegenüber Papst Johannes Paul II.: "Heiliger Vater, Sie sind wie mein Milan. Immer auf Achse für eine große Idee." Tatsächlich verlangte Berlusconi telegenen Offensivfußball, "denn nur Kommunisten spielen defensiv".

Nun wird der AC Mailand für ganz andere Ideen auf Achse sein, zuerst wurden Geschäftsführer und Sportdirektor ausgetauscht. Am Samstag wird erstmals eine Mailänder Stadtmeisterschaft mit Anpfiff um 12.30 Uhr ausgetragen, aus Rücksicht auf die Primetime in China. Und dann? "Wir müssen uns ja erst kennenlernen und verstehen", erklärte Trainer Vincenzo Montella. Das dürfte nicht so einfach werden. Berlusconi steht jedenfalls nicht zur Verfügung. Er gab den Platz auf der VIP-Tribüne an seinen Nachfolger ab und verzichtete auf sein Amt als Ehrenpräsident. Nach ihm die Sintflut.

© SZ vom 15.04.2017/chge
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