bedeckt München 27°

Mats Hummels:Mats Hummels trägt den Fehde-Bommel

Der Bayern-Verteidiger hat nach dem Champions-League-Spiel eine Bommelmütze auf dem Kopf. Vielleicht ist das endlich die Wende in der total verswagten Fußballmode. Eine Stilkritik.

Die Geschichte von Fußballern und Kopfbedeckungen ist eine Geschichte voller Kappen, in Deutschland beginnt sie mit der Schiebermütze des Heiner Stuhlfauth. Stuhlfauth war von 1916 bis 1933 Torhüter beim 1. FC Nürnberg und außerdem Wirt der Gifthüttn. Er saß bis eine Stunde vor dem Spiel in seinem Wirtshaus, fuhr dann auf dem Motorrad zum Stadion und sagte "Dou bin i!". Dann stellte er sich ins Tor. Die Schiebermütze drückte das natürlich alles aus.

Die Geschichte von Fußballern und Kopfbedeckungen endete in Deutschland bis Mittwochmittag mit David Alaba. Alaba ist Außenverteidiger beim FC Bayern und in seiner Freizeit postet er Bilder auf Snapchat und Instagram. Er trägt dabei eine Kappe oder Cap, wie er sagen würde. Früher trug er sie seitwärts, jetzt wieder frontal. Auf der Cap sind ein D und ein A stilisiert zu einem Logo abgebildet. David Alaba will Stilikone und dabei selbst eine Marke sein. Die Cap drückt das natürlich alles aus.

Und nun kommt Mats Hummels mit seiner Bommelmütze und bringt das klar geordnete Kopfbedeckungs-Kontinuum total durcheinander. Der Fußball hat keine Erfahrung mit Bommelmützen. Wie soll man das einordnen? Gut, es gab natürlich Jens Martin Knudsen. Der war 65-facher Nationaltorwart der färöischen Fußballnationalmannschaft und außerdem Kraftfahrer einer Fischfabrik in Runavik. Knudsen pflegte mit einer weißen Bommelmütze das färöische Tor zu hüten, aber trotz aller Siege gegen Österreich reichte das nicht, um damit in Europa anzukommen.

Die Mütze, die Mats Hummels am Mittwochabend nach dem Champions-League-Spiel gegen PSV Eindhoven trug, war nicht weiß, sie war weinrot, der Bommel grau und weiß. Schlicht und elegant, soweit man das über eine Pudelmütze sagen kann. Die Mütze hatte kein Logo, nicht mal ein Sponsoren-Emblem, sie hatte im Wertekanon des modernen Fußballprofis also keinen Zweck und fiel schon deshalb auf. So wie ja auch der Bommel - oder eleganter ausgedrückt - der Pudel keinen Zweck hat. Der Legende nach soll man die Mütze so vom Kopf ziehen können ohne darunter zu fassen, das Knäuel in der Mitte soll eine Art Tassen-Henkel sein. Aber das macht ja in Wirklichkeit kein vernünftiger Mensch. Der Pudel hatte eigentlich nur den klar definierten Zweck, Kindermützen als Kindermützen zu kennzeichnen oder -wenn der Bommel ein bisschen baumelt - Nikoläuse als Nikoläuse. Auch das bringt Mats Hummels nun durcheinander.

Hummels ist mit Cathy Hummels geborene Fischer verheiratet und bei allen Witzchen, die man so über sie macht, hat sie unbestreitbar was mit Mode zu tun. Hat sie ihm die Mütze rausgelegt? Oder ist das Sexismus, wenn man dem Mann nicht zutraut, selbst für seinen Stil verantwortlich zu sein?

Wie auch immer: Wollmützen in geschlossenen Räumen sind ja eigentlich durch. Die Vollbart-Hipster von Berlin-Mitte bis Berlin-Kreuzberg trugen sie schon um das Jahr 2012 (die richtigen Hipster natürlich früher), um ihren Holzfäller-Style zu kultivieren. Männlich wirken beim Projekt-Arbeiten und Soja-Latte schlürfen. Aber: Diese Mützen hatten keinen Bommel, nicht mal einen ironischen. Um die gleiche Zeit gab es einen Bommel-Mützen-Trend unter Frauen. Dieser Trend zur neuen Niedlichkeit wurde allenthalben kritisiert. Puschel gehören zum Diddl-Mäppchen, aber nicht auf den Kopf, urteilte die SZ damals.

Bei Mats Hummels greift das Argument nicht. Er grätscht also mit Anlauf in die Mode rein. Und vor allem in die Fußball-Mode.

Flügelflitzer Zu viel Swag im falschen Moment Video
Videokolumne
Der Flügelflitzer

Zu viel Swag im falschen Moment

Ein Schiedsrichter im Designer-Outfit? Düsseldorfs Fußballer Kerem Demirbay erstaunt bei einem Mädchen-Kick - nicht der erste Fußballer in schräger Klamotte.

Waren Mitglieder der Fußballer-Kaste früher trainingsanzugbedingt total stilfrei, tragen sie heute rote Turnschuhe, Rucksäcke mit Nieten oder T-Shirts bis zu den Knien. "Den Swag aufdrehen", heißt das in deren Welt, in der die Abweichung von der Norm der Zweck ist, der alle Mittel heiligt. In einem vorläufigen Swag-Höhepunkt setzte sich BVB-Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang mit einem weißen Pelzmantel auf die Tribüne als würde er anschließend ein Hip-Hop-Video drehen (was er vielleicht auch getan hat). Die Mode des deutschen Fußballs wird im Jahr 2016 durch den Swag bestimmt und das einzige, was das mit Haut Couture gemeinsamt hat, ist, dass der normale Pullover-oder-Hemd-Mann damit nichts anfangen kann.

Mats Hummels konfrontiert die Fußball-Mode nun mit ihrem schlechten Geschmack und Gewissen. Er trägt den Fehde-Bommel durch die Arena. In einer Welt voll Testosteron trägt er das Kindliche auf dem Kopf spazieren. Er ist Vorreiter, weil er sich auf das Alte besinnt. Er ist mutig, weil eine Pudelmütze auch albern wirken kann. Er ist der Rebell mit Wuschelknauf. Von der Bommelmütze des Mats Hummels kann ein Signal ausgehen. Weitere Fußballer müssten sich anschließen. Der Winter naht. Wenn die Feder mächtiger als das Schwert ist, dann ist das Knäuel vielleicht auch stärker als der Swag.

FC Bayern München Vertrieben aus dem Himmel

David Alaba im Porträt

Vertrieben aus dem Himmel

Seine Karriere geht bergauf, der FC Bayern gewinnt stets, die Österreicher halten zusammen - für David Alaba war das bisher selbstverständlich. Nun merkt er: Das stimmt nicht.   Von Benedikt Warmbrunn