Hamburger Stadtderby:"Wir trinken heute ein Bier mehr als sonst"

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Hamburger Stadtderby: Ekstase: HSV-Spielmacher Sonny Kittel und Stürmer Robert Glatzel bejubeln Bakery Jattas 2:1-Siegtreffer im Volkspark.

Ekstase: HSV-Spielmacher Sonny Kittel und Stürmer Robert Glatzel bejubeln Bakery Jattas 2:1-Siegtreffer im Volkspark.

(Foto: Michael Schwarz/imago)

Nach drei Jahren schlägt der Hamburger SV erstmals wieder den Stadtrivalen St. Pauli - und festigt seinen Anspruch auf den Bundesliga-Aufstieg.

Von Thomas Hürner, Hamburg

In den vergangenen Tagen war im Norden wieder einiges über Peter Nogly zu lesen. Die Älteren werden sich erinnern: Nogly, Spitzname "Eiche", war Verteidiger beim einst großen Hamburger SV, er war somit auch ein deutscher Meister und Europapokalsieger. In der Hansestadt ist Nogly deshalb ein prominenter Name, noch bekannter ist allerdings ein Bonmot, das in regelmäßigen Abständen erzählt wird: Nicht weniger als ein 8:0-Sieg sei eingeplant, hatte Nogly 1977 getönt, kurz vor einer Partie gegen den FC St. Pauli. Es sollte das erste Hamburger Stadtderby werden, das die Kiezkicker gewinnen konnten - und sie sollten hernach sogar Ovationen der HSV-Fans erhalten, die diese 0:2-Niederlage für ein einmaliges Malheur hielten.

Andere Zeiten waren das, natürlich, aber wohl niemand hätte es für möglich gehalten, dass ausgerechnet das kleine St. Pauli zum Angstgegner und Menetekel des HSV werden würde. Seit dem Abstieg des HSV haben fast ausschließlich die Paulianer triumphiert, und die Derby-Niederlagen setzten eine Kettenreaktion in Gang, die den früheren Bundesliga-Dino an sich selbst und an der fest eingeplanten Rückkehr in die Erstklassigkeit scheitern ließen.

Der HSV siegt im Derby - in der Tabelle steht St. Pauli aber noch immer weiter oben

Womit man beim Freitagabend wäre. Fußballer in roten Hosen streckten die Arme in die Luft, es wurden Flaggen mit rautenförmigen Wappen geschwenkt, durch den Volkspark dröhnte Heidi Kabels "An de Eck steiht'n Jung mit'n Tüdelband." Die Szenerie deutete stark auf einen Derby-Sieg der Heimelf hin, den ersten seit drei Jahren, und die amtliche Bestätigung war auf der Anzeigetafel abzulesen: HSV 2, St. Pauli 1. "Eiche" Nogly hätte also den sehr berechtigten Einwand vorbringen können, dass ein 2:1 ja noch lange kein 8:0 ist, dass der HSV ohnehin den Anspruch haben müsse, die dominante Kraft in der Stadt zu sein, dass St. Pauli in der Tabelle trotzdem vor dem Rautenklub positioniert ist. Aber warum hätte jemand auf die Idee kommen sollen, den Hamburgern, nach einem Jahrzehnt des kontinuierlichen Misserfolgs, auch noch diese kleine Vereinsfeier madig zu machen?

"Wir trinken heute ein Bier mehr als sonst", kündigte HSV-Trainer Tim Walter an, was schon eine Besonderheit für sich darstellte: Walter hat nicht unbedingt den Ruf eines ausgelassenen Partygasts, er gilt als herzlicher Familienmensch, der zum headbangenden Heavy-Metal-Rocker wird, sobald er sich in der Nähe eines Fußballplatzes befindet. Im Spiel gegen St. Pauli sah der Trainer die gelbe Karte, er diskutierte mit den Schiedsrichtern, er fuchtelte mit den Armen, er schimpfte, er trieb die Akteure auf dem Rasen an - und er sah, wie seine Band einen Auftritt hinlegte, der auch Fans von Metallica oder Iron Maiden gefallen hätte.

"So richtig die Spielkontrolle hatten wir nie", lautet das Fazit von St.-Pauli-Trainer Schultz

Walter ist ein radikaler Offensivlehrer, sein Spiel beruht auf permanentem Vorwärtsdrang. Das kann schon mal nach hinten losgehen, wie es insbesondere in der Anfangsphase der Zweitliga-Saison der Fall gewesen war. Das kann aber auch aussehen wie beim Stadtderby am Freitag: Der HSV agierte so, wie sich der Coach das vorstellt, er erhob ein Monopol auf den Ball und spielte Pässe, Pässe, Pässe. "So richtig die Spielkontrolle hatten wir nie", lautete das Fazit des ernüchterten St. Pauli-Trainers Timo Schultz. Insbesondere in der ersten halben Stunde machte die Walter-Elf die Paulianer mürbe, die übrigens dieselben Paulianer waren, die am Dienstag Borussia Dortmund aus dem Pokal geworfen hatten - und die mitten in der größten Druckperiode des Kontrahenten durch einen Treffer von Stürmer Guido Burgstaller in Führung gingen (30. Minute).

Das ist kein neues Phänomen beim HSV, es zerrt den Traditionsklub seit Jahren verlässlich aus den Aufstiegsrängen der zweiten Liga. Auch unter Trainer Walter hat es bereits einige vermeidbare Punktverluste gegeben, doch die Arithmetik ist eine andere als unter seinen Vorgängern, weil die junge Mannschaft auch nach Rückschlägen so mutig und entschlossen bleibt, als habe ihr jemand ein Selbstbewusstseinsserum injiziert. Es ist das wohl größte Verdienst von Walter, dass der HSV nicht mehr auf Ansage in seine Einzelteile zerfällt, er rennt und arbeitet und kämpft so lange, bis die Partie für beendet erklärt wird.

Unter Trainer Walter haben viele HSV-Akteure einen Schritt nach vorn gemacht

Und Walters wohl zweitgrößtes Verdienst ist, dass einzelne Akteure gewaltige Schritte nach vorn gemacht haben. So wie zum Beispiel der begabte Mittelfeldmann Ludovit Reis, der zu Saisonbeginn noch meistens quer oder nach hinten passte und sich jetzt mit der Quirligkeit eines Duracell-Hasen an den Angriffen beteiligt. Oder wie der Verteidiger und HSV-Kapitän Sebastian Schonlau, der seinen Status als Führungsfigur am Freitag durch den 1:1-Ausgleichstreffer gefestigt hat (58.). Oder wie der Spielmacher Sonny Kittel, der wie kein anderer Zweitliga-Fußballer eine intime Freundschaft mit dem Ball pflegt, der in den entscheidenden Phasen aber auch immer wieder untertauchte und jetzt die entscheidenden Pässchen spielt wie jenen, mit dem er das 2:1 durch den pfeilschnellen Bakery Jatta vorbereitete (70.).

"Wir freuen uns für unsere Fans, wir freuen uns über drei Punkte", sagte Walter: "Aber wir bleiben auf dem Boden, alles andere bringt uns nicht weiter." Bescheidenheit gehört neuerdings zur Vereinsräson des HSV, die Verantwortlichen und Mitarbeiter haben so etwas wie ein Schweigegelübde über offizielle Saisonziele abgelegt. Daran hält sich sogar der Trainer, dessen Selbstbewusstsein früher schon mal die Grenze zur Arroganz streifte, wie bei "Eiche" Nogly, dem seine großen Töne der Legende nach hinterher sehr unangenehm gewesen sein sollen.

Blöd nur, dass seit Walters Präsentation als HSV-Coach im Sommer eine Ankündigung in der Hansestadt kursiert: Nach drei vierten Plätzen in Serie, hatte Walter sinngemäß gesagt, könne ein viertes Mal sicher nicht das Ziel sein. Mit Hybris hatte das aber nichts zu tun. Walter hatte nur das ausgesprochen, was ohnehin alle HSV-Anhänger denken.

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