Bundesliga:"Ein sehr gebrauchter Abend"

Lesezeit: 3 min

Bundesliga: Unterliegt im Kampf um den Ball: Frankfurts Sebastian Rode (rechts unten) gegen Bielefelds Patrick Wimmer.

Unterliegt im Kampf um den Ball: Frankfurts Sebastian Rode (rechts unten) gegen Bielefelds Patrick Wimmer.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Eintracht Frankfurt wirkt zu Rückrundenbeginn ähnlich ratlos wie beim Start dieser Bundesliga-Saison - während Arminia Bielefeld einen Zauberkünstler und einen Weltklassetorhüter feiert.

Von Frank Hellmann, Frankfurt 

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier pflegt seit langem einen engen Draht in höchste Kreise des Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt. Aus diesem Führungszirkel wurde dem CDU-Politiker auch geflüstert, sich bei den für Montag angesetzten Corona-Bund-Länder-Beratungen für eine Zuschauerrückkehr im Profifußball einzusetzen. Tatsächlich hat Bouffier bereits dafür plädiert, bundesweit wieder 25 Prozent der Stadionkapazitäten auszuschöpfen.

Wobei die Eintracht als das hessische Aushängeschild am Freitagabend eigentlich von Glück reden konnte, dass lediglich 1000 Anhänger die Heimpleite gegen Arminia Bielefeld im Stadion (0:2) sahen. Der Kern des Stammpublikums quittierte eine gruselige Darbietung nämlich mit markigen Pfiffen. Kapitän Sebastian Rode räumte unumwunden einen "sehr gebrauchten Abend" ein, der als "große Enttäuschung" zu werten sei.

Frankfurts Fans saßen in den Blöcken auf der Gegengeraden, neben ihnen die riesige Banner mit der Eintracht-Legende Jürgen Grabowski und dem Frankfurter Rekordspieler Karl-Heinz Körbel. Was die aktuelle Generation jedoch vor dieser Kulisse bot, nannte selbst Trainer Oliver Glasner ohne Umschweife "stümperhaft".

Die Eintracht driftet in 2022 mit nur einem mickrigen Pünktchen aus drei Spielen ins Mittelmaß ab

Der Österreicher hatte den Tiefschlag im Stadtwald trotz 17:8 Torschüssen und 65 Prozent Ballbesitz schnell analysiert: Die Gegentreffer durch seine Landsleute Patrick Wimmer (5. Minute) und Alessandro Schöpf (27.) habe man den tapferen Gästen durch fehlenden Zugriff auf den Außenbahnen auf dem Silbertablett serviert. Und dann nahm das Unheil seinen Lauf, sagte Glasner: "Das Selbstvertrauen der Bielefelder stieg gefühlt mit jeder Chance, unseres wurde weniger." Zudem merkte Manager Markus Krösche an: "Wenn man hinten und vorne nicht konsequent agiert, verliert man das Spiel."

So driftet die Eintracht in 2022 mit nur einem mickrigen Pünktchen aus drei Spielen ins Mittelmaß ab. Das ist viel zu wenig für die Ansprüche eines Europa-League-Achtelfinalisten, der in der Winterpause offen über Champions-League-Ambitionen gesprochen hat. "Wir hatten uns den Start anders vorgestellt", gab Glasner zerknirscht zu, der wie auf den meisten seiner Stationen auch mit Frankfurt in der Rückrunde besser punkten wollte als in der Hinrunde. Nur zur Erinnerung: Nach seinem Amtsantritt hatte es für das erste Eintracht-Erfolgserlebnis bereits bis zum siebten Spieltag gebraucht. Ein glückliches 2:1 beim FC Bayern übrigens.

Bundesliga: Wirkt ähnlich ratlos wie seine Mannschaft: Frankfurts Cheftrainer Oliver Glasner beim Rückrundenspiel gegen Arminia Bielefeld.

Wirkt ähnlich ratlos wie seine Mannschaft: Frankfurts Cheftrainer Oliver Glasner beim Rückrundenspiel gegen Arminia Bielefeld.

(Foto: Revierfoto/imago)

So lange sollte jetzt die Sieglos-Serie besser nicht dauern, aber es ist offenkundig, dass die späten Gegentore beim Rückrundenstart gegen Borussia Dortmund (2:3 nach 2:0-Führung) dem auf energetischen Fußball gepolten Ensemble die Überzeugung geraubt haben. "Wir haben schon mehrere schwierige Situationen durchgemacht und haben jetzt zwei Wochen, um die Ärmel hochzukrempeln, hart zu arbeiten und zurück in die Erfolgsspur zu finden", sagte Glasner in der digitalen Pressekonferenz, auf der er wie immer einen beherrschten und sachlichen Eindruck hinterließ.

Aktionismus ist nicht Sache des 47-Jährigen, dem das spielfreie letzte Januar-Wochenende außerordentlich gelegen kommt, um die Defizite anzusprechen und abzuarbeiten. Hingegen wird sein Kollege Frank Kramer die Unterbrechung eher bedauern, denn für Bielefeld kann es seit einigen Wochen nicht besser laufen: Elf Zähler hat die Arminia aus den vergangenen fünf Partien verbucht. Der couragierte Auftritt im Frankfurter Stadtwald war der finale Beleg, dass es mit den Ostwestfalen aufwärts geht - zum Leidwesen einiger plötzlich in den Abstiegskampf verstrickter Konkurrenten mit deutlichen höheren Budgets.

Bundesliga: Hielt den Ball gegen Frankfurts Rafael Borré: Bielefeld-Keeper Stefan Ortega, gerüchtehalber als Manuel-Neuer-Backup beim FC Bayern gehandelt.

Hielt den Ball gegen Frankfurts Rafael Borré: Bielefeld-Keeper Stefan Ortega, gerüchtehalber als Manuel-Neuer-Backup beim FC Bayern gehandelt.

(Foto: Jan Huebner/imago)

Die Zutaten für den jüngsten Coup waren denkbar einfach: Man nehme einen Zauberkünstler (Patrick Wimmer), einen Torhüter in Weltklasseform (Stefan Ortega) und zudem neun Fleißarbeiter, die brav die Taktik ihres Trainers befolgen - fertig ist der Befreiungsschlag im Tabellenkeller. Kramer lobte zwar mehrfach die "super Teamleistung", kam aber gar nicht umhin, zwei Individualisten herauszustellen, die ein drittes Erstligajahr in Serie wahrscheinlicher machen.

Da war zum einen der österreichische U21-Nationalspieler Wimmer, bei dem weniger die von ihm erzielte 1:0-Führung beeindruckte, sondern die Vorlage zum 2:0 auf die Brust seines Landsmannes Schöpf, als Wimmer seinen rechten Fuß zum Flanken hinter das Standbein schwang. Eine so genannte Rabona, die so gar nicht nach Abstiegskampf aussah. "Im Training probiert man das eher aus Spaß. In der Situation habe ich kein Vertrauen in meinen linken Fuß gehabt", erklärte der 20-Jährige mit einem schelmischen Grinsen. Der vergangenen Sommer von Austria Wien verpflichtete Lausbub wusste: "Wenn das nicht so ausgeht, dann wird mir wahrscheinlich Arroganz oder so vorgeworfen." Doch Kramer will genau solche Aktionen von seinem Kreativspieler sehen.

Torwart Ortega verriet noch, dass das Talent Wimmer seine Mitspieler zwar manchmal begeistern, mitunter aber auch zur Weißglut bringen würde. Dennoch: "Das ist dieser jugendliche Irrsinn. Er hat was Verrücktes und Unbekümmertes, das uns guttut." Der Keeper und Kapitän hatte mit seinen Prachtparaden als zweiter Arminia-Matchwinner mindestens ebenso großen Anteil an diesem Dreier. Wie der gerüchtehalber auch als Manuel-Neuer-Backup beim FC Bayern gehandelte Ortega, 29, in der Nachspielzeit gegen den freistehenden Rafael Borré rettete, erinnerte an die spektakulären Taten, die gerade die besten Handball-Torhüter der Welt bei der laufenden Europameisterschaft aufführen.

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