Fashionspießer: Wollmütze mit Puschelbommel Niedlichkeit nervt

In diesem Winter haben Wollmützen nicht mehr den üblichen Woll-Bommel, sondern einen extra plüschigen Fell-Bommel. 

(Foto: Mit freundlicher Genehmigung von myElisa.com)

Flauschige Puschel kannte man lange nur von Playboy-Bunnys. Doch in diesem Winter kommt es zu einer Puschel-Inflation in deutschen Städten: Überdimensionale Fell-Bommel zieren Jacken, Taschen, Schuhe, besonders Mützen - und versetzen ihre Trägerin zurück ins Diddlmaus-Alter. Eine Stilkolumne.

Von Jana Stegemann

Zur Ausbildung eines klassischen Playboy-Bunnys gehört es, 143 Sorten Alkohol voneinander unterscheiden sowie 20 verschiedene Cocktails mixen zu können. Im Gegensatz zum artverwandten Playmate braucht ein hauptberufliches Häschen also nicht nur einen schönen Körper, sondern auch einen einigermaßen wachen Verstand. Und während die der Freikörperkultur frönende Spielkameradin ausdrücklich mit der Kamera flirten soll, ist eine derartige Interaktion zwischen Kellnerin und Kunde nicht erwünscht. Heißt es von offizieller Seite. Dennoch hat seit Eröffnung der Playboy-Klubs Anfang der 60er Jahre der eine oder andere Gentleman der Versuchung wohl nicht widerstehen können, die Bunnys in ihr flauschig weißes Stummelschwänzchen am Po zu kneifen.

Eben diese Puschel haben nun erstaunlicherweise wieder Hochkonjunktur in deutschen Innenstädten. Allerdings in der abgeschwächten Klein-Mädchen-Variante. Statt am Po gibt es Plüschpuschel jetzt an Jackenzippern, Fellpuschel an Stiefeln, bunte Puschel an Ketten, glitzernde Puschel an Handschuhen. Und dann der Puschel-Super-Gau: die Tussi-Bommelmütze. Das harmlose, niedliche Playboy-Stummelschwänzchen für den Kopf.

Verständlich: Die wenigsten jungen Frauen, zumal halbwegs emanzipiert, streben eine Karriere als kellnerndes Kaninchen an, ergo können sie auf einen weißen Stummelschwanz gut verzichten. Aber warum überhäufen sie sich im Privatleben mit Puscheln an anderen Stellen des Körpers? Im Berufsleben sehen die meisten doch auch von zuviel zur Schau gestellter Mädchenhaftigkeit ab.

Heutzutage schließen Frauen gerne ein anspruchsvolles Studium ab, oft auch mit Auslandsaufenthalt, bevor sie in Robe oder Arztkittel schlüpfen. Niedlichkeit ist da fehl am Platz, Puschel sowieso. "Man soll sich nicht für den Job kleiden, den man hat, sondern für den, den man haben möchte", riet Giorgio Armani Berufseinsteigerinnen einst. Doch was die Damenwelt im Professionellen entbehren muss, das lebt sie nun im Privaten manchmal umso offensiver aus.

In diesem Winter haben Wollmützen nämlich nicht mehr den üblichen Woll-Bommel, sondern einen extra plüschigen Fell-Bommel. Der wackelt noch neckischer hin und her. Und stammt meist vom Angorakaninchen oder der Kaschmirziege.

Plädoyer für Putzigkeit

Gut möglich, dass dieses Plädoyer für die Putzigkeit der Versuch ist, einen Kontrapunkt zu setzen zum Diktat des Männlichen im Beruf. Ist es nicht weitverbreitete Meinung, dass zu viel Weiblichkeit der Karriere schadet? Und hält sich nicht seit Jahren hartnäckig das Gerücht, Frauen hätten in Bewerbungsgesprächen bessere Chancen auf den Job, wenn sie Männer-Parfüm tragen?

Der Bommelleidenschaft gibt frau also passender beim samstäglichen Stadtbummel nach. Einziger Nachteil: In gut geheizten Kaufhäusern glühen die Ohren schnell mit der Kreditkarte um die Wette. Schließlich erfüllt die Kopfbedeckung nicht nur einen modischen Zweck.

In den 60er Jahren trugen Schiffsjungen die sogenannte Bommel- oder Pudelmütze. Das hatte zwei Gründe: Zum einen hielt sie Kopf und Nacken schön warm und zum anderen blieb sie auch dann auf dem Kopf sitzen, wenn es auf See heftig zu stürmen begann.

Die aktuellen Ausführungen der Bommelmütze wirken jedoch, als hätte die Trägerin sich einen Seeigel auf den Kopf gesetzt oder eine überdimensionierte Klette. Und über ihrem Kopf blinkt ein imaginärer Pfeil, auf dem steht: Schaut alle her, wie supersüß ich bin.

Liebe Bommelmützen-Trägerinnen, bitte merkt euch: Diese ausgewiesene Niedlichkeit nervt. Ein Puschel gehört weder auf den Kopf, noch an den Hals, noch an die Schuhe, noch sonstwohin. Es sei denn, ihr seid sechs Jahre alt, schreibt am liebsten mit einem Diddl-Füller und bringt euer Pausenbrot in einer Prinzessin-Lilifee-Dose mit zur Grundschule.