21. Oktober 2016, 10:23 Hamburger SV Gisdol predigt dem HSV die Offensive

Wieder einmal versucht ein Trainer, eine Kehrtwende in Hamburg einzuleiten. Markus Gisdol ändert Kleinigkeiten - und muss sich bereits für seine Art des Trainings rechtfertigen.

Von Jörg Marwedel

"Grenzenlos" freue er sich auf sein Heimdebüt beim Hamburger SV nach fast vier Wochen, sagt Markus Gisdol. Die HSV-Raute über den Initialen "MG" auf dem Trainingsanzug steht dem Schwaben prächtig. Bei der Pressekonferenz vor der Freitagspartie gegen Frankfurt ist er darum bemüht, eine positive Atmosphäre zu erzeugen: Das war ja sein erster selbstgestellter Auftrag bei seinem Antritt als HSV-Coach. Nur mit einer solchen Stimmung könne man auch eine gute Mentalität entwickeln, erklärte er. Diese Mentalität ist ja nicht nur dem Team, sondern dem kompletten Klub in den vergangenen Jahren abhanden gekommen. Also sagte Gisdol über das zuletzt mit zehn Mann erkämpfte 0:0 in Mönchengladbach: "Diese Einstellung sollten wir Woche für Woche zum Standard machen und uns dabei fußballerisch verbessern." Aufbauender kann man das nicht sagen bei einem Tabellenvorletzten.

Vor allem aber will er "ein bisschen anders spielen" als vorher. Man könnte auch sagen, Gisdol will das meiste anders machen als sein vorsichtiger, konservativer Vorgänger Bruno Labbadia. Der konnte mit den teuren Offensiv-Zugängen Filip Kostic, Bobby Wood, Alen Halilovic und Luca Waldschmidt wenig anfangen. Gisdol dagegen ist ein Prediger des Offensivfußballs, was wieder mal eine Kehrtwende in der HSV-Politik bedeutet. Dass seine neue Mannschaft seit acht Stunden kein Tor erzielt hat (davon 180 Minuten mit ihm), ist für Gisdol ein schlechter Witz: "Meinen Mannschaften konnte man bislang alles nachsagen, aber sie sind nie mit dem Problem des Toreschießens in Verbindung gebracht worden." Das Toreschießen werde er dem Team noch beibringen.

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Schnelle Stürmer, aber keine brillanten Sechser

Das Problem - Gisdol sagt lieber "Herausforderung" - ist freilich, dass der Klubchef und Manager Dietmar Beiersdorfer bei seiner Einkaufstour im Sommer die 30 Millionen Euro des Investors Klaus-Michael Kühne nicht besonders gut verteilt hat. Für Gisdols Taktik mit einer hochstehenden Abwehr sind zwar jetzt die schnellen Stürmer da, nicht aber der schon von Labbadia geforderte brillante defensive Sechser. Auch die für diese Spielweise nötige leichtfüßige Innenverteidigung fehlt. Emir Spahic ist zu alt mit seinen 36, der derzeit verletzte Johan Djourou leistet sich in fast jedem Spiel mindestens einen Aussetzer, das gleiche gilt für Cléber, der in Gladbach wegen einer Notbremse die rote Karte sah.

Der frühere Nationalspieler, Spielerberater und TV-Experte Thomas Strunz kritisierte schon vor Wochen bei Sport 1: "Die Mannschaft ist in ihrer Struktur nicht optimal aufgestellt." So etwas würde Markus Gisdol nie öffentlich sagen. Spekulationen darüber, dass der HSV im Winter personell nachbessert, hat er wegen der verordneten guten Stimmung natürlich nicht bestätigt. Darüber mache er sich derzeit "keinen Kopf", behauptet er.

Eine andere Debatte hat Gisdol vorerst abgewürgt, nämlich die um den 20 Jahre alten Alen Halilovic, jenes vom FC Barcelona geholte Mittelfeldtalent mit dem Beinamen "Mini-Messi". Der war von Labbadia kaum berücksichtigt worden, was in der Fanszene zu wüsten Beschimpfungen führte. Doch auch beim deutlich wagemutigeren neuen Coach spielte der Fünf-Millionen-Mann bisher nicht. Das Thema sei zum "Politikum" geworden, merkte Gisdol an. Aber der Junge sei noch nicht so weit.

Nachdem also auch der zweite Trainer das außergewöhnliche Talent Halilovic noch nicht für reif befindet, ist auch Beiersdorfer zurückgerudert. Jetzt sagte er vor Journalisten, Halilovic sei kein fertiger Spieler, sonst hätte man ihn nicht verpflichten können: "Es war richtig, dass Markus den Druck aus dem Thema und von Alens Schultern genommen hat." Labbadia ist Beiersdorfer nicht so zur Seite gesprungen. Die fünf Millionen Euro wären für bessere Defensivkräfte erst einmal sinnvoller angelegt gewesen; da wurde wohl der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. Gleichwohl könnte Halilovic am Freitag erstmals in der Startelf stehen. Denn Gisdol sieht sich auch als Entwickler von Talenten. In Hoffenheim hat er das mit Volland, Firmino, Süle oder Toljan nachgewiesen.

Unterdessen gab es erste Diskussionen über Gisdols Training. Das sei deutlich kürzer als unter Labbadia, grantelten die Kiebitze. Nun hat der Fußballlehrer begründet, warum das so ist. Um die Profis "an die neue Spielidee heranzuführen", könne er nicht zwei Stunden hochintensiv trainieren; das erreiche er besser über gezielte Übungen, die weniger lange dauern. Vor dem Frankfurt-Spiel lässt er die Profis zu Hause schlafen, das Training wurde in den Abend verlegt wegen des Bio-Rhythmus.

Wieder einmal versucht ein Trainer mit vielen kleinen Neuerungen, die Strukturen beim HSV aufzubrechen. Thorsten Fink, Bert van Marwijk, Mirko Slomka, Joe Zinnbauer und Bruno Labbadia sind in den vergangenen sechs Jahren daran gescheitert. "Wenn es Markus nicht packt, ist der HSV vielleicht ein unheilbarer Klub", sagt Helmut Groß, Gisdols alter Förderer aus seiner Heimat Geislingen, der auch Mentor von Ralf Rangnick war und ist. Aber Gisdol hat schon vorgesorgt. Er hat für das Projekt HSV erst einmal nur einen Neunmonatsvertrag unterschrieben. Klappt es auch mit ihm nicht, hat Dietmar Beiersdorfer das größte Problem.

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